Jahrgang 
01-26 (1858)
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Plätze zum Ausruhen bieten, andere auf die kleinen Dörf⸗ chen, wo um die Mittagszeit ein Kaninchen aus dem Stalle gezogen und in die Pfanne geworfen wird. Tauſende ver⸗ theilen ſich bei Bekannten in die kleinen Landſitze oder ein⸗ ſamen Sommerwohnungen, ganz Paris iſt à la cambagne. Dort wälzt ſich das harmloſe Volk auf der Erde herum im Sonnenſchein wie ein Hofhund, den man von der Kette läßt, in der kleinſten Landſchenke klingen und klirren die Gläſer, alles vereint ſich bei dem gemeinſamen Bedürfniſſe nach freier Luft. Arbeiter, Bürger, Fabrikanten, Stu⸗ denten und Soldaten, das Alles vereinigt ſich harmlos beim Mittagstiſche. Was die Eiſenbahnen und Miethwagen nicht aus Paris herausführen, das thun kleine einſpännige Karren, in welchen ſich befreundete Familien mit kalter Küche einpacken; ſo ſchlottern ſie aus Paris heraus bis zu der geeigneten Stelle der Umgegend, wo ſie ihr Lager auf⸗ ſchlagen, und der Franzoſe, welcher ſein Paris ſogar noch in den heißen Sommertagen liebt, wo es zum Tyrannen an ihm wird, klettert auf irgend einen Hügel und lächelt ſtill vergnügt auf den fernen HäuſerhaufenSon cher Paris. Montmorency iſt der bevorzugte Ausflug der bürgerlichen Claſſe, in dem ſchattigen Wäldchen ruht man gemüthlich aus von den Strapazen der Wache, der Student hält der begleitenden Dame einen Vortrag über Jean Jacques Rouſſeau, Angeſichts der Eremitage des einſtigen Aufent⸗ halts dieſes großen Franzoſen; unter der berühmten Eiche, welche Gretry's Namen trägt, weil ſie einſtens dem Com⸗ poniſten reizender Opern zum Lieblingsaufenthalte diente, ruht die Griſette und läßt ihre Gedanken ſentimental in die komiſche Oper hinüberſpielen, auf deren höchſtem Punkte, vielleicht bei einer Vorſtellung von Zemire und Azor, ihr erſter Lebensroman begonnen hat. Der Commis ſchwärmt hoch zu Roß neben der Tochter des Principals, während die vorſichtigeren Eltern auf Eſeln vergnügt hinten drein folgen. Der Pariſer amüſirt ſich auf dem Lande; er iſt heiter und geſellig, manchmal ausgelaſſen, aber nirgendwo

Noveſſen⸗Zeitung.

findet man in der arbeitenden Claſſe jene deutſche Tobſucht, welche unſere vaterländiſchen Handwerker in ſo hohem Grade beſitzen. Nur die ſchlechteren Subjecte vertheilen ſich in die dunklen Schenken der Barrieren und huldigen dem Bacchus, die wahre pariſer Arbeiterclaſſe iſt bei Wei⸗ tem geſitteter. Der deutſche Handwerksburſche mit dem leider unentbehrlichen Knotenſtocke verſchwindet an der Grenze, und hier in Paris gar, wo man jede ehrenvolle Thätigkeit anerkennt, widmen ſie ſich den Staatsgeſchäften oder dem Handwerke, hier verſchwindet jeder Standes⸗ unterſchied.

Der Handwerker, welcher in den Cafés oder ſonſtigen Beluſtigungsorten täglich mit Weuten jedes Standes ungehindert verkehrt, hat das Bewußtſein ſeiner ſocia⸗ len Stellung und Würde. Zuvorkommender und höflicher Natur, beſcheiden in ſeinen Anforderungen und Genüſſen, hat der pariſer Ouvrier der Welt die Lehre gegeben, daß man die Volksmaſſen weniger durch pädagogiſche Schrif⸗ ten und ſalonmäßiges Moraliſiren emporhebt, als vielmehr dadurch, daß man ſich nicht ſcheut ſie in directe geſellſchaft⸗ liche Beziehung mit den höheren Claſſen zu bringen. Einen großen und günſtigen Einfluß auf das pariſer Arbeiter⸗ leben haben die Frauen, deren beſtändiger Umgang oder gänzliches Beiſammenſein dem Handwerker eine Häuslich⸗ keit bilden und ihn ſo von dem Wirthshauſe möglichſt ferne halten. Arbeiter und Arbeiterin ſind dann nach Kräften thätig und gewöhnen ſich ſo an einander, daß ſchließlich der Segen des Herrn Pfarrers nur ſelten ausbleibt.

