konnten, und die Zukunft der nun Freien liegt ja weſentlich in der Vergangenheit im Keime vorgebildet. Zur Orientirung müſſen wir indeſſen einige allgemeine Bemerkungen vorausſchicken.
Die große Klaſſe der Leibeigenen beſtand aus zwei ſehr ungleich großen Abtheilungen. Die bei weitem zahlreichere Abtheilung bildeten die Bauern. Dieſes Wort iſt indeſſen nicht ganz in unſerm Sinn und Umfang zu nehmen; denn es gingen aus der Bauerſchaft Hand⸗ werker, Kaufleute, Klein⸗ und Großhändler, Fuhrleute, Schiffer und Seefahrer hervor, die nichtsdeſtoweniger ihr Lebenlang dem Bauern⸗ ſtand angehörig blieben und den Bauernrock und Bauernbart trugen: Leute, die mit ihrem Leibeigenenurlaub in dem ganzen weiten Reiche umherzogen und doch mit unſichtbaren Banden an die Gemeinde gefeſſelt waren, auch alljährlich ihren Urlaub erneuern und ihre Ab⸗ gaben an den Herrn leiſten mußten. Eins muß man ſich dabei wohl merken, daß der leibeigene Bauer nicht ohne das Gut, den Grund und Boden, zu dem er gehörte, verkauft werden konnte. Eine einfache Folge hiervon iſt, daß es in Rußland Händler mit Leibeigenen und Sklavenmärkte nicht gab und der Natur der Sache nach nicht geben konnte; obgleich man den Beſitz der Berechtigten nach der Seelenzahl taxirte, denn nur die Menſchen, die den Boden bebauen, geben dieſem einen Werth, nicht der ungeheure, ausgedehnte, culturfähige Boden für ſich. In Amerika aber konnte allerdings jeder, der Geld oder auch nur Credit hatte, Sklaven kaufen ſoviel er wollte, und dadurch empörende Rechte über Männer, Weiber und Kinder erlangen, von Familienrechten der Sklaven war keine Rede: da gab es ganz natür⸗ lich Sklavenhändler, ja Sklavenzüchter.
Die zweite Abtheilung bildeten die ſogenannten Hofsleute, die geſammte Hausdienerſchaft der Herrenhöfe. Mit ihnen kam natürlich der Ausländer in den meiſten Fällen zuerſt in Berührung, und nach ihnen beurtheilte er in der Regel die Leibeigenen überhaupt. Auch wir wollen mit ihnen den Anfang machen, und zugleich von vorn herein bemerken, daß ſolche Urtheile von Reiſenden wohl augenſchein⸗ lich nur dann von Werth ſind, wenn der Fremde in ihrer Sprache mit ihnen reden und ihre Stellung und Denkweiſe längere Zeit beobach⸗ ten konnte.
Es liegt hier eine Liſte der Hausleibeigenen einer ruſſiſchen Gutsherrſchaft von der einen ihrer Beſitzungen jenſeits der Wolga vor mir, geſchrieben von dem leibeigenen Kontorſchreiber Timofej (Timotheus). In ſo ferne nach unſern Vorſtellungen jenſeits aller Kultur liegenden Gegenden bildet der reiche Adel wirklich eine Menge kleiner Oaſen gebildeten Lebens, in welchen Luxus und Comfort mit aller Lebensnothdurft vereinigt ſich findet. Die Liſte enthält die Namen von nicht weniger als 140 Perſonen. Das ſind natürlich nicht lauter Bediente im engern Sinne des Worts. Außer den Kam⸗ merdienern und Lakaien, den Kammerfrauen und Kammerjungfern, ſind da Köche und Küchenjungen mit dem Tafeldecker und der Theeein⸗ ſchenkerin, Kellermeiſter und Bierbrauer, Kutſcher und Vorreiter, Jäger und Hundewärter, Lampenputzer und Ofenheizer, Bademeiſter und Bademeiſterin, ferner die Weißzeugverwalterin mit ihrem Nähcom⸗ mando, und die Wäſcheaufſeherin mit dem Waſchcommando; und dazu noch eine Anzahl förmlicher Haushandwerker, Schneider, Schuſter für Herren und Damen, Weber, Tiſchler, Schmiede, Schloſſer, Büchſenmacher, Holz⸗ und Metalldreher, drei Bäcker und ein Con⸗ ditor, ein Sattler und ein Tapezier, ja ein Bildſchnitzer und zwei Maler. Und ein Verwandter in der Nachbarſchaft beſaß noch eine Bande von 25 Muſikanten, lauter Leibeigene, mit einem freien Kapellmeiſter.
