Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
112
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Gunther. Wohlan! Doch eins noch will beſchworen ſein S iegfr ied(in die Rede fallend). So mögen mein die Götter gnädig walten, Wie Du mir trauen darfſt. Nimm meinen Eid: Für mich der Kampf, für Dich des Kampfes Frucht! Wer Chriemhild minnt, den reizt kein ander Weib, Und ob's auch Freya's Zaubergürtel trüge.

Gunther.

Hab' Dank! Nun iſt der Stein von meiner Bruſt. Siegfried.

Und wann? Gunther.

Noch heut. Sobald der frühe Mond Hinabging, löſch' ich ſacht im Brautgemach Die Fackel aus. Dann harre mein am Vorhang Der Greifenpforte. Dorthin taſt' ich mich Und führe Dich im Dunkel ein. Siegfried.

Es ſei! Und ſchilt mich Baſtard, wenn ſich dieſe Löwin, Die übermüth'ge, nicht vor Tage noch Zahm wie ein Lamm zu Deinen Füßen ſchmiegt.

Dies das Ende des erſten Actes. Nachdem in der Zwiſchenpauſe gethan iſt wie geſagt, vernehmen wir im zweiten Acte aus Brunhilds Munde, daß ſie Siegfried liebt und daß ſie, um Niemandem als ihm ſich zu vermäh⸗ len, ihre Hand als Preis für ihre Beſiegung ausgeſetzt hat. In dieſer Stimmung iſt ſie natürlich auf Chriemhild, die Gattin des geliebten Mannes, nicht beſonders gut zu ſprechen und läßt denn auch alsbald bei der nächſten Ge⸗

legenheit ein paar ſehr ſpitze Worte fallen, die Siegfried ſo

entrüſten, daß er aus Rache, um Brunhild zu demüthigen, ſeinem Weibchen den ganz geheimen Handel mit dem Kö⸗ nige und ſeinem ſtolzen Gemahl anvertraut.(Schluß des zweiten Actes.) Brunhild wieder, der es verrathen wird, daß Siegfried des Nachts von ſeiner Chriemhild ſich ſtiehlt und durch das Schloß nach ihrem Flügel ſchleicht, glaubt

ſich von ihm geliebt, erzählt ihm ſelbſt bei der nächſten Ge⸗ legenheit die fabelhafte Geſchichte ihrer Neigung, warnt ihn,

ſeinegroße Seele nicht im Strome der Alltäglichkeit untergehen zu laſſen, und macht ihm amazonenhaft dreiſte Anträge, die der biedere Recke ſehr derb abweiſt. In der Verwandlung darauf führt ſie, in begreiflicher Exaltation, einen Auftritt mit Chriemhild herbei, der eine gewiſſe Aehn⸗ lichkeit im Tone mit der Zankſcene in Maria Stuart hat, und die beleidigte Frau Siegfried kann natürlich nicht um⸗ hin der ſtolzen Herrſcherin die Demüthigung ins Geſicht

zu können und hindert Siegfried, der an Flucht denkt, den Hof zu verlaſſen. Brunhild aber verlangt begreiflicher Weiſe Siegfrieds Tod. Gunther iſt ſchwach genug ihn nicht zu verſagen, indem er dadurch dann doch endlich zum Beſitz ſeiner Gattin zu gelangen hofft. Siegfried fällt durch Hagen. Brunhild aber nimmt ſich an ſeiner Leiche das Leben.

Als unſer liebenswürdiger, gemüthlicher und honetter (sic!) Bauernfeld in ſeinem StückeKriſen ein Scenchen aus einer Hochzeitsnacht der Neuzeit auf die Bühne brachte, deren Kataſtrophe darin beſtand, daß das liebende Bräut⸗

cchen dem etwas blaſirten Bräutigam ſo ungefähr das ſagte:

zu ſchleudern, von der ſie durch ihres Gemahls Ausplau⸗

dern Kenntniß erhalten, ſo daß in den geſammten erwähn⸗ ten freundſchaftlichen und ehelichen Verhältniſſen eine ge⸗ waltige Exploſion zum Ausbruch kommt.

