Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
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ihrer Bruſt, glänzten an ihren Armen, waren in ihr pracht⸗ volles Haar geſtreut und ſtrahlten von dem dunklen Grunde in ſchimmernden Leuchten. Hinter ihr ſtand Baron Clairmont. Es war zum erſten Male, daß er ſich in dieſer Art öffentlich mit ihr zeigte, und man knüpfte allerlei Ver⸗ muthungen daran.

Sollte es wirklich möglich ſein, daß Clairmont ſich ſo weit vergäße dieſes Mädchen zu ſeiner Gattin zu wäh⸗ len, eine Kunſtreiterin zu ſeiner Gemahlin erheben zu wol⸗ len? Mit dieſer Frage wandte ſich Graf Ohlen in einem Zwiſchenact an die alte Gräfin Lindau.

Ohne recht die Antwort abzuwarten, wurde ſeine Auf⸗ merkſamkeit durch Anna gefeſſelt, die, wie es ihm ſchien, plötzlich erblaßt war und deren klaren, ſonnigen Augen mit einem bangen Blick zu ihm aufſchauten. Obgleich es nur ein Moment war, ſo hatte dieſer angſterfüllte Ausdruck ihn bis in ſeine innerſte Seele getroffen. Während ſein junger Freund Waldemar mit ſeltener Geſchicklichkeit und Vorbedacht, als ahne er, daß für die Beiden der entſchei⸗ dende Augenblick gekommen, die Gräfin Lindau unterhielt und durch ſeine witzigen, originellen Bemerkungen die Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhörerin zu feſſeln wußte, fragte Herrmann Anna, weshalb ſie plötzlich erbleicht und er⸗ ſchreckt ſei.

Es kam ein fremdes, unerklärliches Bangen über mich ich weiß es ſelbſt nicht zu deuten, aber mir iſt ſo weh, ſo beklommen und vor dem Blick, mit dem ihr Auge das ſeine traf, der wie ſchutzſuchend kindlich und gläubig auf ihn gerichtet war, erſchloß ſich ſeines Herzens tiefſter, heiligſter Schrein und gab ſeine Schätze an das Licht.

Wie es ſie durchbebte, wie es in ihr jauchzte und ju⸗ belte und ſie andachtsvoll die Hände faltete, als ob eine heilige Offenbarung ſich ihr kundthue, der ſie am liebſten knieend gelauſcht! Dazu rauſchten die Töne der gött⸗ lichen Muſik dahin, und die Wogen der Harmonie waren die Begleitung zu den Worten der Liebe, die, wenn ſie

Novellen⸗Zeitung.

zum erſten Male einem vollen, edlen Mannesherzen ent⸗ ſtrömen, etwas Feierliches, Erhabenes haben.

Auf dem Antlitz der Jungfrau lag kein Bangen mehr; die Sicherheit, die ſelige Ruhe, welche ihr Herz durchdrang, hatte ſich darüber gebreitet; vor dem ſtrahlenden Morgen⸗ roth des Glückes, das an ihrem Himmel heraufzog, waren die Wolken verſcheucht, die ihn verdunkelten. Komme was da wolle er war ihr, ſie war ſein eigen in alle Ewig⸗ keit, das ſagte ihm der feſte Druck ihrer Hand, der feucht⸗ ſchimmernde, vertrauensvolle Blick ihrer Kinderaugen.

Sie hatte wieder alles errathen Florita, das kluge, ſcharfblickende Weib, hatte mit den Falkenaugen alles er⸗ ſpäht; und während die Beiden überzeugt waren, ihr ſüßes, heiliges Geheimniß gehöre ihnen noch allein, da war ſie im Beſitz deſſelben und hatte im Innern jeden Moment mit Anna durchlebt; jeder Blick, jedes ungehörte und doch errathene Wort von ihm war wie ein ſiedender Tropfen in ihre blutende Seele gefallen. Doch wie unſäglich ihr Leiden war, heut verlor ſie die Herrſchaft über ſich ſelbſt nicht, ſie lächelte ihr ſüßeſtes Lächeln, ſandte ihre Zauber⸗ blicke umher, während die Eiferſucht ihr faſt das Herz zer⸗

(IV. Jahrg.

nagte.

