Jahrgang 
1865
Seite
650
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650

Schweſter Maria de las KAnguſtias.

Hiſtoriſche Epiſode aus der Gegenwart. (Schluß.)

Gebeugten Hauptes ſchritt ſie die Allee entlang: der Hauptmann

folgte ihr ſchweigend; erſt als ſie am Thore des Städtchens angekommen

waren, wandte ſich die Fürſtin an ihn und fragte, was ſie nun zu thun hätte. Don Louis rieth ihr, vor allem einige Stunden ſich auszuruhen und erſt nach reiflicher, ruhiger Ueberlegung einen Entſchluß zu faſſen.

Um vier Uhr verlaſſe ich wiederum dieſes Land, um nach Spa⸗ nien zurückzukehren, ſagte er;wollen Ew. Hoheit mir erlauben, mich einige Zeit vor meiner Abreiſe bei ihr zu melden, um Ihre Befehle entgegen zu nehmen?

Die Nonne ſah ihm einen Augenblick lang ins Geſicht, ihre

Blicke waren ſanft und traurig Ich erwarte Sie um zwei Uhr, mein Freund, ſagte ſie. Innig gerührt führte Don Louis ihre Hand an ſeine Lippen; man trat in ein Gaſthaus, wo er ſich auf das ihm angewieſene Zimmer begab.

Vergeblich ſuchte er den Schlaf, deſſen ſeine ermatteten Glieder träume; er hatte, bevor er zur Schweſter Maria de las Anguſtias ging,

ſo ſehr bedurften, immer ſtand das Bild der bleichen Fürſtin, auf de⸗ ren ganzes Leben, er mußte es ſich eingeſtehen, ſein energiſch ſchnelles Handeln einen ſo gewaltigen Einfluß ausgeübt hatte und gewiß noch ausüben würde, vor ſeinen Augen. Auch fehlte ihm nicht jene zwei⸗ felsvolle Entmuthigung, die nachdem das Fieber, das jede ſchnelle That begleitet, vorüber iſt, die, ſtärkſten Naturen oft ergreift. Er fragte ſich, ob jene unglückliche, vom Schickſale ſo hart verfolgte Frau

durch ſein Eingreifen in ihr Leben nicht noch unglücklicher werden

würde er begriff ganz gut, daß, wenn er ſtets ihr zur Seite blei⸗ ben könnte, ſie immer ſeine Bruſt zwiſchen der Gefahr und ſich ſelbſt finden würde; aber in einigen Stunden ſollten ſie ſich auf immer trennen und ohne Schutz und Leitung ſollte ſie ſich dem Strudel der Welt überliefern; er ſchauderte bei dieſem Gedanken, ſein müdes Haupt fiel gedankenſchwer in ſeine Hand; eine Art von Halb⸗ ſchlummer bemächtigte ſich ſeiner, doch unaufhörlich ſchwebte das blaſſe Antlitz der Schweſter Maria mit ihren, von Thränen um⸗ wölkten, ſanften Augen vor ſeinem Geiſte.

Einige Stunden ſpäter erwachte er und begab ſich zur Schwe⸗ ſter Maria, die ihn zu erwarten ſchien und ihn mit freundlichem, ja faſt ruhigem Tone begrüßte.

Setzen Sie ſich, Herr Hauptmann, ſagte ſie,und wenn Sie es für gut finden, nehmen wir das heute morgen unterbrochene Ge⸗ ſpräch von neuem auf.

Don Louis gehorchte, ein flüchtiger, auf die Schweſter geworfener Blick gab ihm die Ueberzeugung, daß ihre Ruhe erheuchelt ſei und ihre ent⸗ zündeten Augen zeigten ihm deutlich, daß während der wenigen Stunden ihrer Trennung ſie ſtatt Ruhe wahrſcheinlich nur Thränen gefunden habe.

Ich begreife Sie erſt jetzt, mein Herr Landsmann, fuhr ſie fort,ich habe über Ihr Handeln nachgedacht, und obgleich ich das Opfer Ihres ſpaniſchen Patriotismus ward, ſo muß ich doch ein⸗ geſtehen, daß Sie mit einer merkwürdigen Geſchicklichkeit Ihren Plan durchgeführt und gewußt haben, Ihre ſogenannte Pflicht als Officier mit Ihrer angeblichen Dankbarkeit gegen mich zu vereinen. Ihr Hauptzweck war, die Depeſchen ihrer Beſtimmung zu entziehen und den halten Sie für erreicht.... Aber, mein Herr, Sie werden ſehen, was man dabei gewinnt, zwiſchen zwei Parteien ſich hindurch⸗ winden zu wollen; Sie ſcheinen auf die Dankbarkeit der Meinen zu rechnen, weil Sie mich nicht denuncirt, oder auf die der Ihren, weil die Depeſchen nicht angekommen; enttäuſchen Sie ſich, Don Louis, beide Parteien werden ſich gegen Sie vereinigen und Sie werden das Opfer ſein, welches keinen Vertheidiger finden wird, wohin es ſich auch wenden möge.

