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Die anderen Sterblichen aber, welche durch ihre Be⸗
ſchäftigungen an Paris gekettet ſind, werfen von den dumpfen Pariſer Wohnungen aus ihre ſehnſüchtigen Blicke auf die Umgebungen und tröſten ſich während der Hundstage auf den erfriſchenden Gedanken des Sonnta⸗ ges und das Land. Der Fabrikant ſchafft ruhig drauf los und ſieht ſchon ſein zukünftiges Landhaus(etwa ein einſtöckiges Häuschen) an den Ufern der Seine. Der Schriftſteller oder die Kaufmannsfrau miethen ſich ein oder zwei Stübchen in einem benachbarten Oertchen, und der große Hauſe ſchnappt vergebens nach Luft in dem ngen Käfige, der ihn gefangen hält. Was noch in Paris bleibt, etwa die hohe Kaufmannſchaft, die Beamten oder die zahlloſen pariſer Müßiggänger, wälzt ſich gegen Abend durch die luftigen Champs Elyſées in das benachbarte Boulogner Wäldchen hinaus. Die Verſchönerungen, welche das Bois de Boulogne erfuhr, dienen nicht allein Paris zur Zierde und den Fremden als Anziehungspunkt, ſondern ſie waren auch eine Geſundheitsmaßregel, ein Ventil für das heiße, Kühlung ſuchende Paris.
Der eitle Pariſer, welcher das Panorama ſeines Bou⸗ levards(wäre es ſelbſt in der Vogelperſpective von der ſechſten Etage aus geſehen) weit höher ſchätzt als die größten Naturſchönheiten Europa's, der in den Cascaden von St. Cloud einen Niagara⸗Fall zu erblicken glaubt, der eine Reiſe in die Schweiz für überflüſſig hält, ſobald er die Schweizerhäuschen am Teiche von Enghien kennen gelernt, dieſer Pariſer hat in ſeiner liebenswürdigen Ein— fachheit kein Land mehr um etwas zu beneiden, ſeitdem das Boulogner Wäldchen umgebaut iſt; denn ohne ſich allzu⸗ ſehr von dem Centrum ſeiner Beſchäftigungen zu entfer⸗ nen, ohne die Unannehmlichkeiten oder die Koſten einer Reiſe zu ertragen, kann er nun für weniges Geld die Bou⸗
5. Müe logner See durchkreuzen; er kann ſich wie ein Venetianer
in der beflaggten Gondel faullenzernd herum taumeln, durch die Miniaturgrotten und Felſen zwiſchen den Waſ⸗
fo(g e.
ſerfällen herumklettern, und wenn er gerade romantiſch
geſtimmt iſt, kann er ſich ſogar auf eine einſame Inſel im Bois de Boulogne mit irgend einem weiblichen Freitag zurückziehen und ſtatt Cocusnüſſen das feinſte pariſer Diner dort genießen.
Das Boulogner Hölzchen, vor wenigen Jahren noch ein unwirthliches Gehölze, in welchem täglich viele Duelle ungeſtört Statt finden konnten, iſt heute die reizendſte und belebteſte pariſer Promenade. Man ſtaunt über die pariſer Geſchicklichkeit und Grazie, welche ſich auf dieſem kleinen Fleckchen Erde eine große Natur im Kleinen her⸗ zuſtellen wußte und dabei den Anforderungen jeder Claſſe Rechnung trug: breite, luftige Fahr⸗ und Reitwege für die Tauſende von Equipagen und Droſchken, dunkle, idyl⸗ liſche Fußwege für die Fußgänger. Aus der fernen Seine holt die Dampfkraft das Waſſer in die beiden ziemlich großen Seen, von einer aus herbeigeſchafften Felsblöcken aufgeworfenen Cascade wildmaleriſch herunterſtürzend. Auf dieſen Seen ſchwimmen zahlreiche Gondeln, aus wel⸗ chen ein ohrenzerfetzender pariſer Volksgeſang dringt. Rund herum an den Ufern lagern die zahlloſen Spazier⸗ gänger oder klettern ohne Lebensgefahr über die Felsblöcke der Cascaden, in den Equipagen liegen die graziöſen Pa⸗ riſerinnen, deren umfangreiche Toilette kaum ein Eckchen in dem Wagen läßt für den Begleiter und das Schoß⸗ hündchen, und von der wirklich ſchönen Inſel inmitten des Sees dringt das fröhliche Klingen der Gläſer herüber,
während die Militairmuſiker des nahe gelegenen Pré Catélan ihre Fanfaren durch die blaue Sommerluft hinausſchicken und ſo— dem Himmel ſei Dank— die Verſuche zu idyl⸗ liſchem pariſer Volksgeſang unterdrücken. Wie wäre Pa⸗ ris ſo himmliſch ſchön, ſeine Umgebungen ſo herrlich, wenn die Pariſer nur plaudern, nicht ſingen wollten, denn der pariſer Geſang iſt keine Kunſt, ſondern ein Naturzuſtand, nicht etwa wie der kräftige Jodler der bairiſchen Hochlän⸗ der, ſondern nicht ganz unähnlich jenem Mittelding zwi⸗
teuffel wieder eine andere Notiz irgendwo fallen läßt, welche als Senkblei für die öffentliche Meinung dient.
