Dritte Jolge.
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Novellen-Zeitung.
Saſon und Circus.
Novelle von
Sophie Verena. (Fortſetzung.)
Die Geſellſchaft tauſchte beſorgte Blicke aus. Die Unterhaltung hatte eine unangenehme Wendung genommen, die gefahrbringend zu werden drohte, und wie auf ein ſchweigendes Uebereinkommen ſammelten ſich verſchiedene Gruppen um Ohlen und Clairmont, beide in ein Geſpräch verflechtend, welches verhinderte, daß die Unterhaltung für einige Zeit eine allgemeine war. Während am oberen Ende des Tiſches das Geſpräch ſich um die Vorzüge und Verdienſte der verſchiedenen weiblichen Mitglieder der Kunſtreitergeſellſchaft drehte und für die kleine Roſamunde, die blonde Arabella Lanzen gebrochen wurden, dann wieder in anderer Theil der Verſammlung ſeine ganze Bewunde⸗ wung den ſchönen Pferden zollte, war Herrmann Ohlen hon einem älteren Kameraden in ein ernſtes Geſpräch ge⸗ ſogen worden, welches, erſt zwiſchen Beiden geführt, den⸗ ſoch bald wieder durch die ſichtlichen, faſt auffallenden Be⸗ nühungen von Clairmont, der ſich ſtets von Neuem hin⸗ iinmiſchte, ein allgemeines wurde.
„Gewiß, ich ehre und ſchätze Ihre ſtrengen, feſten örundſätze, mein lieber Ohlen,“ ſagte der ältere Officier —„aber dennoch ſcheint es mir faſt, Sie treiben dieſelben uf die Spitze. Ich weiß nicht, ob Sie eine beſondere Vranlaſſung haben von Florita ſo geringſchätzend zu derken,— die nach ihrem Betragen hier immer noch zu
ier Beſten dieſer Frauenelaſſe zu gehören, ja eine Aus⸗ nahme zu ſein ſcheint und den Namen„die Stolze“ wohl
nicht mit Unrecht trägt— oder ob ſich Ihre Verachtung zuf den ganzen Stand ausdehnt.“
„Laſſen wir vor allem Namen aus dem Spiele“— untgegnete Herrmann.„Meine Sympathie für die Frauen, weſche derartige Künſte treiben, iſt niemals groß geweſen; notzdem ich oft die Kunſtfertigkeit bewundern muß, ſo fößt mir der Anblick, wie ſie ſich vor der Menge produ⸗ eien, wie ſie— coquettiren und ſich geberden, ſtets einen unſberwindlichen Widerwillen ein. Ich vermag es nicht 3! begreifen, wie man Liebe und Zuneigung zu cinem ſilchen Mädchen faſſen kann, das ſich ſo aller Weiblichkeit eitäußert hat; ich kann die vielleicht bemitleiden, welche in 15 Stellung hineingezwungen iſt— das iſt aber auch alles.“
V
„Iſt es mit den Schauſpielerinnen und Sängerinnen nicht daſſelbe, geben ſie ſich nicht auch den Blicken der Menge preis, prangt ihr Name nicht auch auf den Zetteln an den Straßenecken, erkauft man nicht für eine geringe Summe das Recht ſie zu kritiſiren je nach der Laune, die in uns wohnt— wo liegt da der große Unterſchied? Und doch ſind ihnen die erſten Häuſer geöffnet, doch haben Gra⸗ fen und Fürſten ſich nicht zu gut gehalten aus ihren Reihen ſich Gattinnen zu wählen—“ rief Baron Clairmont mit einem triumphirenden Blick.
„Jeder hat ſeine beſonderen Anſichten über dergleichen“ — erwiderte Graf Ohlen.—„Wenn ich indeſſen auch von großen Künſtlerinnen gehört, denen nicht nur der Zu⸗ tritt zu den erſten Familien des Landes geſtattet, die dort aufzunehmen man ſich als eine Ehre anrechnete, ſo habe ich wenigſtens noch niemals vernommen, daß einer Kunſtreite⸗ rin ein Gleiches geſchehen ſei. Der Unterſchied der Le⸗ bensſtellung Beider iſt auch ein zu bedeutender. Während jene, von heiligem Eifer für die Kunſt beſeelt, durch ihr Talent, ihr naturwahres Spiel Wirkungen auf das Herz hervorbringt, die tief in das ganze menſchliche Leben ein⸗ greifen— übt dieſe nur eine Geſchicklichkeit aus, zu der wahrhaftig kein heiliger Kunſteifer gehört, die jede er⸗ langen kann und die wir überdies noch ganz gut entbeh⸗ ren könnten. Trotz aller Leichtigkeit und Leichtfertigkeit, an der es auch dort nicht fehlt, ſo iſt dennoch die At⸗ moſphäre, in der ſich die Künſtlerin bewegt, von einem ed⸗ len Streben, einer reinen Poeſie, höherer Weihe durchath⸗ met und ihr Genius trägt ſie über manche Klippe fort,— wo hingegen die ganze Umgebung der Kunſtreiterin meiſten⸗ theils nur aus rohen Elementen beſteht, an denen jede Zartheit und Weiblichkeit zu Grunde gehen muß. So ſehr ich nun den Unterſchied in der Lebensſtellung beider Frauen anerkenne, ſo muß ich dennoch geſtehen, daß ich für mein Theil ſelbſt die berühmteſte Künſtlerin nicht zur Gattin haben möchte, daß ich für mich ſtehen könnte, nie in Gefahr zu kommen eine ſolche Frau zu lieben— es wäre meiner ganzen Eigenthümlichkeit zu ſehr ent⸗ gegen.“
„Um ſeiner Sache ſo gewiß zu ſein, muß man ſchon gefeiet ſein durch eine andere Liebe, muß man kein Herz mehr zu vergeben haben,“ rief der junge Officier mit ſeiner alten Unbeſonnenheit aus.
„Und die ſchönen Augen, in deren Zaubernetz unſer edler, ritterlicher Graf ſich gefangen hat, gehören gewiß der—“
„Keine Namen, mein Herr Baron!“ rief Herrmann; und ſeine Stimme grollte wie ferner Donner, und hochauf⸗ gerichtet ſchaute er Clairmont drohend an.