W. von Humboldt. Gerade weil wir den Werth des Vorliegen⸗ den aufs Wärmſte anerkennen, müſſen wir das Bedauern aus⸗ ſprechen, auch dieſem Unternehmen die umfangreiche Verbrei⸗ tung nicht prophezeien zu können, die es verdiente. Der Abſatz des verbreitetſten kritiſchen Journals beträgt gegenwärtig kaum über 700 Exemplare. Welch ein Abſtand gegen den Erfolg ähn⸗ licher franzöſiſcher und engliſcher Zeitſchriften! Gleich unverhält⸗ nißmäßig dagegen iſt die Auflage deutſcher populärer Bildungs⸗ journale. Ernſt Keil hat durch ſeinen publiciſtiſchen Takt ſeine Gartenlaube auf 60,000 Exemplare gebracht; der Engländer Herr Payne in Leipzig hat durch buchhändleriſche Speculation mit ſeinemFamilien⸗Journal ein faſt gleiches Reſultat erreicht. Sollten publiciſtiſcher Takt und buchhändleriſche Speculation nicht auch einen Weg finden, Intereſſen, wie ſie die neuenPreußi⸗ ſchen Jahrbücher vertreten, einem größeren Publicum zu ver⸗ mitteln?

Betrachtungen und Gedanken über verſchiedene wich⸗ tige Gegenſtände. Seinen Mitbürgern zum Nachdenken gewid⸗ met von Moritz Müller. Dritte Auflage. Karlsruhe. In Commiſſion bei W. Creuzbauer. 1857.

Dieſe Brochüre erſcheint uns merkwürdig, weil man einen Titel wohl nicht allgemeiner faſſen kann, als hier geſchehen iſt. Der Verf. betrachtet ſeineverſchiedenen wichtigen Gegenſtände vomreligiös⸗politiſchen Standpunkte. Die Arbeit ſelbſt beſteht meiſt aus Eitaten.

Verf. hat ſich übrigens ſchon früher auf anderen Gebieten der Schriftſtellerei verſucht; er hatLichtbilder auf einer Sommer⸗ reiſe nach Venedig und zurück erſcheinen laſſen, ſo wie eine

ten: wenn der Prieſter die heilige Hoſtie hochhebt.

. Geldwaaren⸗Phantaſie, die allendeutſchen RegierungenBi⸗ jouteriefabrikanten, ſo wie Liebhabern dieſer Induſtrie u. ſ. w. gewidmet iſt!

Miscellen.

Rauchwuth.

Die Wuth des Tabakrauchens iſt nirgends größer, nirgends allgemeiner verbreitet wie in Chili. Hier raucht alle Welt, Vor⸗ nehm und Gering, Alt und Jung, Mann und Weib, zu allen Ta⸗ geszeiten und an allen Orten. Die Cigarretten von wohlriechen⸗ dem Tabak ſieht man nicht nur auf der Straße, in den Kaffee⸗ häuſern, in den Geſellſchaftsſälen, ſondern ſogar in der Kirche brennen, und nicht bloß bei den Gläubigen, ſondern ſogar bei den

Prieſtern, die mit ernſter Miene die Cigarrette auch während des

heiligen Amtes nicht aus der Hand legen und zwiſchen jedem Verſe eines Pſalmes eine Tabakswolke von ſich blaſen.

Das Voͤlk Chili's, vielleicht von allen Völkern der ganzen Erde das devoteſte, hält ſich nur während eines einzigen Punktes des Gottesdienſtes für verpflichtet auf die Cigarrette zu verzich⸗ Dann ver⸗ löſchen die Cigarretten und die Köpfe ſenken ſich; doch ſobald der Prieſter den Kelch wieder auf den Altan geſetzt hat, ertönt durch den ganzen Tempel das Geklapper der Feuerſtähle, welche dem Feuerſteine Funken entlocken, und der Rauch des Tabaks vermiſcht ſich mit dem Weihrauch.

fIV. Jahrg. A.

li

Gedi Gwdt). 1858.