Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
607
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Oder daß ein Schwärmer, ſieht, das an Schönheit, Geiſt und Gemüth vollkommen, in Wahrheit und Wirklichkeit ein Ideal iſt, und daß er

Literariſche Beſprechungen.

Sein Ideal. Erzählung von Dr. Joſef Rank, Verf vonHofer⸗Käthchen,Schön⸗Minnele,Aus

dem Böhmerwalde u. ſ. w. Zwickau. Gebr. Thoſt. 1857.

Es iſt doch ſeltſam, daß die Lyriker und Novelliſten von Allem, was das menſchliche Leben im Allgemeinen Hei⸗ teres und Trauriges, Wahres und Schönes, Kräftiges und Geſundes darbietet, ſo wenig ſich anzueignen verſtehen und ihre Leere nur mit dem ausfüllen, was als das Unbeſtimm⸗ teſte und Unſinnigſte, Weſenloſeſte und Unverſtändigſte in Wahrheit ſich zu erweiſen pflegt, das ſind die Worte Liebe und Ideal, ſo wie ſie eben im alltäglichen Leben, in der Lyrik und Novelliſtik gewohnter Weiſe zur Geltung kommen.

Bei Allem, was wir ſonſt ſagen, ſollen wir unſere Sinne zuſammen nehmen; nur in der Liebe glauben wir dem Gegenſtande unſerer Neigung zu ſchmeicheln, wenn wir ſagen:ich liebe Dich ſinnlos! Alles, was wir thun im

Leben, ſoll von Verſtand zeugen; nur bei unſrer Liebe iſt.

es ein Verbrechen, wenn wir ſieVerſtandes⸗Liebe nen⸗ nen. Nicht anders iſt es mit den ſogenannten Idealen.

Nichts hat ſonſt in Wirklichkeit Werth, was wir nicht errei⸗ chen, nicht für praktiſch finden oder deutlich ausſprechen können, nur die Ideale ſollen ſtets unerreichbar, nie praktiſch und ewig unausſprechlich ſein!

Daß thatſächlich Liebe und Ideale ſehr oft ſehr unſin

durchaus nicht rechtfertigen laſſen, wer will das beſtrei⸗ ten? Daß gebildete und vermögende Töchter gebildeter

Dritte folge.

ſchweben ſah, wo er noch nichts als eine ſchlanke zarte Hand und höchſtens vielleicht bis zum Ellbogen einen weißen Arm erkannt hat, der das Rouleau herunterließ, daß ein derartiger, allerdings nicht ganz vernunftgemäßer Idealis⸗ mus eine Möglichkeit iſt, wer wollte das in Zweifel ziehen?

Ja, wir wollen nicht nur zugeben, daß ſolche ſinnloſe Liebe, ſolch falſcher Idealismus häufig vorkommen, wir wollen auch gern geſtehen, daß eben in ihrer Grundloſigkeit der nicht geringſte Theil ihres Glückes liegen mag. Ge⸗ rade der Widerſpruch gegen das Gewohnte, der Kampf mit der alltäglichen Ordnung, liegt darin nicht der Hauptreiz der tragiſchen Leidenſchaft? Und das, was man ſo Ideal nennt, würde das oft nicht aufhören, ein Ideal zu ſein, wenn man aufhören wollte, es ganz von ferne zu betrachten?

Wenn nun aber die Liebe oft eine ſo thörichte und das Ideal ein nur eingebildetes iſt, ſo hat der Dichter aller dings das Recht und die Pflicht, ſie ſo zu ſchildern; er ſoll

aber dann die Thorheit auch als Thorheit und die Einbil

berechtigte,

nig ſind und vor dem geſunden Menſchenverſtande ſich

und vermögender Eltern den gebildeten und vermögenden o 1 nicht ganz vermieden hat.

