Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
228
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wühlte und gährte darin, wie ſie den Tand und Flitter, der ſie umgab, hätte abreißen und das ſüße Lächeln in die heiße Thräne kochenden Schmerzes verwandeln mögen! Jetzt, als ſie in einer ſtürmiſchen Wallung alles rings⸗ umher vergaß und nur auf die Eiferſucht börend, die in ihr tobte, den Kranz aus den nachtſchwarzen Locken riß und die Blumen entblätternd in alle Winde ſtreute, da wurde ſie für wahrhaftig großartig erklärt, dieſe Scene ſtellte ſie auf die Sonnenhöhe ihres Ruhmes. Verwundert ſchaute Florita um ſich der Beifall entriß ſie ihren Träumen, aber er fiel wie Hohn in ihre ſchmerzdurchſtürmte Seele; was der Ausdruck tiefinnerſter Wahrheit geweſen, man hatte es für meiſterhaftes Spiel genommen; der raſende Schmerz, der ihre Züge durchwühlt, er war eine vollendete Mimik geweſen. Hohn, furchtbarer Hohn! Wer weiß, wenn ſie plötzlich dem Worte gegeben, was ihr Herz zernagte, wenn ſie die Qual ausgeſchrieen, ob man es nicht für einen neuen Kunſtgriff gehalten! Wer ſuchte un⸗ ter dieſem Schimmer und Flitter, unter all' dieſem erborg⸗ ten Tand Wahrheit? wer dachte daran, daß inmitten dieſes Jubels, dieſes ſtrahlenden Leuchtens ein Herz in Todespein zuckte? Darum, ſchnell ſich erinnernd was ſie

dem Publicum gegenüber war, zauberte Florita ihr liebrei⸗

zendſtes Dankeslächeln hervor, während innen der Vulcan ſchäumte und gährte.

Nonellen-Zeitung. 4

Sie ritt ganz nahe heran an die Loge, in welcher der junge Officier jetzt ſaß und ſich in eifrigem Geſpräch zu

einer Dame niederbeugte. Florita hätte mit einem Blicke die ganze Erſcheinung derjenigen in ſich aufnehmen mögen, welche ihr ahnendes Herz als ihre Nebenbuhlerin bezeich⸗ nete. Aber was konnte ſie in dem ſchnellen Vorüberflie⸗ gen erſpähen? Es war ein ſehr junges Mädchen, blaß und zart, in reicher, geſchmackvoller Toilette, welches die ganze Aufmerkſamkeit des Grafen Herrmann Ohlen zu feſſeln ſchien doch irgend hervorragend Schönes oder Bedeu⸗ tendes vermochte Florita nicht an ihr zu entdecken. Konnte

(IV.

dieſer milde, blaſſe Stern mit ihr, der flammenden, ſtrah⸗ lenden Sonne verglichen werden?

Die junge Gräfin Anna Lindau, die ſo ſehr die Eifer⸗ ſucht der berühmten Kunſtreiterin erregte, beſaß nicht die Schönheit, welche blendet und ſchon weithin leuchtet und ſtrahlt. Sie mußte wie eine jener zarten Blumen, wie eines jener feinen Bildwerke in der Nähe geſehen werden, um die Vorzüge, welche ſie zierten, zu entdecken. Für den oberflächlich Hinſchauenden war Anna ein zartes, hübſches Mädchen, wie es deren ſo viele gibt aber der Blick des ſinnreichen Kenners erlabte ſich an den feinen, reinen Zü⸗ gen und Conturen des weichen, faſt noch kindlichen Ange⸗ ſichtes, über das die wechſelnden Gefühlseindrücke mit Of⸗ fenheit und Schnelligkeit flogen, bald Licht, bald Schatten darauf verbreitend. Die tiefdunklen Augen, die mit der hellen, goldigen Färbung ihres reichen Haares einen auf⸗ fallenden Gegenſatz bildeten, gaben ihrer Schönheit den ei⸗ genthümlichen Reiz. Es lag ein Hauch der Friſche und Unſchuld, ein Schmelz und Duft über der ganzen Erſchei⸗ nung des jungen Mädchens, wie ihn ſo nur die kurze, ſchnell vorüberfliegende Roſenzeit der erſten Jugendblüthe verleiht. Aber wer wird auf die kleine weiße Wald⸗ anemone blicken, mag ſie ſich noch ſo anmuthig auf ihrem ſchlanken Stengel wiegen und, von dem friſchen Grün der Blätter halbverborgen, ſchüchtern das weiße Köpfchen erheben, wenn dicht daneben die vollblühende, herrlichſte Roſe in aller Fülle ihrer Schönheit prangt?