Schon lange war die Oper beendet, faſt alle Logen hatten ſich geleert, und dennoch war ein ungewöhnliches Treiben und Drängen auf den Treppen und Gängen des Hauſes, als könne die Menſchenmenge keinen Ausgang fin⸗ den. Draußen ſtrömte der Regen in vollen Güſſen her⸗ nieder und trieb die Hinauseilenden wieder zurück. Be⸗ diente mit Mänteln und Schirmen ſuchten vergebens durch⸗ zudringen; dazwiſchen tönte das Rufen nach den Wagen, das Zanken der Kutſcher es war eine allgemeine Ver⸗ wirrung, ein Schwirren und Laufen ohne Gleichen. Graf Ohlen, der Anna führte, wurde, trotzdem ſie noch länger als Alle in ihrer Loge geweilt hatten, in den Menſchen⸗ ſtrom hineingeriſſen, doch ſein ſtarker Arm ſchützte die Ge⸗ liebte, daß kein unſanfter Andrang ſie berühre. Jetzt lich⸗

zierlichſten Tonweiſe in den prächtigen Sommermorgen hinaus⸗

ſang, war ſo freundlich und friſch wie ſein Geſang ſelber. Daß

er einer aus der allzeit wanderluſtigen Zunft der Maler war, er⸗ ſah man aus ſeinem frohen ſorgenloſen Weſen und aus dem gar leichten Bündel, das er trug. Dazumal, um das Jahr 1490, be⸗ gegnete man ja aller Orten dergleichen jungen und alten Wander⸗ urſchen, die nach den Niederlanden zogen, von wannen das Licht kam. Wer nur irgend in einem Winkelchen des lieben deutſchen Landes den Pinſel führte und die Palette zu handhaben verſtand, der meinte ein Stümper zu bleiben ſein Lebelang, wenn er nicht die Heimath der hochberühmten Geſchwiſter van Eyk und ihrer Nachfolger geſchaut und vor ihren glanzvollen Werken andächtig die Hände gefaltet. Jeder, der es ehrlich meinte mit ſeiner Kunſt, pilgerte lieber barfuß und bettelnd nach den Niederlanden, als daß er daheim in Deutſchland ſich's hätte wohl ſein laſſen. Wie die Kreuzritter nach Jeruſalem zogen, ſo wallfahrteten die Maler nach Antwerpen, jener ernſten Stadt, die an einem Walde lag, der nie⸗ mals Blätter trug, an einem Maſtenwalde, und von deren hohem, feindurchbrochenen Thurme ein Glockenſpiel tönte, wie man es wunderbar in der ganzen Welt nicht wieder hören konnte. Das Städtchen, das der junge ſingende Geſell aber eben durchwanderte, lag mitten im Herzen Deutſchlands und wurde Gotha genannt. Wie ein Häuflein Schafe hatten ſich die Häuſer

um einen Hügel zuſammengedrängt, auf deſſen Spitze die Veſte

Grimmenſtein ſtand wie ein recht böſer trotziger Wächterhund. Die kampfluſtigen Landgrafen von Thüringen hatten ſie erbaut und auch hohe Mauern rings um die Stadt gezogen. Das hätte wohl düſter und traurig ausgeſehen, wenn nicht zwiſchen den Häu⸗ ſern ſo viele ſchöne Bäume geſtanden, die mit ihrem frohen ſtol⸗

zen Grün die grauen Steine ordentlich auslachten. An den Wän⸗ den vieler Häuſer rankte ſich der wilde Wein; vor den Fenſtern blühten allerlei Blumen in Scherben; hinter den kleinen runden Scheiben blühten Mägdelein; vor den Thüren ſtanden bereite Steinbänke zu nachbarlichem Geplauder und zum Ruheplatz für müde Wanderer, und bei ſolcher Traulichkeit vergaß man bald die Mauern und das dräuende finſtere Schloß da oben. Auch der luſtige Wanderer ſchien ſich der Blumen zu freuen und ſchaute recht eifrig an jedem Fenſter in die Höhe, ob nun wegen der Gelb⸗ veigelein draußen, oder wegen der Röslein drinnen, das konnte ihm freilich Niemand anſehen. Er trug ein zerdrücktes Sammetkäpplein auf dem braunen Lockenhaar, einen kurzen dunk⸗ len Rock mit Pelz eingefaßt, enge dunkle Unterkleider, weite Schuhe und ein ſchneeweißes, ſaubergefälteltes Hemde, das oben aus dem Kleide hervorſah und den gebräunten Hals zierlich einſchloß, juſt wie man es auf den alten Bildern heute noch ſehen kann. Sein Geſicht war nicht ſonderlich fein, aber die Wangen blühten, um die Lippen wehte der erſte Flaum und die Augen waren Kinder⸗ augen, die von einem jungen reinen Herzen redeten, das noch an Alles glaubte und auf Alles hoffte. Wer tiefer und länger in dieſe hellen unſchuldigen Augen hineinſah, der hätte freilich auf ihrem Grunde etwas Beſonderes entdecken müſſen, den ſanften wunder⸗ baren Schein eines blauen Edelſteins, den man ſelten und immer ſeltner leuchten ſieht: dieſer Edelſtein heißt die Treue. Uralte

Sagen erzählen uns von Zauberaugen, die die Macht beſeſſen

Alle an ſich zu ziehen und feſtzuhalten, Augen, die Geneſung brachten den Todtkranken, frohen Muth den Tiefbetrübten und Glück den Verlaſſenen. Ich glaube, in ihrem Grunde ſtrahlte ein⸗ zig und allein nur jener köſtliche Stein, von dem ich eben redete,

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