Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
171
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Dritte

daß Helene es bemterkte) in das Höôtel zurück, um der Ein⸗ ladung bei Olga Folge zu leiſten.

Olga hatte nichts Geringeres vor, als mit dem Freunde auf dem Pichelsberge zu ſpeiſen. Sie wußte es einzurich⸗ ten, daß man ſpät abfuhr, ſpät dinirte, dann andere Ge⸗ ſellſchaft dort fand und nicht eher zurückkehrte, bis die Be⸗ ſucher der Oper das Haus verlaſſen und bis auf die letzte Spur ſich zerſtreut hatten.

Wüthend über ihre Liſt eilte Reginald nach Hauſe. Ein neuer Schreck! Robert überreichte ihm ein amtliches Schreiben, Reginald erbrach das Siegel und las den Be⸗ fehl ſeines Oberſten, welcher ihn für morgen früh um ſie⸗ ben Uhr zu ſich beſchied, um die nöthigen Inſtructionen in Empfang zu nehmen, da der Prinz im Lauſe des morgigen Tages beſtimmt kommen würde. Reginald mußte gehor⸗ chen und mit dem frühen Morgen zu ſeinem Oberſten eilen. Der Prinz kam wirklich, er mußte ihn auf dem Bahnhofe empfangen helfen, ihn ſpäter nach Potsdam begleiten, wurde dort mit zur Tafel befohlen u. ſ.w., und als er ſpät mit ſeinem Prinzen nach Berlin zurückkehrte und augen⸗ blicklich ins Hôtel du Nord eilte, war Helene mit dem ſchleſiſchen Zuge ſo eben nach Hauſe gereiſt. Auch Olga ſah er nicht mehr, ihr Mann hatte ſie abgeholt und war mit ihr nach Weſtphalen zurückgereiſt.

Reginald ſchrieb augenblicklich einen Brief der Ent⸗ ſchuldigung an Helene, daß er ſie nicht mehr geſehen; er erhielt keine Antwort, weder von ihr noch von Arthur. Er war für die nächſte Zeit an den Hof gefeſſelt und wurde mit Auszeichnung behandelt; aber ein freundlicher Blick aus Helenens Augen hatte mehr Werth für ihn als die gnädigen Worte aller regierenden Häupter der Erde. Er erhielt auch einen B.'ſchen Orden; aber er fand ihn für zu

folge.

theuer erkauft durch die gezwungene Verhinderung, ein

Lebewohl aus Helenens Munde zu hören.

(Schluß folgt.)

Aus dem neuen Paris. Von

Albert Wolff.

Das tanzende Paris.

Der leichtfertige, unruhige franzöſiſche Charakter fin⸗ det den beſten Ausdruck in dem pariſer Tanze, welcher die originellſte Seite des franzöſiſchen Charakters bildet. Hierbei muß man nicht etwa an den deutſchen Tanz den⸗ ken, der ſich, in ſeinen Bewegungen geregelt, auch nach be⸗ ſtimmten Regeln erlernen läßt. Hat uns der Tanzmeiſter, bei einiger angeborenen Gelenkigkeit, das Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs des Walzers eingeübt, ſo können wir uns ruhig in jeden Salon wagen. Wir finden dort eine Tänzerin, welche nach dem gleichen Tanze eingeübt mit uns durch den Saal ſchwebt, und einige von der Na⸗ tur bevorzugte Tänzer, zu denen der Verfaſſer dieſer Zei⸗ len nie gehört hat, erheben den Tanz bis zur Kunſt. Dieſe Traditionen des Tanzes aber findet man in Frankreich nur noch auf den Thees der höheren Kreiſe, oder in den kleinen Salons der Bürgerfamilien. Dort geſtattet die Sitte, hier der Raum keinen Ausflug in den pariſer Tanz. Auf den öſſentlichen Bällen aber, wo Raum und Etiquette kein Hinderniß bieten, entfaltet ſich die franzöſiſche Freiheit, und Beine und Arme fahren mit einer nie geahnten Ge⸗ lenkigkeit in der Luft herum. Hier tanzt man nicht mehr, hier raſt man; der Pariſer, welchem in der Politik die Flügel zugeſtutzt ſind, findet auf den Bällen ein Ventil für ſein heißes, bewegliches Blut; dort ſpringt er ſeine Qua⸗ drille ungeregelt herum, die Beine folgen in ihren Bewe⸗ gungen der unmittelbaren Eingabe der Muſik, jeder macht ſeine Touren und Sprünge nach der augenblicklichen Laune, ohne ſich viel um ſein vis à vis zu kümmern, wild, phanta ſtiſch und gewaltig, eine getanzte Marſeillaiſe. Die pa⸗ riſer Bälle gehören ausſchließlich dem großen ungenirten

