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nicht„wirſtl)“ vor Mbesgram, ſondern dachte: Urlaub gibt's auch; 6 Jahre gehen auch und bis dahin kann die„Zuſag“**) warten. Aber nun ſind dieſe und jene vorbei; ſie haben„zuſammen Eierſchmalz gegeſſen“, d. h. alles iſt ordentlich abgeſchloſſen, und verbrieft und der Heirathsvertrag durch das gemeinſame Verzehren genannten Gerichts beſtegelt worden und wehe nun dem Bräutigam, wenn er nach„dem Eierſchmalz“ zurücktreten wollte: er müßte dann unweigerlich„die Schimpf bezahlen.“ Aber dem wackern Peter da fällt wohl nicht ein, das zu thun, er will wirklich zum letztenmal ſeine Braut als„Platzmad“ zum Plan führen, denn iſt ſie einmal ſeine Frau, dann kann ſie wenigſtens nicht mehr an dieſem Tanze theilnehmen, der nur für die unbeſcholtenen Ledigen da iſt. Was iſt's aber nun mit der wunderlichen Zier, die das Mädchen, das offenbar in der Augenblick der Mittelpunkt der ganzen Gruppe iſt, der das jüngere Schweſterchen auf dem Arm des Vaters zujauchzt und der nur das ältere ſammt der Katze die Fiſtkrinpel vorzuziehen ſcheinen, auf dem Haupte trägt?„Sie wird bändert.“ Nur zum Plantanz darf ſich die unbeſcholtene Jungfrau dieſes freundlichen Schmuckes erfreuen, der außerdem nur der Confirmation und dem Hochzeitstag angehört. Mutter und Schweſter haben früh anfangen müſſen, denn es iſt Zeit und Geſchick zum„Bändern“ nöthig. Aber die ſtattliche Zier iſt wohlgerathen, Vater, Mutter und Geſchwiſter ſchauen ſie bewundernd an, der Peter nicht minder,— noch den Blumenſtrauß vor das Mieder, den der Burſche ihr für den von ihr erhaltenen geſchenkt hat, und der ihr mindeſtens bis an die Stirne reichen muß,— und die„Platzmad“ iſt fertig. Die Vorbereitungen zum Plantanz haben am Sonnabend die Kirchweihe eingeleitet. Der von den feſtberechtigten Burſchen ge⸗ wählte„Platzmeiſter“ hat den„Platz“,„Plan“,„Blo“ unter der Dorflinde oder um den Kirchweihbaum ebnen und feſttreten und den Baum mit Bändern und Fähnchen ſchmücken laſſen. Indes hat es daheim in den Häuſern auch nicht an Vorbereitungen gefehlt. Der Miſtelgauer iſt gaſtfrei und namentlich am Kirchweihfeſte ſieht er gerne Gäſte. Aber er ſelbſt liebt auch an dieſem Freudentage höhere Tafelfreuden, und darum kocht und brodelt es am Sonntag früh in allen Häuſern und Küchen, daß es eine Luſt iſt. Morgens zum Kaffee ſchon ſind die„Koichla“(„Kücheln, Krapfen“) und„Hefaklös“ vorhanden, und Mittags dürfen die ſonſt faſt täglich aufmarſchirenden „Zottelklöße“, wenn's auch nicht an ordentlicher Zukoſt von Fleiſch und Würſten mangelt, gerade an dieſem Tage nicht fehlen. Es hieße dem„Oberländer“ aus Leben gehen, wollte man ihm ſeine„Zottel⸗
klöße“, die ein andrer Chriſtenmenſch ohne langjährige mühſame Ge⸗
wöhnung nicht verdauen kann, nehmen. Dazu kommt noch ein erkleckliches Quantum„Kaszwörgle“, der fichtelgebirgiſchen Hand⸗ käschen, und„Kümmelſtollen“, und wir hätten ſo ziemlich die natio⸗ nale Speiſekarte des Miſtelgauer Kirchweihtages feſtgeſtellt.
Das Feſtmahl iſt vorbei. Nach löblicher Sitte geht man noch einmal in den Nachmittagsgottesdienſt. Nun iſt auch der zu Ende, das Vaterunſer geſprochen, und, war ein Fremder in der Kirche, ſo
*)„Verzweifelnd“.**) Der eigentliche„Verſprnch“.
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hat er ſich dabei faſt kaum eines Lächelns enthalten können, wenn er ſah, wie auf einmal alle Frauen ihren auf der Brüſtung der Bet⸗ ſtühle aufgepflanzten Pelzmuff, dieſen oft ſehr koſtbaren, für Sommer und Winter unumgänglich nothwendigſten Beſtandtheil des weihlichen Miſtelgauer Kirchenſtaates, aufnahmen und ſich ihn andächtig vor das Geſicht hielten. Alles eilt aus der Kirche und dem Plane zu.
