Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
578
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Heimliches Verſchwinden.

Nachts zu unbekannter Stunde Flieht der liebe Lenz die Flur, Küßt, was blüht, ſtill in der Runde Und verſchwindet ſonder Spur.

Rings von ſeinen Küſſen prangen Früh die Blumen bold verſchämt, Daß, an ihrem Mund zu hangen, Schmetterling ſich nicht bezähmt.

Doch die Leute draußen ſagen, Daß der Lenz vorüber ſei;

Und an wetterheißen Tagen Kennt man Sommers Tyrannei.

Und wir denken dran beklommen, Daß der Lenz ſo heimlich floh; Daß er Abſchied nicht genommen, Ach! das läßt uns nimmer froh.

Alſo ſchmerzt es, geht das erſte Lieb ohn' Abſchied von uns fort. Ruhig trügen wir das Schwerſte, Spräch' ſie aus das Scheidewort!

Am Abendhimmel.

Es ſtürmet am Abendhimmel, Es zittert der Sonne Licht; Im Aether die Eine Wolke Von Luſt und Lieb' ihr ſpricht.

Die Wolke, vom Sturm gezogen, Dehnt weit die Arme aus;

Sie glüht im Purpur der Liebe Und wirbt im Sturmgebraus.

i et die Braut von dannen, ee der Sturm entrafft;

1 Purpur iſt all' verſchwunden,

Schwarz iſt ſie und grauſenhaft.

Blumenglöckchen.

Aus den Felſen, die ſo traurig ragen,

Lacht ein Glöckchen plötzlich froh mich an; Hab's gepflückt und hab' mir's heimgetragen, Hab' noch heute meine Luſt daran.

O, ſo ſchafft uns plötzliches Entzücken, Wenn die Welt an uns vorübergeht

Und mit froſt'gem Wahn uns will berücken, Eine Seele, die uns recht verſteht.

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g. W[II. Jahrg

ALBUII.

Wilfried von der Ueun.

Novellen⸗Zeitun

Welt und Herz. Dichtungen von Wilfried von der Neun.

Stille Blumen.

Wie viele Blumen ſtehn an öder Stelle! Kein Menſchenaug' ſchaut ihre ſtille Pracht; Doch ſchenkt der Himmel ihnen ſeine Helle Und ihren ſtillen Frieden auch die Nacht; Doch ſenden ſie durch dienſtbereite Lüfte Entzückten Menſchen ihre Balſamdüfte.

So ſei auch du bereit zu ſtillem Wirken, Wenn dich dein Vater in's Verborgne ſtellt. Sei tüchtig in begrenzteren Bezirken,

Dann hilfſt du ſegnen eine ganze Welt.

Halt' nur dein Herz dem Himmel immer offen, Dann darfſt du himmliſche Erhebung hoffen.

Der Freudloſe.

Ein Wandrer geht um Mitternacht Durch Fluren unbekannt und weit; Kein Sonnenſtrahl ihm freundlich lacht Und Keiner gibt ihm das Geleit.

Die Sonne ſteht nicht früher auf, Dieweil er nur ein Menſchenkind,; Er ſchließt in Dämmrung ſeinen Lauf, Froh, daß er endlich Ruhe find't.

Freudloſer, ſag', biſt du das nicht? Vergeſſen gehſt du durch die Welt; Und dann erſt wird dein Himmel licht, Wenn dir der Wanderſtab entfällt.

Ein Altar.

Kommt dir ein darbend Menſchenkind Entgegen rothgeweint,

Erbarm' dich ſeiner Noth geſchwind, Du, dem die Sonne ſcheint!

Er iſt ein Altar, von dem Herrn Zum Opfern dir geſandt;

Leg' nieder deine Gabe gern Und mit verſchwiegner Hand.

Nacht und Schlaf.

Nicht immer, wenn es rings iſt Nacht, Sind wir vom Schlaf befangen; Gar mancher Sinnende durchiacht

Die Zeit der Nacht, der langen...

1. Und Mancher hat im Schlaf verbracht All' ſeine Tag' auf Erden: Nur wenn ihr ſchlafet, iſt es Nacht; Wacht auf, ſoll's Morgen werden!

Zweite Auflage. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1856.

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