ſchen Diagnoſtik in ſich auf, die er dann ſeinen Schülern und einem großen Kreiſe älterer und jüngerer Aerzte in Leipzig vor⸗ trug. Er begann aber auch ſogleich, mit Berufung auf die Er⸗ folge der einfachen Behandlung der Kranken in Wien, die bisher gültigen unheilvollen Heilmethoden ſcharf zu geißeln. Literariſch wirkie er in dieſem Sinne durch ſein 1851 in 3. Aufl. erſchienenes Lehrbuch der pathologiſchen Anatomie und durch den im Jahre 1854 folgendenAtlas der pathologiſchen Anatomie. Uebrigens ging ſeinem Feuereifer die jugendliche Reform der Heilkunde nicht ſchnell genug. Kaum war er mit den Aerzten ſeiner Umgebung engagirt, ſo wendete er ſich auch an das Volt mit ſeinen Mahnru⸗ fen. Durch die Schullehrer, durch die Frauen, denen er zahl⸗ reiche und vielbeſuchte Vorträge hielt, hoffte er auf immer weitere Kreiſe wirken zu können. Seine Diätetik wollte nicht bloß zei⸗ gen, was und wie etwas in geſundheitlicher Beziehung geſchehen ſoll, ſondern ſie verlangte auch ein gewiſſes Warum. Dock's Einfluß auf das große Publicum vermehrte ſich durch ſeine ſchriftſtelleriſche Thätigkeit in der weit verbreitetenGarten⸗ laube. Sein ungekünſtelter, ſchmuckloſer Vortrag gibt allemal nur den Kern einer Sache; er macht überall den Effect der Ueber⸗ zeugungstreue, des offenen Wortes und der Verachtung jeglicher Phraſe. Daß Bock in der populären Verbreitung der Kenntniſſe über naturgemäßes Leben in ſeinem rechten Elemente iſt, zeigte er ferner durch dasBuch vom geſunden und kranken Menſchen ſiel o5); um Leipzig hat er ſich außerdem durch Beförderung und zun Feijeitung des Turnens ein weſentliches Verdienſt erworben. gebraön ſeiner wiſſenſchaftlichen Parteiſtellung ſteht Bock auf Tone f er äußerſten Linken, welche lieber von Grund aus Alles nuen, als am Beſtehenden mit neuem Material fortbauen

möchte, und der man den Vorwurf machen hört,ſie gehe in allen Dingen zu weit. Er bekämpft zwei gegneriſche Parteien auf einmal. Zuerſt diejenigen Allopathen, welche mit einem unge⸗ heuren Apparat von Heilmitteln den Körper zur wandelnden Apotheke machen und nur eine neue Krankheit der zu heilenden hinzufügen. Dann aber ſchlägt er ſich vorzugsweiſe mit den Ho⸗ möopathen herum, die mit ihremNichts keine Heilung erzielen können, wo der phyſiologiſche Arzt zu helfen, zu lindern und zu beſſern vermag, Für Bock ſelbſt iſt das Erkennen der Krankheit und die Anordnung der zweckmäßigſten Lebensweiſe das Wichtigſte. Die Heilkunſt bleibt ſo lange ein trauriges Anhängſel an der mediciniſchen Wiſſenſchaft, als die Aerzte durch dieſe Kunſt bloß Krankheitsproceſſe mit Hülfe von Arzneien zu heben trachten und nicht lieber Krankheiten dadurch zu verhüten ſuchen, daß ſie die Menſchen mit denjenigen, durch die Wiſſenſchaft ergründeten Be⸗ dingungen und Geſetzen bekannt machen, durch welche der Körper gefund erhalten und gegen die vielen krankmachenden Einflüſſe geſchützt werden kann.

Literatur.

Aus der Penſion. Frei nach dem Engliſchen des Hrn. Mayhew. Von Sophie Verena. Berlin. Allgemeine Deutſche Verlags⸗Anſtalt(Sigismund Wolff). 1858.

Dieſes Buch iſt in ſeiner ganzen Haltung ein completer Ge⸗ genſatz des vorigen. Es iſt aus der Penſion und für die Penſion und zwar die Mädchenpenſion geſchrieben. Ein kleines Käthchen wird von der Mama in die Erziehungsanſtalt der Frau Werner

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