aller Gewalt— da krachte es, und beide Flügel der Thüre flogen ſo plötzlich auf, daß durch das ſchnelle, völlige Auf⸗ hören jedes Widerſtandes ſeine eigene Kraftanſtrengung ihn zu Boden geworfen hätte, wäre er nicht zurückgeſprungen. Zuerſt gerieth er in Verſuchung an den Beiſtand einer fremden Macht zu glauben, weil die kalte Luft, welche ihm bei der plötzlichen Oeffnung entgegen ſtrömte, ein Gefühl in ihm hervorbrachte, wie man ſich wohl die Berührung eines unſichtbaren Weſens denken kann; doch ſogleich be⸗ lächelte er ſich ſelbſt und trat auf die Schwelle, wo ihm ein feuchter Moderdunſt entgegendrang. Aber Alles war ſtill und dunkel; umſonſt ſtrengte er Aug' und Ohr an, er konnte Nichts bemerken, Nichts vernehmen. Er ging daher zurück und holte die Lichter, welche im Windzuge flackerten, den die einſtrömende, kalte Luft verurſachte. Mit jeder Hand einen Leuchter faſſend, doch beide zurückhaltend, da⸗ mit ſie wohl den Raum vor ihm erleuchteten, aber nicht ſeine Augen blendeten, kehrte er in den Marmorſaal zurück.
Dicker Moder und Staublagen deckten das kunſtvolle Parquet und machten jeden Tritt unhörbar. Trotz ſeines ſeſten Entſchluſſes nach wenigen Minuten die Erde zu ver⸗ laſſen, ſchritt er lautlos mit peinlicher Neugier vorwärts, wie vielleicht ein Verurtheilter das Schaffot betrachtet, welches er beſteigt. Die gewölbte Decke war einſt gemalt geweſen, doch große Stücke des Anwurfs waren herabge⸗ ſtürzt. Von den hohen Wänden hingen die gewebten Ta⸗ peten in Fetzen herab und wehten in der Zugluft. In zwei Ecken waren ungeheure Marmorkamine mit alten Gläſern und Pokalen und Meißner Porzellanfiguren dicht beſetzt.
An den breiten Pfeilern zwiſchen den Fenſtern hingen große Spiegel in geſchnörkelten Rahmen, und vor ihnen ſtanden Tiſche, deren gewundene Füße große Marmorplatten tru⸗ gen. Zwei waren zuſammengeſtürzt, da Meiſter Wurm zu fleißig das Holzwerk bearbeitet haben mochte, nur der mit⸗ telſte ſtand noch, und auf ihn ſetzte Reginald einen Leuch⸗ ter nieder.
Noyeſfen-Zeitung.
Wie mit warmem Liebesodem empfing ihn ſein trau⸗ liches Zimmer, in das er zurücktrat; aber ohne ſich aufzu⸗ halten, nahm er die Gewehre vom Tiſch und kehrte ſchnell in den Saal zurück, als hätt' er keine Zeit mehr zu verlie⸗ ren. Dort ſtellte er das zweite Licht zum erſten. Er legte die eine Piſtole neben den Leuchter als Reſerve und zog an der andern den Hahn auf. Schaurig ſchallte das Knacken von den hohen Wänden wieder, es war der erſte Laut, den er hier hörte, und ein kaltes Fröſteln überlief ihn. Und wieder belächelte er die Schwäche der thieri⸗ ſchen Natur. Noch einmal nahm er das Zündhütchen ab: das Pulver füllte den Piſton bis oben an. Er ſetzte das Zündhütchen wieder feſt, und nun hob er das Piſtol, die Mündung gegen ſich, den Finger am Drücker, ein Zucken — und es wäre vorüber.
Doch noch hatte er einen andern Zweck. Er kannte den Aberglauben: wenn man um Mitternacht, in jeder Hand ein Licht, ſich in einem großen einſamen Saale vor einen Spiegel ſtelle und rufe den Namen eines Verſtorbe⸗ nen, ſo müſſe der Geiſt deſſelben erſcheinen; rufe man aber dreimal ſeinen eignen Namen, ſo ſehe der Rufende Sata⸗ nas hinter ſich ſtehen.
„Auch dieſes will ich noch verſuchen, um zu wiſſen, ob eine höhere Geiſterwelt in dieſes Leben hineinragt; es iſt Thorheit, ich weiß es; aber dem Tode gegenüber ſchämt man ſich keiner Thorheit mehr.“ Dies vor ſich hinmur⸗ melnd legte er die Piſtole nieder und ergriff beide Lichter.
„Mutter!“ rief er.„Mutter! Theure, geliebte Mut⸗ ter! iſt es möglich, daß der Geiſt getrennt vom Leibe exi⸗ ſtirt und ſich den Lebenden bemerkbar machen kann, dann, gewiß dann mußt Du mich umſchweben; denn wie könnte eine ſo zärtliche Mutter ſelig ſein ohne ihr Kind? O Mut⸗ ter, umſchwebſt Du mich, ſo erhöre mein inbrünſtiges Flehen zu Dir: erſcheine mir und rathe, hilf mir! Noch einmal rufe ich Dich: O Mutter! Mutter! Mutter!“
Bildung— hörſt du aus ſeinem Munde nur die beiden Wörtchen
—„man bloß“—, ſo ſage nicht, daß du ihn nicht kenneſt.
