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mit ſo unendlich liebenswürdiger, ihm tief ins Herz ſchnei⸗ dender Heiterkeit und Unbefangenheit erzählte: ſie habe am Morgen nach ſeinem Beſuche auf der täglich eingereichten Hötelrechnung, die zufällig an dem Tage verwechſelt wor⸗ den, den Namen einer Frau Olga aus H. bei Rehme ge⸗ funden, ſie habe dann von ihrem Franz erfahren, daß Re⸗ ginald dieſe Dame früher als ſie ſelbſt beſucht, daß er we⸗ gen des Beſuches bei dieſer die verabredete Stunde ihres Beſuches verſäumt und daß er endlich den Tag, an deſſen Abende ſie ihn in der Oper erwartete, auswärtig mit der Fremden zuzubringen vorgezogen habe. Das Alles noch nicht genug! Wie zum Hohne hatte Olga am andern Tage, den Reginald in der That ſeinem Dienſte opfern mußte, zu Helenen geſchickt und fragen laſſen, da ſie ja auch Herrn v. Perlmeer kenne, ob ſie nicht wiſſe, wohin ihr„gemein⸗ ſchaftlicher Freund“ heute deſertirt ſei.
„Teufliſches Weib!“ rief Reginald entrüſtet über dieſe hinterliſtige Rache aus.
Mit ihrer unnachahmlich freundlich kalten Ruhe fuhr Helene fort:„Sie werden natürlich finden, daß ich auf eine„gemeinſchaftliche Freundſchaft“ mit Frau Olga ent⸗ ſchieden reſigniren muß, und daß ich, da ich annehmen konnte, dieſe Olga ſei dieſelbe Olga, die ſo Epoche machend in Ihr jugendliches Leben eingegriffen, der Anſicht ſein mußte, die Philoſophie, die Sie eben bei mir abgeſchworen, ſei durch das Wiederſehen dieſer Dame zu neuer Geltung bei Ihnen gelangt, oder doch, wenn ſie in Ihrem Innern wirklich widerlegt ſei, ſie ſei nur zu Gunſten der Frau Gräfin Olga widerlegt.“
Reginald wollte ſich vertheidigen, er beſchwor Helene ihm Gehör zu ſchenken, dieſe aber wich mit derſelben Freundlichkeit, mit der ſie ihn ſo hart verklagt hatte, ſeiner Vertheidigung aus, als ſei die ganze Angelegenheit viel zu unwichtig, um Worte darüber zu verlieren. Artig, heiter, lächelnd, ſcherzend brach ſie auf, da ſie noch dringende Weihnachtsvorbereitungen habe.
Novellen⸗Zeitung.
IIV. Jahrg.
Reginald ſtürzte zu Arthur, er erzählte ihm Alles, legte die Mißverſtändniſſe dar, gab ſein Ehrenwort in keinem Verhältniſſe zu Olga zu ſtehen, nur aus Zufall ſie in Berlin getroffen zu haben, und beſchwor ihn bei ſeiner endſihaft Helenen dieſe Aufklärungen zukommen zu aſſen.
Arthur antwortete freundlich, aber halb ausweichend; er wiſſe nicht, ob er Gelegenheit haben werde, Reginald werde ſolche gewiß leichter finden. Aber Helene ging ihm conſequent aus dem Wege. Der Tag verging und am Abend ſetzte Reginald folgende Zeilen für Helene auf:
„Gnädige Frau! „Sie ſind meinen mündlichen Betheuerungen aus dem
Wege gegangen, nehmen Sie dieſe ſchriftlichen Verſiche⸗ rungen an, daß Sie mir Unrecht thun, daß meine Reue eine aufrichtige iſt!
„Es iſt mein Unglück, daß ich nicht wie meine Kame⸗ raden in Uniform das Leben leicht und harmlos nehme, ſondern nach Regeln und Grundſätzen es ordnen, daß ich aus jeder Erfahrung eine Philoſophie mir bilden will. Aber jede Philoſophie, ich lernte es kennen, iſt eigentlich: ein Wahnſinn, wie jeder Wahnſinn nur eine Philoſophie auf ſeine Art. Ich bin auf dem Punkte angekommen, wo meine Weltanſchauung mehr Wahnſinn als Philoſophie iſt — entreißen Sie mich der letzten Conſequenz!
„In alten Zeiten, wenn ein jugendlicher Ritter in Fäl⸗ len wie der meinige die Dame des Herzens um Vergebung zu bitten hatte, dann bewies er ihr ſeine Treue durch ir⸗ gend eine große That, indem er Rieſen erlegte oder Drachen oder Türken. Was liegt Ihnen an Rieſen, Drachen und Türken? Für mich gibt es nur ein Mittel Ihnen zu beweiſen, daß ich bereue bis zum Tode, daß Verzeihung von Ihnen mir mehr werth als das Leben!