Graf Ohlen fragte nichts danach, was man von ſeinem Geſchmack halte, indem er ſeine Aufmerkſamkeit dem milden Stern und nicht dem funkelnden Geſtirn zuwandte, um das heut Abend ſich alles drehte. Sein Auge glänzte hel⸗ ler, ſein kluges Antlitz wurde belebter, während er zu der jungen Dame ſprach und ſie zuweilen, den Blick erhebend mit den klaren, tiefen Augen freundlich zu ihm aufſchaute: Als nach der Schlußſcene unter donnerndem Beifall Florita wieder und wieder erſcheinen mußte und jedes Mal

Feuilleton.

5NSde

Anter der guilſotine.

Alexander Dümas erzählt in dem zweiten Bändchen ſeiner Causeries(Collection Hetzel Bruxelles 1858), ergötzliche Geſchichtchen.

In dem Raritäten⸗Cabinet der Madame Tuſſaud in Lon⸗

don wird unter anderen Sehenswürdigkeiten auch eine Guillo⸗ tine gezeigt, und zwar die echte, furchtbare Gulllotine, welche während der Schreckensherrſchaft unter den Händen Samſons ſo furchtbar zahlreiche und blutige Dienſte leiſtete.

Unlängſt wollte ein Pariſer verſuchen, wie es ſich unter dem mit dem Halſe in eben der blutgetränkten

drohenden Meſſer läge, Vertiefung, die einſt den Hals des unglücklichen Königs, der be⸗ dauernswerthen Königin umſchloß.

Er legte ſich daher nieder, zog den beweglichen Theil der Ver⸗ tiefung in die Höbe, ſteckte den Koͤpf hinein und ſenkte dann den obern Theil wieder auf ſeinen Hals herab. Er glaubte, daß er den Kopf eben ſo leicht wieder aus der Schlinge ziehen könnte, wie er ihn hineingebracht hatte, doch darin irrte er. Iſt der Kopf einmal in der Höhlung, ſo muß er darin bleiben, bis er fällt. Die Guillotine läßt keinen⸗Spaß mit ſich treiben.

das folgende

Wirth gemacht.

Eine kleine, verborgene Feder ſchnappt ein und verbindet die beiden Balken feſt mit einander, und da dieſe Feder nur dem Scharfrichter bekannt iſt, kann der Gefangene ſich nicht durch einen Druck auf dieſelbe frei machen. 4

Als nun unſer Pariſer ſo etwa fünf Minuten gelegen hatte und ſah, daß man nichts ſah als die Kleie in dem Korbe, in wel⸗ chen der abgeſchlagene Kopf fallen muß, verſuchte r es den qen Balken wieder in die Höhe zu heben, um ſeine Beſichtiee

4. 1 M Muſeums fortzuſetzen.

Er dachte ſich den Eindruck, den er in Frankrei en würde, wenn er an einer table d'hôte erzählte, daß er ſe m in eben die Höhlung gelegt hätte, in welcher der Ludn

abgeſchlagen worden war.

Aber er hatte die Rechnung Der

Oberbalken ſpottete aller ſeiner e ihn zu entfernen. Er hatte von der Feder gehört und ſuch ſig danach, als plötzlich ein Gedanke ihm den kalten Angſtſa, b aus allen Poren trieb. Er konnte die falſche Feder faſſen u ſtatt den Balken zu heben, das Meſſer berunterſchmettern laſſen So hätte er ſich ganz allein ſelbſt enthauptet, ohne die L

ringſte Abſicht des Selbſtmords zu haben. Er glaubte dahen

Jahrg.

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Re.

. 8* 8 4 da nichts Beſſeres thun zu können, als zu rufen. Er that es, doch dem