Grüße ihn getroſt:„guten Morgen Berliner!“ Er wird deiner Vermuthung ſicherlich kein Dementi geben.
Dieſes kleine„man bloß,“ o es iſt eine Paſſage, die von al⸗ len Inſtrumenten der Betonung und Ausdrucksweiſe aufgenom⸗ men und geſpielt werden kann. Sieh nur dort die junge Gattin,
wie ſie dem Herrn Gemahl ſanft das Kinn ſtreicht und mit ſchmei⸗
chelnder Bitte um den Bart geht.„Ach man bloß ein neues ſeidnes Kleid à la Gerſon oder Morgenſtern.“ Da iſt dieſes man bloß wie die von der erſten Violine vorgetragene ſüß ſchmach⸗ tende Cantilene einer bezaubernden Roſſini'ſchen Weiſe. Hinrei⸗ ßend— unwiderſtehlich!—
Nun bringt der geduldige Gatte ein Geſchenk, das ſeinem Geſchmacke nach die vollſte Gewähr für einen zärtlichen dankenden Kuß bietet. Die Gattin muſtert es und ſchiebt es mit den Wor⸗ ten„man bloß“ bei Seite. Da ſpielt plötzlich die Bratſche die Melodie hart und vorwurfsvoll, ſo mürriſch, daß der getäuſchte Gatte ſtracks zum Notenpulte der zweiten Geige eilen und in be⸗ gleitenden Accorden der Bitte:„beſieh es doch man bloß ge⸗ nauer“ den harten Tönen der Bratſche erträgliche Harmonien un⸗ terbreiten muß.
„Die Eine, die ich liebe, ſie man bloß, keine Andere“ ſpielt der liebeſprühende Jüngling im dritten Stock auf dem vollen ba⸗ ritonen Violoncell ſeiner Herzensgefühle.— Die Mutter ſeiner Geliebten gibt die Antwort achſelzuckend und mit wegwerfendem
Blicke die Naſe rümpfend:„Naman bloß!“
In einer Geſellſchaft ſitzt man gemüthlich aber etwas ſchweig⸗ ſam beiſammen. Plößlich geht die Thür auf, der allgemeine Lu⸗
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ſtigmacher tritt herein. Jetzt kann die Ventiltrompete Soloſtücke vortragen.„Wo ſind Sie denn ſo lange geweſen?“ ſtürmt man von allen Seiten auf Hans Luſtig ein.„Ach hier man bloß, ach da man bloß, hier man bloß ein Häppchen, da man bloß ein Schlückchen.“ Und nun wird hier man bloß genippt, da man bloß gekoſtet; hier man bloß aus lauter Gefälligkeit und da man bloß aus lauter Galanterie. Der ganze Burſche ſcheint leibhaftige Verkörperung des„man bloß.—
Ein Dienſtmädchen ſteht in der Hausthür. Ein friſcheinge⸗ kleideter Grenadier geht vorüber. Es treibt ihn ſeine erſten ſchüchternen Zärtlichkeitsverſuche an eine Jüngerin des ſchönen
Geſchlechts zu bringen.„Was wollen Sie?“ fragt das Mädchen etwas ſchnippiſch, doch nicht gerade mit vollem Ernſte ſeine Zu⸗
traulichkeiten abweiſend.„Schönſte man bloß!“ ſchäkert er V wie die erſte Flöte, die unerwartet in einen ſtarkinſtrumentirten Orcheſterſatz einige Coloraturarabesken flicht.„Nun ſebe einer man bloß“ zankt ſie dagegen mit ſchlecht verhehltem Wohlgefal⸗ len, juſt wie die zweite Flöte, die auch fortwährend auf die erſte losfährt, ſie am liebſten aus dem Felde ſchlagen möchte und dabei nichts Beſſeres zu thun weiß, als ihr in Terzen oder Quarten nachzulaufen.— 4
„Wo willſt Du denn ſchon wieder hin?“ fragt im ärmlichen Dachſtübchen die Hausmutter den Hausvater. Die Schüſſel mit Kartoffeln dampft auf dem Tiſche. Es ſoll eine beſcheidene Abend⸗ mahlzeit gehalten werden.„Ich werde man bloß, Friederike!“ Und Friederike verſteht dieſe gedämpften, etwas heiſern, in jedem Mo⸗ mente mit Ueberſchlagen drohenden Waldhorntöne. Dieſes man bloß, das ungefähr ſo viel bedeutet als: einigermaßen nüchtern das Zimmer verlaſſen und völlig unzurechnungsfähig zurückkehren!
[IV. Jahrg.
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