Jeder hatte ſein angewieſenes Amt, und nur dieſes. Der vor⸗ nehme Gärtner in der Orangerie und im Ananashauſe hatte mit dem Gemüſe nichts zu thun; die Wäſcherin flickte nicht, die Nähterin wuſch nicht, die Stubenmagd nähte nicht. Die Ofenheizer, welche nur in ſpäter Nacht und früh vor Tag in rußigen Schafpelzen möglichſt geräuſchlos ihr Weſen trieben, weil bei der trefflichen Einrichtung der ruſſiſchen Ofen während des Tages nicht nachgeſchürt zu werden braucht, zogen ſich beim Sonnenlicht in unbekannte Schlupfwinkel zurück, wenn je einer wieder erſchien, um etwa ein engliſches Kamin mit dürrem, zierlich geſpaltenem Holze zu ſpeiſen, war er rein gewaſchen und in ſeiner Art elegant. Keiner von ihnen aber half dem Lampen⸗ wärter, welcher ölbefleckt und ſchwarz angelaufen in ſeiner Kammer putzte und wirthſchaftete und erſt Abends als wahrer Dämmerungs⸗ falter in reiner Livree durch die Corridore und Säle zog, um ſein Departement zu beſorgen.
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Dieſe ganze kleine Bevölkerung mußte geſpeiſt, gekleidet, logirt und in Ordnung gehalten werden. Ueber ſie war daher zunächſt ein Oberaufſeher— Dworezki(wörtlich: Hofmeiſter)— geſetzt, mit einem Proviantmeiſter und einer Beſchließerin. Dieſe waren wieder dem Verwalter, gewöhnlich, aber keineswegs immer, einem Freien oder Freigelaſſenen, zu Rapport und Gehorſam verpflichtet; der Verwalter aber unternahm, wenn die Herrſchaft auf dem Gute war, nicht leicht etwas ohne ihre Sanction. Die Regierung einer ſolchen Haushal⸗ haltung iſt offenbar keine ganz leichte Sache— es war daher auch ein leibeigener Polizeimeiſter da, und ſein Adjutant, der Profoß. Daß Ordnung und treue Pflichterfüllung, daß Ehrlichkeit und Sitte und Frömmigkeit aller Dienenden, daß deren Wohlſein und Zufriedenheit auf dieſem Gute der Herrſchaft wirklich am Herzen lag, weiß ich recht gut, und kann es bezeugen. Bei uns iſt das Verhältniß in den meiſten Fällen ein ganz anderes. Man nimmt Dieuer an und dankt ſie ab, oder ſie künden auf, wie es kommt, oft um der kleinſten Urſachen wil⸗ len. Um ihre Zukunft kümmert man ſich meiſt wenig, nach ihren Familienangelegenheiten fragt man ſelten. Dort war aber in der That eine Art große Familie. Der Herr mußte die Leute ernähren bis an ihren Tod, er verſorgte ſie, ihre Kinder hatten ſie für ihn, der Kinderſegen machte dort keine Nahrungsſorgen. Unverbeſſerliche Taugenichtſe unter den Männern konnte der Gutsherr höchſtens zu Soldaten machen, um ſie los zu werden, auf Diebſtahl ſtand ohne Barmherzigkeit der Rekrutenrock, und daher war im Hauſe große Sicherheit in dieſer Hinſicht. Mit den Weibern und Mädchen war es ſchwerer. Man konnte die Unordentlichen auf längere oder kür⸗ zere Zeit degradiren zu niedrigen oder mühſamen Arbeiten. Eine Kammerjungfer mußte wohl zur Strafe in die Waſchküche oder unter bittern Thränen Unkraut jäten unter den Bauerweibern auf den Kohläckern. Schade daß man ſie nicht auch zum Militär abgeben konnte, denn es waren ſehr ſtreitbare darunter.
