V. Jahrg. Nr. 8.
Zweigen
thet⸗
Novellen-
Der Pöiloſoph in Aniform. V V
Erzählung nach dem Leben aus der Cavalier⸗Perſpective.
(Fortſetzung.)
Der Gang des Pferdes zeigte, daß es ihm heut wenig⸗ tens an lebhafter Bewegung nicht gefehlt hatte, und Gott⸗ lieb ſchüttelte den Kopf, als er es an der Stallthür in Empfang nahm, wo Reginald abſtieg. Dieſer wollte ins Schloß gehen, doch Gottlieb, ſeine Zungenfaulheit über⸗ windend, ſagte:„Der Herr Graf ſind beim großen Loch im Park.“
„Beim großen Loch im Park?“ wiederholte Reginald.
„Ja, das der Herr Graf für die Weihnachtskarpfen hat graben laſſen,“ erläuterte Gottlieb, und als hätte er ſchon zu viel geſprochen, zog er den warm gewordenen Ci⸗ cero in den Stall, um ihn abzureiben und ihm die ſon⸗ ſtige Pflege angedeihen zu laſſen.
„Beim großen Loch im Park für die Weihnachts⸗ farpfen?“ wiederholte ſich Reginald noch einmal in Gedan⸗
nn.„Das iſt Unſinn und muß einen andern Znſammen⸗
hang haben; aber da Arthur nicht davon ſpricht, ſo ſoll es nuch wohl Niemand wiſſen. Wie geheimnißvoll er geworden iſt, der ſonſt das Herz ſtets auf der Zunge hatte! Viel⸗
Licht iſt es auch belaſtet und bleibt nun in der Tiefe der
Bruſt.“
Reginald ging langſam auf das Schloß zu und be⸗ gegnete zwiſchen den Narciſſen⸗Beeten Arthur, welcher kam, um ihn zu ſuchen.
„Biſt Du im Park geweſen?“ war die erſte Frage Von ihm, und da dies verneint wurde, erzählte er befriedigt, er habe im Saal einen Boſtontiſch aufgeſchlagen zur großen Freude von Tante Boddelw; doch bitte er jetzt in vollem Ernſt, Reginald möge ſeine Unterhaltung nur auf gleich⸗
geregt. Reginald verſprach dies gern, denn er war her⸗
ſensfroh, daß man ſeinem Verſtoß ausweichend begegnen
wolle, und man ſpielte den ganzen Abend hindurch Boſton. Die Herren ſpielten leichtſinnig, wie es ſich gebührt, und verloren eine Kleinigkeit, Tante Boddel aber gewann Alles. Sie ſuchte zwar ihre große Freude zu verbergen, weil es ſich nicht ſchicke ſie zu zeigen, aber ſie war wirklich zu natürlich, als daß ihr dies ſchwierige Werk der Selbſt⸗ beherrſchung gelungen wäre.
Doch Reginald ſtieg dabei bedeutend in ihrer Gunſt, da ſie die tiefe Trauer und Verſtörung bemerkte, die, viel⸗ leicht nicht ohne Abſicht und Bewußtſein, auf ſeinen Zü—
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haltbare Caprice ſei!
gültige Dinge beſchränken, denn Helene ſei noch ſehr auf⸗
Zeitung.
gen ruhten, und als ſie die große Helene an das Bett der kleinen Helene begleitete, verſicherte ſie, die Alles beſchöni⸗ gen und verſöhnen mußte, ſie freue ſich ſehr, daß Arthur ſolchen Freund gefunden habe, denn es ſei ein geſcheidter und guter und liebenswürdiger Menſch, wenn er auch ſcheinbar die Witwen nicht liebe, was doch nur eine un⸗ Am Morgen des 14. Mai finden wir wieder die Ge⸗ ſellſchaft im Salon verſammelt. Tante Boddels günſtige Aeußerung mußte wenig Eindruck auf Helene gemacht haben, denn ſie behandelte den Gaſt ihres Bruders, unter der Maske der Höflichkeit, mit ausgeſuchter Nichtbe⸗ achtung. „Bringe Deinen Promenadenhut und Handſchuh,“ rief Arthur,„denn ich habe für meine verehrten Gäſte eine kleine Ueberraſchung im Park bereitet.“ „Das hätteſt Du mir doch wenigſtens ſagen ſollen,“ V bemerkte Tante Boddel etwas gereizt,„denn Du weißt, ich bin keine Freundin von Ueberraſchungen.“ „Ganz wie Napoleon! liebes Tantchen,“ entgegnete Arthur heiter.„Sammelplatz iſt das Orangerierund vor dem Saal.“ Die Geſellſchaft zerſtreute ſich lachend und fand ſich :. 5
bald an dem bezeichneten Ort wieder zuſammen, um, von Arthur geführt, ſich auf den Ueberraſchungsplatz zu be⸗ geben, wo Staunen ihre angenehme Pflicht ſein ſollte. Als ſie einige hundert Schritt in den Park eingedrungen waren, hörten ſie ein an dieſem Ort ungewöhnliches Rauſchen zu ihrer Rechten, und bald ſahen ſie Waſſer durch die Bäume blitzen, wo früher ein dichtes Gebüſch von Haarweiden und Erlen auf moraſtigem Boden an beiden Ufern des Bergbachs einen großen Raum unbenutzbar für Wege und Anlagen gemacht hatte. Helene brach in einen Ruf der Freude aus, und Reginald lobte die Idee ſehr,H obgleich er nach dem kurzen Geſpräch mit Gottlieb ſchon etwas Aehnliches vermuthet hatte; nur Tante Boddel blieb ſchweigſam, ſie hatte noch nicht den Aerger darüber über⸗ wunden, daß Arthur ſie nicht in ſeine Pläne eingeweiht hatte.„Man ſoll keine Geheimniſſe vor ſeiner alten Tante haben,“ wiederholte ſie ſtets von Neuem.
Die jungen Leute achteten diesmal nicht auf ſie, ſon⸗ dern eilten durch den neu angelegten Gang zu den Ufern des kleinen See's. Man ſtand hier auf dem Landungsplatz und konnte den ganzen Spiegel überſehen, der ſich an den Ufern theils in Buchten verlor, theils die Wurzeln großer,
ſtehengebliebener Bäume beſpülte und ihre Laubkronen wiederſpiegelte, theils ſich an den flach anſteigenden, mit Gras beſäten Rändern zu lagern und auszuruhen ſchien. Wo der Fluß von den Bergen eintrat, war ein Ausſichts⸗