Dieſe Beſtimmung des Bureau's der„Centralſtelle für Preß⸗ angelegenheiten“ in Preußen gibt dem Inſtitut deshalb auch we⸗ niger einen politiſchen, als einen privaten Charakter. Hauscabinet des Miniſters, eine Art Preßminiſterium, eine Re⸗ daction, von wo aus die Provinzialpreſſe von Preußen inſpirirt und geleitet wird, und Herr von Manteuffel iſt davon der Redac⸗
teur en chef wie jeder andere Redacteur. Selbſtverſtändlich aber muß eine Betheiligung am Journalismus von ſolcher Seite die
Bedeutung und die Achtung vor der Preſſe des Landes außeror⸗ dentlich erhöhen.
Theater. griepenkerds Anna v. Walſek.
Braunſchweig, im Februar.— Noch immer bin ich Ihnen den verſprochenen Bericht über Robert Griepenkerl's neues Trauer⸗ ſpiel ſchuldig, das kurz vor Weihnachten ſchon zum erſten Male über unſere Bühne ging. Ich hatte immer gedacht, das Stück
würde inzwiſchen auf dem Berliner Hoftheater erſcheinen, und
der Erfolg, den es hier feiern dürfte, würde Ihr Intereſſe an dem Ausfall der hieſigen Inſceneſetzung alsdann überbieten. Indeß
in Berlin, ſcheint es, kommt es nicht dazu, und ſo will ich, in
Folge Ihrer neueſten Aufforderung, denn Ihnen ſchreiben, was
über dieſes eigenthümliche Product eines unſerer geiſtvollſten Dramatiker ſich Gutes ſagen läßt. Anna von Walſek iſt ein Tendenzſtück, und zwar ein Stück,
Es iſt ein
deſſen Tendenz bedeutungsvoll wird, wenn man in Erwägung zieht, daß der Dichter deſſelben Gelegenheit und Talent hat, die Tempe⸗ ratur und Strömungen der Luft in hohen, einflußreichen Regio⸗ nen kennen zu lernen, und daß er auch der Mann von Erfahrung und Weltbildung iſt, der Takt genug beſitzt, ſolche Intentionen für ſein Sujet nicht zu wählen, mit denen er gegen jene Luftſtrö⸗ mungen ſegeln zu wollen ſich herausnehmen müßte. Die Tendenz dieſer Anna von Walſek iſt gegen Niemand anders gerichtet, als gegen jene große Macht, die man eine dunkele und geheimnißvolle namentlich auch deshalb gerne nennt, weil man ſie öffentlich näher zu bezeichnen ſtets von einer heiligen Scheu zurückgehalten wird, ähnlich wie ſchon das kluge Volk der Juden den Namen ſeines Gottes Jehovah nicht auszuſprechen wagte, weil dieſer Gott ſei⸗ ner Zeit ein Gott der Rache war. Wenn nun Griepenkerl dieſe dunkele geheimnißvolle Macht als das böſe Princip, als den ver⸗ abſcheuungswürdigen Gegenpol gegen alles Gute und Liebens⸗ würdige in die Oekonomie ſeines Trauerſpiels einfügen wollte, ſo bot ſich ihm zunächſt die große Schwierigkeit, daß er dieſes ganze Princip, dieſen geſammten Gegenpol, alſo die eine wichtige Hälfte der wirkenden Kräfte ſeines Drama's entweder gar nicht oder doch nicht mit dem rechten Namen bezeichnen durfte. So kommt es denn, daß wir Herrn von Dupal, den Erzieher des Grafen Bruno von Walſek, Intendanten des Gräflich Walſek'ſchen Vermögens, durch das ganze Stück mit Intriguen und myſteriöſem Einfluß ſchleichen ſehen, ſo daß wir Grauen und Abſcheu vor ihm empfin⸗ den, ohne doch zu wiſſen weshalb, da wir nicht erfahren, was er eigentlich will, noch woher er die Mittel hat, mit denen er es will
In der vorletzten Scene erſt, nachdem Duval entlarot, als Er⸗ zieher und als Intendant abgeſchafft und die ſchöne reiche Erbin
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