Was am härteſten gegen unſer Gefühl anſtieß, war allerdings, daß hie und da der Polizeimeiſter mit dem Stab Wehe regierte. Wo man aber die Dienſtboten nicht fortſchicken konnte, war am Ende irgend ein Strafmittel nöthig. Einſperren aber iſt nicht im Brauch, wäre auch für die Faulen eher eine Belohnung, keine Strafe: ins Gefängniß aber kommen überhaupt nur eigentliche Verbrecher. Die ſlaviſche Art fand ſich auch in die einfache Strafweiſe mit dem Stock ſo gut, wie früher die deutſche Pädagogik.
Daß ferner auch in Beziehung auf das Heirathen die Leibeigenen gebunden ſein mußten, daß die Einwilligung der Gutsherrſchaft dazu nöthig war, ergibt ſich ebenfalls aus einleuchtenden Gründen. Dieſe Einwilligung wurde meiſt nicht leichtſinnig gegeben, ſo gern der Herr im allgemeinen die Vermehrung ſeiner Leibeigenen ſehen muß:— denn nur glückliche Ehen und gute Haushaltungen geben brave Diener und fleißige Bauern.
Aber auf pieſe Weiſe kommen wir nicht zum eigentlichen Erzählen. Wohlan, ſo wollen wir auf gut Glück die Herrin auf einem Geſchäftsgang in ihrem kleinen Staat begleiten. Ein ſchön gebahnter Weg führt von dem Herrenhaus durch den knirſchenden Schnee bis zu dem langen, ſchmalen Seitengebäude im zweiten Hofe links; dort iſt ein langer Saal, in welchem eine Abtheilung des jüngeren weiblichen Geſindes mit Spinnen, Sticken, Spulen und Garnwinden beſchäftigt iſt. Dieſen gilt zunäſt der Beſuch, ſo will es ſcheinen. Mit der gnädigen Frau geht die Tochter, auch ein Begleiter iſt dabei, der ſich alles wohl merkt, damit er es daheim wieder erzählen kann, eigentlich hat er aber kein Wort mitzureden; und hintennach folgt ein Lakai, um im Vorhauſe, welches auch geheizt iſt, die Pelze und Pelzſtiefelchen ab⸗ zunehmen und damit zu warten, bis der Beſuch zu Ende iſt. Wir treten ohne Umſtände ein: das Fräulein rümpft unmerklich die Naſe, als aus der geöffneten Thür ein ſozuſagen warmer Geruch nach Schaf⸗ wolle und feuchtem Flachs, nach Hanföl und Sauerkraut uns entge⸗ genweht.„Guten Morgen, Ihr Mädchen!“ ſagt die freundliche Gebieterin.„Guten Morgen, Eure Herrlichkeit, Katharina Pe⸗ trowna!“ antworten zwanzig Sopranſtimmen und ein weiblicher Baß. Ueber die redſelige Geſellſchaft iſt ein plötzliches Schweigen gekommen, nur die Spinnräder ſchnurren fort: denn hier beiläufig iſt der Fortſchritt im Maſchinenweſen ſchon bis zum Spinnrad ge⸗ langt, während die Bäuerinnen und Hirtenmädchen noch ambulando am Rocken ſpinnen. Von der Aufſeherin begleitet, geht die vornehme Dame von der einen zur andern, läßt ſich berichten, beſieht und prüft die Arbeit, lobt und tadelt, und weiß mit jeder etwas Beſonderes zu
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