Der Hauptmann zuckte, ohne zu antworten, mit den Schultern, keine Muskel ſeines Geſichts hatte ſich verändert; jedoch an ſeinem trau⸗ rigen Blicke konnte man wohl ſehen, daß irgend eine Hoffnung in ſeinem Innern durch die Worte der Nonne gewaltſam erdrückt worden wäre.

Und dann, fuhr ſie fort,glauben Sie denn, daß mir kein Mittel übrig bleibt, dieſe Papiere ihrer Beſtimmung zuzufüh⸗ ren? O nein! Sie kennen unſere Partei zu gut, nicht wahr? Sie wiſſen, daß die Gelegenheit, ich möchte ſagen, von ſelbſt ſich darbieten wird, um die durch Ihr Einmiſchen fehlgeſchlagene Partie wieder zu gewinnen. Sie ſehen alſo, Herr Hauptmann, daß Ihr Handeln Sie verdorben hat und daß keiner von Ihren Zwecken erreicht iſt.

Don Louis erhob ſich von ſeinem Sitze.Haben Ew. Hoheit mir irgend einen Befehl zu ertheilen? fragte er kalt.

Ich wollte Sie nicht kränken, lieber Herr, ſagte die Nonne, ich erkenne Sie als einen Ehrenmann und weiß, daß alle meine Geheimniſſe bei Ihnen in Sicherheit ſind. Ich wollte Ihnen nur beweiſen, daß, obgleich Sie ſich mit vieler Schlauheit verſtellt, mit vieler Geſchicklichkeit gehandelt haben, Sie nichts bezweckt haben, als ſich einem ſichern Verderben entgegenzuführen.

Don Louis biß ſich krampfhaft in die Lippen....Ich habe die Ehre, mich Ew. Hoheit zu empfehlen und Ihnen alles erdenkliche Glück zu wünſchen, ſagte er, indem er ſich der Thür zuwandte

und feſten Schrittes das Zimmer verließ.

Leben Sie wohl, Caballero! rief ihm mit zitternder Stimme die Nonne nach. Don Louis ging auf ſein Zimmer, es ſchien ihm, als ob er

ſich keine Illuſionen gemacht; um nicht getäuſcht zu werden, hatte er ſich vorgenommen, gar keine Hoffnungen zu hegen, und doch war es ihm jetzt, als wenn ſie ihn um ſeine ſchönſten Hoffnungen betrogen hätte. Er zwang ſich, ruhig zu bleiben, forderte Papier und Tinte und ſchrieb einen langen Bericht über das Vorgefallene an den Miniſter, indem er ſich zur Verfügung eines Kriegsgerichts ſtellte. Kaum hatte er geendet, als das Geräuſch des vorfahrenden Poſtwagens ihn daran erinnerte, daß er ſich zur Abreiſe bereiten müſſe; er ſah nach der Uhr es war erſt zwei. Er ging hinunter und ſah, daß es nicht die Poſt ſei, welche nach Spanien, ſondern die, welche von Spanien kommend, nach Bayonne und dem Innern Frankreichs geht. Schon wollte er ſich wieder auf ſein Zimmer zurückbegeben, als er Schweſter Maria de las Anguſtias die Treppe herunterkommen ſah; ſie ſah ſehr angegriffen aus, grüßte ihn lächelnd im Vorbeigehen und ſtieg in das Coupé ein. Don Louis athmete etwas freier auf, da er begriff, daß ſie nicht nach Spanien zurückkehrte, und nachdem er ſie nochmals ge⸗ grüßt, wollte er ſich entfernen, als ſie ihn zu ſich heranwinkte. Herr Hauptmann, ſagte ſie,wenn Sie einmal nach unſerm Deutſchland zurückkehren und durch**F kommen, denken Sie in den Alleen des Schloßgartens meiner. Neben dem Paovillon iſt eine Eiche, unter derem Schatten ich ſo oft geſpielt habe.... Don Louis... o mein Gott, wie bleiern ſchwer fallen die Erinnerungen einer glücklichen Kindheit auf ein brechendes Herz! Ich werde oft Ihrer gedenken, Don Louis... o, ſehen Sie mich nicht ſo vorwurfs⸗ voll an... mein Leben iſt ja gekettet, ich mußte ja gehorchen.... muß es immer noch... ich werde mich loszumachen ſuchen, poli⸗ tiſche Intriguen ſollen mich nicht mehr verhindern, an mein Heil zu denken ich ſchwöre es Ihnen! Gehen Sie Leben Sie wohl, Don Louis ich werde für Ihr Glück heiße Gebete gen Himmel ſchicken!... