ſo laßt mich vor meinem Ende hier oben auf der Bank
noch einmal ein Lied ſingen. Wenn dies geſchehen, beim
Phlegethon! dann will ich ohne Zagen durch einen Sprung
ins Meer freiwillig mein Leben enden. Wer Nichts da⸗
gegen einzuwenden, hebe die Hand auf!“ Das ganze Verdeck ſah jetzt aus wie ein Spargelfeld.
— Einſtimmig angenommen!— Nur Einige drängten
ſich hervor und machten Miene, ihm das koſtbare Gewand
auszuziehen, damit ſelbſt dieſes noch in ihre Hände komme.
— Arion aber dachte: ſie werden ſchon weichen. Wenn
ich meine Stimme erhebe, wenn ich ſinge, dann rühre ich,
wie einmal ein gewiſſer Aleſſandro Stradella, die Banditen
ſchon zum Mitleid. Er ergriff ſeine Leier und ſtimmte ſie
aufs Beſte. Er ſchlug etliche Töne an und nach einem kur⸗
zen Ritornell begann er ein hohes Preislied zu ſingen. Ach! welch ein Schmelz in dieſem Geſang, welch ein Portamento! Meeres, wie er die Argonauten bezaubert, er mußte wei⸗ chen vor den Tönen, welche das Herz hinauftrugen in den ewigen Frühling. Wucht, das Tauwerk des Schiffes hörte auf zu knattern, Aeolus ſelbſt hielt den Odem an.— Nur die Schiffer blie— ben ungerührt; ſie ſtanden da wie die Holzböcke und guk⸗ ten nach der Packkammer, wo die Reiſekoffer ſtanden.
Da übermannte den Sänger der Groll ob dieſer Härte in menſchlicher Bruſt; ſelbſt die kaltblütigen Fiſche waren von dem Sang gerührt worden, denn unten am Schiff ſchwammen lauſchende Delphine umher.
Arion hatte gelobt ſich ſelbſt den Tod zu geben, da⸗ mit er gehe in die ſtygiſche Nacht. Ein ehrlicher Mann hält ſein Wort.— Er umklammerte die Zither, ſchwang ſein Gewand in die Luft und„Leb' wohl, Madrid, nie
die wogende, ſich aufbäumende Fluth.
Und das war gut! So wollten es die Hallunken auf dem Schiff haben, die jetzt mit Habgier über die Koffer herfielen, deren ehemaligen Beſitzer ſie tief unten wähn⸗ ten im Kreisdirections⸗Bezirk lebendiger Heringe und Sardellen.
Aber— es ſollte anders kommen. Wie die Wellen auch branden, es gibt Varianten, der Himmel verläßt keinen Muſikanten.— Ein muſikaliſcher Delphin mit brei⸗
eeine Aalraupe zwiſchen die Beine und kutſchirte ihn jetzt aals Fiacre des Meeres durch die brauſende Fluth. War dies vielleicht der liebenswürdige hülfreiche Delphin, der
mit ihm ins Meer ſtürzte? War es vielleicht derſelbe Del⸗ phin, zu dem Ikadios rief:„Mein Hüon, mein Retter!“
durch ihn wohlerhalten ans Land geſetzt wurde?— Auch hier hatte ein treues Seethier Erbarmen. Wogen gar ſo hoch, pfiff der Sturm gar ſo gewaltig, ſo
ein Lied und bezähmte ſomit die erregten Elemente. Wahrlich! viel von einem Sänger und noch dazu von
einem, der ſo in die Patſche gerathen war, wie hier unſer
Freund Arion. Sich ſo lange überm Waſſer zu halten
ſtück vom Sänger, wie vom Delphin.
Der Geſang der Nereiden in der Tiefe des
Die Wellen des Meeres zähmten ihre
wende ſich Dein Glück!“ ſprang er über Bord, hinab in
tem Rücken erbarmte ſich des Sängers; er fuhr ihm wie
den Sohn der Ino ans Land trug, als ſich die Mutter
als er an der Küſte von Italien Schiffbruch gelitten und Gingen die
wendete Arion ſein altbewährtes Hausmittel an: er ſang
und nicht unterzugehen, das war ein gleich großes Kunſt⸗
[II. Jahrg.
