Jahrgang 
01-26 (1857)
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1 Dritte Fo ge. 403

novellen-Zeitung.

Das Opfer des Zeitgeiſtes.

Eine tragiſche Geſchichte, nacherzählt von Ab.

Im Sturme raſt der Zeitgeiſt hin, Reißt Köpfe ab und Zöpfe.

Ich war, ſo erzählte mir ein Freund, früher öfters in B., einem jener zu einem unbedeutenden Landſtädtchen her⸗ abgekommenen Orte, das vor ſiebenzig Jahren als Reſi⸗ denz eines Ländchens blühte, wie ſie Deutſchland da⸗ mals zu Hunderten hatte, und deſſen Fürſt auch ſeine kampfluſtige Armee unter dem Befehle eines Vicecorporals im ſiebenjährigen Kriege ausrücken ließ, um den Trotz des alten Rebellen, Friedrichs von Preußen, zu brechen und ihn zum Gehorſam gegen Kaiſer und Reich zurückzuführen. Das alte, ehrwürdige Schloß iſt jetzt in einem ziemlich baufäl⸗ ligen Zuſtand; deſto üppiger und ſchöner ſtehen die Obſt⸗ und Blumengärten, wo einſt ein langweiliger Schloß⸗ garten, mit der unentbehrlichen Zopffriſur, welcher ihn die damaligen Hofgärtner unterwarfen, ſich ausbreitete.

In dieſen ſchönen Gärten ging ich öfters ganze Nach⸗ mittage ſpazieren, da mir das Städtchen ſelbſt ſonſt nicht viel mehr bieten konnte. Es war ziemlich ſtille da in den heißen Sommertagen, die Bürger und Bürgerinnen der Stadt wußten ihre Zeit beſſer anzuwenden, als müßig unter den Bäumen und zwiſchen den Blumenbeeten umher⸗ zuſchlendern. Nur eine einzige Perſon, einen Herrn von ungefähr ſechzig Jahren, traf ich dort beſtändig auf der Promenade. Er ſchenkte mir nie die geringſte Aufmerk⸗ ſamkeit, und ſelbſt als ich ihn grüßte, fand er ſich kaum be müßigt den Gruß zu erwiedern. Ein leiſes Kopfnicken mit einem ſcheuen, etwas unwilligen Blick war die Ant⸗ wort auf meine Zudringlichkeiten, für welche er wohl meine

Höflichkeit aufzunehmen ſchien. Deſſenungeachtet ließ ich V mich nicht abſchrecken, ſeine nähere Bekanntſchaft zu ſuchen, denn die ganze Erſcheinung des Mannes hatte etwas Un⸗ gewöhnliches, Ruinenhaftes, und, Ruinen aus ver gangenen Zeiten, wenn auch aus der Zopfzeit, haben immer etwas Intereſſantes. Daß der Unbekannte eine ſolche Ruine aus der Zopfzeit war, unterlag keinem Zweifel, denn die ganze äußere Erſcheinung war danach, und auch in ſeinem Gehirne mochte noch der Zipfel eines Zopfes ſtecken, den herauszuzaubern die Zeit vergebens ihre Künſte ange⸗ wendet haben mag. V In der Stadt hieß er nurder alte Knahn, und man lächelte, als ich mich ſo angelegentlich nach ſeinen Verhält⸗ niſſen erkundigte.Er iſt ja nicht recht bei ſich, fehlt ihm in der Oberſtube! ſagte man, und was ich ſchon längſt geahnt, erfuhr ich jetzt von den Leuten. Er hatte

bei mir nach und nach ziemlich an Intereſſe verloren, und ich kümmerte mich weniger um ihn, da es ihm ſo auch an⸗ genehmer ſchien.

So ſaß ich denn eines Nachmittags im Schatten der Bäume auf einer Raſenbank mit einem Buche in der Hand, in dem ich gerade nicht ſehr eifrig las. Ich ließ es bald ganz in den Schooß herunterſinken und horchte den Buch⸗ finken und Stieglitzen auf den Bäumen, oder ſchaute die langen Alleeen hinunter, an deren Ende die grauen Schloß⸗ mauern ſich erhoben. Da ſah ich denn wieder den alten Knahn unter den Bäumen daher kommen; auf ſeinem Ge⸗ ſichte lag tiefe Melancholie und der eigenthümliche Aus⸗ druck, welcher Geiſteskranken dieſer Art eigen iſt. Als er mich bemerkte, ſtarrte er mir einen Augenblick lang unwil⸗ lig wie gewöhnlich ins Geſicht, um ſich dann wirſch umzu⸗ wenden und ſchnell auf einem Seitengang aus meinem Ge⸗ ſichtskreis zu kommen. Doch ſchien es ihm heute zu mei⸗ nem Erſtaunen nicht gar ernſt damit zu ſein, denn bald kehrte er auf einem andern Gange wieder zurück in meine Nähe, um nochmals fortzueilen und immer wieder zu kommen. Endlich ging er haſtig an mir vorüber.

Ich hatte mich von der Raſenbank erhoben und trat ihm in den Weg.

Sie entſchuldigen, ſagte ich,wenn ich Ihnen irgend wie läſtig fiel, mein Herr! Ich werde mich ſogleich ent⸗ fernen, wenn Sie ſich dorthin ſetzen und dann ungeſtört ſein wollen! Denn ich glaubte, ſeine Laune hätte ſich heute auf die Raſenbank geworfen, und er wäre nun erboſt darüber, einen Fremden da zu finden.

Der Alte ſah mich an.

Sie lachen ja nicht?! Nein, Sie lachen nicht! ſagte er mit tragikomiſchem Ausdruck und Geberdenſpiel, und ich begriff nun die Menſchenſcheu des belächelten, bemitleide⸗ ten alten Mannes.

Ich ſchwieg und brauchte mich auch nicht gerade zu zwingen, ernſthaft zu bleiben, da mich der arme Geiſtes⸗ kranke jetzt wahrhaft dauerte.

Sie ſind ein guter junger Mann! fuhr der Alte fort.Sie ſind der Erſte, der nicht lacht, und Sie wiſ⸗ ſen wohl, daß ich das Lachen nicht ausſtehen kann! Sie ſind ſehr gut, ſehr brav, daß Sie nicht lachen, wie die Andern. Wollen Sie ſich nicht zu mir her ſetzen auf die Raſenbank da?

Wenn Sie's erlauben, mit dem größten Vergnügen!

Ich ſaß alſo auf einmal ganz unverhofft neben dem Manne, der mich ſeither immer floh und nun plötzlich Ver⸗ trauen zu mir gewonnen hatte. Ich hatte bald eine Un⸗ terhaltung über die gute, alte Zeit mit ihm angeknüpft, er ſprach lebhaft, in abgebrochenen, unzuſammenhängenden

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