Sollen wir nun den weiteren Verlauf der Handlung noch ausführlich darlegen? Ohne den Schmelz und Duft der Geibel'ſchen Behandlung ſchwindet er in wenige Züge zuſammen. König Gunther glaubt nach dem Geſchehenen noch immer ein gemüthliches Familienverhältniß anbahnen

Geheirathet haben wir uns, aber damit gut, geliebt wird

nicht, als bis Du mich wirklich liebſt, eine Wendung des Widerſtandes, durch die das kluge feine Köpfchen den jungen Eheherrn, der urſprünglich nur aus vernünftigen Rückſichten ſich vermählt hatte, zu der wärmſten Liebes⸗ flamme allmählich anfachte, da gab es gewiſſe Leute, die dieſe niedliche harmloſe Intrigue durchaus für unmo⸗ raliſch, ich glaube gar, für obſcön verſchreien wollten. Wenn jetzo nun oben exponirtes Stück nicht Emanuel Geibel ge⸗ ſchrieben hätte, wenn ferner die Fabel deſſelben zufälliger⸗ weiſe nicht auf einer literarhiſtoriſch accreditirten Helden⸗ ſage baſirt, ſondern die ganze Geſchichte von dem Amazo⸗ nenweibe, das am Hochzeitsmorgen, den Gatten verhöhnend, zu Pferde will, und von dem Gatten, der, ſie zu zähmen, ihr einen kräftigeren Recken unterſchiebt, das Alles wäre reine, freie, phantaſtiſche Erfindung eines original⸗moder⸗ nen Poeten, und wenn ein ſolches Stück zehnmal mit allem Reiz, mit aller pſychologiſchen und muſikaliſchen Virtuoſi⸗ tät der Muſe Geibel's ausgerüſtet wäre: was würden Ema⸗ nuel Geibel ſelbſt, was ſeine Leſer und ſeine Leſerinnen alle zu der Erfindung eines ſolchen Stoffes ſagen? Und weil eine rohere, ſeit Jahrhunderten verſchollene Zeit an der Erzählung ſolcher Abnormitäten ihr Ergötzen fand, darum ſollen wir, die wir unter einander ſo zartfühlend uns ſtellen müſſen, in ihrer ſceniſchen Darſtellung eine Er⸗ rungenſchaft begrüßen? Eine Zeit, deren ideelles Leben oder Erfinden in dergleichen Muskel⸗Conflicten ſich er⸗ ſchöpfte, kannte noch keine theatraliſche Darſtellung des Le⸗ bens; eine Zeit dagegen, deren zweite Hälfte die Kunſt, die Objectivirung ihres eignen Daſeins, auf der Bühne vor⸗ nehmlich, iſt, verſteht jenes Leben nicht mehr, deſſen höchſter Liebestriumph mit Rippenſtößen und anderen anſtößigen Turnübungen unzertrennlich war.

Bei jeder andern poetiſchen Gattung kann die Behand⸗

lung über alle möglichen Schwierigkeiten des Stoffes tri⸗

umphiren; beim Drama liegt die erſte Entſcheidung in der Wahl des Sujets. Der ſinnreichſte und liebenswürdigſte unſerer Dichter hat ſich bei dieſer ſeiner Brunhild entſchie⸗ den von nichts anderem als von edler Sympathie für va⸗ terländiſche literargeſchichtliche Originalität leiten laſſen. Nach unſerer unmaßgeblichen Anſicht iſt er darin, die Vor⸗ ausſetzungen des modernen Drama's verkennend, diesmal irregeleitet. Es ſollte uns freuen, wenn tiefer eingehende Kritik oder theatraliſcher Erfolg uns eines andern belehrten. R. Giſeke.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Hürr in Leipzig. Verlag von Alphons Hürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig⸗

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