In unſern Zeiten wäre eine ſolche Spritzfahrt bei den vielen Vereinen wider Thierquälerei gar nicht möglich. Das gute Vieh aber hielt treulich aus und ſteuerte ohne Compaß und Seekarte gerade nach dem Vorgebirge von Tänarus, wo es ſeinen Reiter wohlbehalten ans Land ſetzte. Innig gerührt umhalste jetzt Arion den getreuen Waſſerpolaken und rief: Komm, mein Fiſchchen, jetzt ſollſt. Du einen dankbaren Menſchen kennen lernen. Willſt Du Etwas eſſen? ein Frühſtück, eine Portion kalten Regen⸗ wurm, eine marinirte Klapperſchlange, mach' keine Um⸗ ſtände. Du haſt mir mein Leben erhalten, komm mit an den Hof, ich werde dafür ſorgen, daß Du eine Stelle bei der Seehandlung, daß Du die Rettungsmedaille am Bande empfangen ſollſt.
Nein! nein! ſchnappte der Delphin, die Hofluft kann ich nicht vertragen, dies vermag nur ein glatter Aal.
Er machte ſein Compliment, tauchte unter und— ver⸗ ſchwand auf immer.— Arion, ganz durchnäßt und erkältet, ließ ſich gleich in Tängarus ein Warmbier kochen und fuhr dann mit dem nächſten Omnibus nach Korinth.
Daſelbſt angekommen, konnte er ermeſſen, wie ſchnell der Delphin geſegelt war, denn die Schiffer waren noch nicht angelangt und konnten, was das Rudern betraf, dem Delphin nicht das Waſſer reichen.— König Periander nahm den Arion hochfreudig wieder auf und erſtaunte ge⸗ waltig, als er Kunde von dem Abenteuer auf der See empfing. Die heimtückiſche Verſchwörung gegen ſeinen Kammerſänger erregte des Königs Zorn und er gab ſein königlich Wort, daß die ganze Begebenheit ſtrenger Unter⸗ ſuchung anheimfallen ſolle.
Kaum waren die Schiffer in Korinth gelandet, als die ganze Mannſchaft in den Palaſt des Königs geführt wurde. Hier befragte ſie der Herrſcher, wo ſie den Sänger Arion gelaſſen, der ſich zu Tarent ihrer Führung anvertraut.
Ein alter Schiffer, der in ſeiner Jugend die Pocken gehabt, trat hervor und meldete mit kecker Rede: daß Arion auf der See verunglückt wäre und in den Wellen ſeinen Tod gefunden.
Da fuhr König Periander grimmig hinter eine ſpa⸗ niſche Wand, holte den Arion hervor und rief:„Kennſt Du dieſe Züge?!“
In dieſem Augenblick fiel die ganze Blaſe wie die Kinder in den„Huſſiten vor Naumburg“ auf die Knie und bat um Gnade.
Arion aber, als er dies bemerkte, taumelte zurück und rief: Ha! was ſeh' ich, was erblicken meine Augen?— Er erkannte diejenigen, die ihn auf dem Schiffe ausziehen und ihm noch das Hemd vom Leibe nehmen wollten, es waren— Theateragenten.
Periander machte kurzen Proceß. Er befahl, daß Arion augenblicklich auf ſeine Koſten in die„Galerie be⸗ rühmter Zeitgenoſſen“ aufgenommen werde. Die Schiffer hingegen befahl er zu kreuzigen und die Agenten ins Meer zu werfen.
Es geſchah. Die Agenten wurden beim Kragen ge⸗ nommen und ins Meer geſchleudert, wo ſie, einem on dit zufolge, in Haifiſche verwandelt wurden und ſo noch heute zum Schrecken vieler Mimen und Sänger fort⸗ leben ſollen.
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„Nr. 4
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