Muſik erſchallt. Die Platzburſchen ſammeln, von Haus zu Haus ziehend, ihre Mädchen und ziehen dann in gemeſſenem Schritt, jeder Burſche an der Rechten die„Mad“, in der Linken ein zier⸗ liches grünes Trinkglas haltend, das am obern Ende eine Reihe eingeöhrter Glasringelchen enthält, die beim Schütteln und Schwin⸗ gen fröhlich klingen, ins Wirthshaus, wo die erſten drei Reihen aufgeführt werden müſſen. Erſt von da geht es auf den„Platz“, auf dem wiederum jeder Burſche die drei erſten Touren mit ſeiner Platzmad tanzen muß, ehe er unter den übrigen wählen darf. Trifft man überhaupt unter den echten und rechten Bauern viel Ariſtokra⸗ tiſches, ſo tritt das auch beim Plantanz zu Tage: kein andrer Burſche, als ein Platzburſche, darf es wagen, an dieſem theilzunehmen, und auch im Wirthshaus, das bei einbrechender Ddämmerung für den Plan auf⸗ geſucht wird, haben die Platzburſchen und⸗ Mädchen ein eignes Ge⸗ laß, in dem ſie nach dem Abendimbis in vornehmer Abgeſchloſſenheit und ſelbſtgenügſamem Fürſichſein ihren Tanz fortſetzen, während für die übrige tanzluſtige Welt der allgemeine Tanzboden offenſteht.
Noch ſind beim Kirchweihtanz die alten nationalen Tanzweiſen feſtgehalten; der gute alte„Schleifer“ und„Dreher“ kommen noch zu ihrem Recht, deren Weiſe der Tänzer mit ſeinem„Schlumperliedle“ in gleichem Rhythmus begleitet. So ſingt er zum„Schleifer“:
„Wannſt a Baure willſt ſu, Schöna Marla mußt lieb'n Mußt Dei' Feld betracht'n, Und aff's Geld nit acht'n, oder zum„Dreher“: „Die Leit die hann's ſcho' lang getrieb'n, Ich ſoll mei Schozela nimmer lieb'n, Doch lieb' ich's halt ſu fort, ſu fort Na Leiten norr z'n Tort.“ 1
Ueberhaupt ſingen ſie auch im Miſtelgau, wenn ſie einmal fröhlich beiſammen ſind, gern und ſo ſchallt dort vom Tiſch, wo die älteren Männer ſitzen und ſie gerade einem, Baalkonmaafen“, wie ſie im Bayreuthiſchen einen allzu Redſeligen heißen, etwas den Redefluß hemmen wollen, ein Lied her, kein„garſtig Lied“, die hört man hier nicht, ſondern ein altes oder ein neues Volkslied:„vom Edelmann, der über die Brücke ritt,“ oder vom„Teſtament des alten Fritz,“ und gar eigen ſtimmt es uns, wenn wir auf einmal die ſchöne Weiſe von den„Preußiſchen Huſaren“ anheben hören:
„Mein Mann der iſt geblieben, Dem Huſaren wird Gott geben Auf grüner, grüner Haid, Die reine Himmelsfreud; ein Zeichen, wie im Bayreuther Land die Erinnerung an die Preußen⸗ zeit noch leiſe nachklingt. Auf jene Zeit iſt eine andre, für jenes Land keine ſchlimmere, gefolgt. Möge aber jede hier und in allen deutſchen Gauen das wahren, was aller Orten mehr gefährdet wird und doch
eines Volkes Schönſtes iſt:— des Volkes Eigenthümlichkeit!
* Friedrich Lampert.
Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig. Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen* Klafing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Fiſcher Wittig in Leipzig.
Zur gefälligen Leachtung!
Mit dieſer Nummer ſchließt der erſte Jahrgang des Daheim und wir erſuchen unſre Leſer, ihre Abonnements gefälligſt
m gewonnenen Kräfte und über den Inhalt des nächſten Quartals gibt. Anſprache Auskunft, auf welche wir hiermit unſr Leſer verweiſen. Dieſe erſte Nummer wird zugleich am beſten den Aufſchwung bezeugen, welchen das Daheim im neuen Jahrgang nehmen ſoll. Sie enthält:
Die Aufzeichnungen eines Untergegangenen, Novelle von Victor von Strauß.— Die Taufe, Originalholzſchnitt nach Lud⸗ wig Knaus berühmtem Gemälde.— Die Zweikönigsfuge, Epiſode aus Jo hann Sebaſtian Bachs Leben, vom Verfaſſer des„Mann auf der Schecke.“— Schlecht Wetter, Seebild vom Corvettencapitän Werner.— C hriſtliche Romane und religiöſe Novellen, unlogiſche Abhandlung einer Frau von O. W—th.— Ein Triu mphzug Cäſars im alten Rom von K. Biernatzki mit großer Originalzeichnung, von