Compagnon ihres Vaters durchaus nicht lieben wollen, um höchſt leichtſinniger Weiſe einen jungen Bonvivant zu heirathen, der ihr und ihrer Eltern Vermögen durchbringen will, das ſoll zwar jetzt nicht mehr ſo oft vorkommen, wie in jüngſter Zeit, da die Beiſpiele zu abſchreckend wirken,

und da die Verſtandesbildung, vorzüglich des ſchönen Ge⸗

ſchlechtes, ſeit Julie Burow über Tötit⸗ Erziehung ſchreibt, ſo glänzende Fortſchritte gemacht hat, daß daſſelbe mit Recht nächſtens vorzugsweiſe das kluge Geſchlecht wird genannt werden müſſen. Daß es aber trotz der ſo mächtig um ſich greifenden Aufklärung bei dem Herzen eines jungen Mannes noch jeden Tag vorkommen kann, daß es, obgleich Onkel, Tanten, Erziehung und Verſtand ihm ſagen: Du mußt Deiner Schwägerin Couſine heirathen, dennoch und trotz alle dem an ein Paar braun zwinkernde Augey ſich hängt, die gar nicht ſchön, gar nicht geiſtvoll, gar nicht ſſchwärmeriſch ſind, die nur eben ſo ſonderbar zwinkern, und um deren willen er mit Onkel, Tanten, Erziehung und Verſtand ſich völlig brouilliren wird; daß ſolche unſinnige Liebe noch jeden Tag vorkommen kann, dafür iſt Referent im Stande, die ſchlagendſten Documente aufzubringen. der täglich ein Weſen um ſich

doch ſein Ideal ganz wo anders ſucht, da vielleicht, wo er

-vis hinter Vorhängen des Abends einen dunklen Schat⸗

der des Morgens ein weißes Gepand flüchtig vorüber⸗

dung als Einbildung, nicht aber die alberne Liebe als eine das grundloſe Ideal als ein wirkliches Ideal bezeich ynen.

Die freundliche Leſerin wird dieſe Betrachtung vielleicht etwas zu lang und ernſt und gründlich gefunden haben, dieſe Länge und dieſe Gründlichkeit aber ſicher bei der Ent⸗ ſchuldigung verzeihen, daß die darin angeregten Gegen⸗ ſtände uns eine ſolche Wichtigkeit zu haben ſcheinen, daß ſie, nach unſrer Meinung, nie anders als mit dem äußer⸗ ſten Ernſte, der Breite und der Gründlichkeit der Wiſſen⸗ ſchaft behandelt werden dürfen. Die Veranlaſſung dazu

gab uns die überſchriebene Novelle unſeres Freundes Joſef Rank,

dem wir leider vorwerfen müſſen, ſoweit wir ſie verſtehen, daß er den Fehler, den wir unſern Lyrikern und Novelliſten oben im Allgemeinen machten, ſeinerſeits auch

Held Nr. 1 der Novelle hatſein Ideal, von dem die Erzählung den Titel führt, ungefähr in der oben be⸗ ſchriebenen Weiſe hinter den Fenſtervorhängen kennen ge⸗ lernt, oder vielmehr nicht kennen gelernt, denn er hatte eigentlich nur das Canarienvögelchen und die Blumentöpfe kennen gelernt und weiß von ſeinem Ideal nicht, ob es blond oder brünett, blauäugig oder braunäugig, alt oder jung, hübſch oder häßlich iſt; er weiß eigentlich nur, daß dort etwas exiſtirt, wasſein Ideal ſein ſoll. Der Held muß reiſen; das Ideal verreiſt auch, ehe er ſeinen Namen kennt, und ſo kriegen die Beiden ſich nicht. Der Held wird furchtbar unglücklich darüber, beſchließt natürlich, nie wieder zu lieben, bequemt ſich aber endlich doch dazu, we⸗ nigſtens zu heirathen, und heirathet. Als er verheirathet iſt, begegnet er einer Witwe, dieſer erzählt er von der Jo⸗ hannisgaſſt, wo das Ideal wohnte; die Witwe erröthet, der Held'eglaubt ſein Ideal gefunden zu haben, kommt in

veine furchtbare Rage und erklärt ſeiner braven Biederfrau

ziemlich rund heraus, er könne nicht mehr glücklich mit ihr ſein:Täuſchung der Sinne,ſein Ideal gefunden u. ſ. w. Glücklicherweiſe kommt Held Nr. 2 der Novelle dazu, der ein wenig beſſer mit geſunder Vernunft begabt iſt, und es klärt ſich auf, daß die Witwe nicht das Ideal von Held Nr. 1 iſt, ſondern das Ideal von Held Nr. 2, der ſie denn von Rechtswegen jetzt auch heirathet, und daß ferner das urſprüngliche Ideal von Held Nr. 1 Niemand