Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
111
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Demüthigung doch nicht verbergen, Grund Deines Schmerzes, dem Du endlich gegen Sieg⸗ ftied in den Worten Luft machſt:

Nr. 7.] Dritte Folge. 111 Literariſche Beſprechungen. Brunhild. Eine Tragödie aus der Nibelungenſage. Gunther. Von Emanuel Geibel. Stuttgart und Augsburg, Griffſt Du verſchmachtend je J. G. Cotta'ſcher Verlag. 1857. Nach einem Becher ſchon und fandeſt drin Die Doppelhochzeit iſt zu Worms gefeiert; Brunhild, Anſtatt des ſüßen Trunks, nach dem Du lechzteſ, die nordiſche Amazone, die Fürſtin vom Iſenſtein, iſt die Geſchmolzen Erz- Gemahlin Gunthers, des Königs von Worms, geworden; Siegfried. Chriemhild, Gunthers Schweſter, iſt mit Siegfried, dem Errath' ich Dich? Brunhild? Freunde ihres Bruders, vermählt. Mit dem frühſten Mor⸗ Gunther.

gen der Hochzeitsnacht beginnt das Stück. Volker und agen Gunthers Dienſtmannen, exponiren uns in einer Eingangsſcene die Situation: Gunther hat Brunhild im Ringkampf beſiegen müſſen, ehe ſie ſich ihm verlohte, und Siegfried, Gunthers Begleiter auf ſeiner Brautfahrt, hat durch auffällige Nichtachtung dabei ſeines Herrn Braut zum Haſſe gegen ſich gereizt. Noch ehe die Sonne aufge⸗ gangen, tritt die gewaltige Brunhild in unbefriedigter Stimmung haſtig aus ihrem Brautgemach und verlangt nach ihrem Hengſt. Der verlegene Gemahl, ihr nach⸗ eilend, ſucht ſie zu beſchwichtigen und verſichert ihr: Es iſt nicht Sitte. Brunhild erwidert für eine ſo junge Frau ſehr entſchieden: Wer entſcheidet hier, Was Sitte ſein ſolll Heiß' ich Königin, Um jeder dumpfen Satzung mich zu fügen, Die altersſchwach ein Höfling einſt erſann? Schirrt mir den Hengſt! Gunther. Du ſollteſt nicht im Unmuth Die Satzung ſchmäh'n, die von des Fürſten Haupt Gemeines wehrt Brunhild. Ein Schwächling, wer von ihr Sein Anſehn borgen muß! Wer herrſchen will, Sei groß genug, des Flitters zu entbehren! Wo Kraft ſich zeigt, bleibt Ehrfurcht nimmer aus. Doch wozu red' ich hier? mich drückt die Luft In dieſen Wänden wie Gefängnißathem, Und draußen rauſcht der Wald und brauſt der Strom. Günther. Nun denn, ſo reite! Was verſagt' ich Dir? Um Mittag folg' ich nach, u. ſ. w. Brunhild. Nicht heiſcht' ich Dein Geleit; Und, beim Thor, mir däucht, Du haſt erfahren, daß ich meine Rechte, Dafern es Noth thut, mir zu wahren weiß. Armer Gunther! Wie ſchön Du Deine Worte auch

Thu' was Du magſt.

ſitzen magſt, um vor Deinen Höflingen ſolchen Vorfall zu

erklären und zu entſchuldigen, Du kannſt Deine innere

und wir ahnen den

O ſchmachvoll, ſchmachvoll, ſo betrogen ſein! Siegfried. Erkläre mir

Der Fels, auf dem ſie wuchs, der eisumſtarrte, Gibt eher Gunſt um Gunſt zurück als ſie. Siegfried. Ei, kühnes Weib will kühn erworben ſein. Günther.

Und meinſt Du, daß ich wie ein Schäfer warb?

Nein, bei den Sternen, die mit düſtern Augen

Ins Fenſter ſchauten, wenn um Minnelohn

Auf Tod und Leben je gerungen ward:

Ich that nicht minder. Aber leichter hätt' ich

Den wilden Rheinſtrom, der in Frühlingsnächten

Den Damnm zerriß, mit meiner Kraft gezähmt,

Als dieſes Weibes unnahbaren Zorn.

Wie vor der Wuth des Elements erlag ich,

Und nichts gewann ich, nichts als Schmach und Hohn.

Im ferneren Verlauf dieſes Zwiegeſpräches erfahren

wir denn nun freilich, daß Majeſtät Gunthers Schmach keine ſo ganz unverdiente iſt, denn um Brunhild zu ge⸗ winnen, hatte er ſich einer Hinterliſt bedient, die viel we⸗ niger noch als Brunhilds ablehnende Gewaltthat mit dem guten Tone ſich vereinigen ließe. Da Brunhild nämlich es zur Bedingung ihrer Vermählung gemacht hatte, daß ihr Freier im perſönlichen Wettkampfe ſie beſiege, ſo hatte Gunther, der zur Erfüllung dafür ſich zu ſchwach wußte, ſeinen Genoſſen, den unbeſiegbaren Siegfried, durch die zu⸗ geſagte Hand ſeiner Schweſter beſtimmt für ihn unter der

Maske des geſchloſſenen Viſirs den Wettkampf mit Brun⸗

hild auszuführen. In der jetzigen ſchwierigen Situation, die freilich wohl bei dem Naturell Brunhildens vorauszu⸗ ſehen war, bleibt denn nun dem Intriganten nichts anderes übrig, als das angefangene liſtige Maskenſpiel noch weiter fortzuſetzen. Gunther ſagt: Siegfried die Mitternacht iſt augenlos Wir tauſchten einmal ſchon Siegfried. Verſteh' ich Dich? Bedenke, was Du ſprichſt! Günther. Ich hab's bedacht, Sie trotzt, bis ihr Gewalt den Nacken beugte; Du biſt der Einzige, der's vermag, ſo thu's. Siegfried. Nun, bei den Untern, wenn Du ſelbſt davor Nicht ſcheuſt: Du haſt mein Wort, ich bin bereit. Ja, nimmer hat nach einem Kampf mich ſo Gelüſtet wie nach dieſem; gilt es doch Der Männer ganz Geſchlecht an ihr zu ſühnen. Ich will ſie Sitte lehren, zähl' auf mich!