„Retten Sie mich vor dieſem letzten Mittel, und ich wollte ein neues Leben beginnen, ein Leben mit der neuen
drama's uns verwickelte Verwandtſchaftsverhältniſſe auseinander⸗ ſetzen, aus denen hervorgeht, daß Jacques eine Verwandte ſeines Vaters heirathen will, die aber deren adelſtolze Verwandte ihm nicht gönnen, weil er als natürlicher Sohn entwickelt wird. Im vierten Acte erſt ſpinnt ſich eine Situation an, die fein und komiſch
will von einem Onkel Marquis adoptirt ſein, dieſer ſchlägt ihm die Bitte ab, iſt aber Willens, den jungen Jacques, den er lieben gelernt hat, eben weil deſſen Vater ihn nicht anerkennen wollte, als ſeinen Sohn zu adoptiren; nun iſt auch der wirkliche Papa bereit den Sohn anzunehmen, und vor einem Advocaten entwickelt ſich ein Streit der beiden Prätendenten der Vaterſchaft, der ſpaß⸗ hafter Weiſe darauf hinausgeht, daß nach den franzöſiſchen Ge⸗ ſetzen der Vater, weil er die ⸗Mutter nicht geehelicht hat und als verheirathet nicht ehelichen kann, weniger Recht zu ſolcher Adoption
iſt komiſch und dramatiſch fein angelegt, der Umſtand aber, daß
kaum wohlthuend erſcheinen laſſen.
Wenn in der Pauſe vom erſten zum zweiten Acte das Kind in den Windeln zum Heirathscandidaten avanciren darf, ſo hat es auch keine Schwierigkeiten, während der übrigen Zwiſchenpau⸗ ſen den jungen Heirathscandidaten zu allem Möglichen werden zu laſſen. Jacques, als er im letzten Acte angelangt, hat nichts we⸗
iſt. Des natürlichen Sohnes natürlicher Vater iſt bürgerlich, er
hat, als der unbetheiligte, unverheirathete Marquis. Dieſe Scene
die Anerkennung einer würdigen Mutter als das Motiv dieſer Komik benutzt iſt, wird ſie einem ſittlich feinfühlenden Publicum
niger gethan, als den Frieden für Frankreich, ja für Europa zu retten. Wie das geſchehen iſt, erfahren wir nicht; er hat dem Mi⸗ Jniſſter einen diplomatiſchen Dienſt gethan, und diplomatiſche Dienſte leiben natürlich Myſterien,— es kann für den Dramatikernnichts
Bequemeres geben als ſolche Diplomatie! Kurz, Jacques iſt ein großer Mann, als Dank für jenen Dienſt hat er ſich für den Herrn Sternay, der ſein Vater iſt, vom Miniſter den Grafentitel erbe⸗ ten; dem Vater, der ihm ſeinen Namen nicht geben wollte, ſchenkt er den Namen, den dieſer ſich erſehnte. Dieſer Herr Sternay, der als ſein Vater vom Geſetze nicht anerkannt iſt, iſt aber als Onkel Herminens, die Jacques jetzt doch noch heirathet, auch Onkel von Jacques, und ſo ſchließt denn das Stück, nachdem Sternay geſagt: „Sie rächen ſich edel; Sie wollten mich nicht Vater nennen, er⸗ lauben Sie, daß ich Sie jetzt Sohn nenne,“— mit den Worten von Jacques an ſeinen Vater:„Oui, mon oncle!“ Dieſe Anſpie⸗ lung auf die hier ſo en vogue gekommene Onkelſchaft im Allge⸗ meinen iſt die Pointe, auf welche dieſe ausführlichen prätentiöſen
5 Acte ſchließlich hinauskommen.. Solches war mein Eindruck bei der Lectüre. Ich habe ſeit⸗ dem auch die Darſtellung geſehen. Sie wiſſen, ich bin ſeit länge⸗ rer Zeit hier heimiſch, ich habe ſo mancher Theatervorſtellung bei⸗ gewohnt und könnte mich wohl endlich an die franzöſiſche Komödie gewöhnt haben, aber bei jedem neuen Beſuche iſt ihr Eindruck auf mich doch ein bewältigender. Dieſe Einfachheit und Eleganz, dieſe Wahrheit, Innigkeit, Rapidität und Sicherheit des Spieles rüh⸗ ren mich jedes Mal, nicht durch die Wirkung einer einzelnen Scene, ſondern durch den geſammten Eindruck der Vollendung, bis zu Thränen. Wie oft müſſen wir in Deutſchland hören, daß hochge⸗ bildete Kunſtfreunde das Drama, vorzüglich der Claſſiker, nur aus der Lectüre genießen wollen, da die Darſtellung ihre Ideale doch nicht erreiche,— wie anders hier! Was macht dieſe Dar⸗ ſtellung aus der Alltäglichkeit ſelbſt dieſes Stoffes! Ich habe mit B einmal der erſten Aufführung eines ſeiner Dramen, und
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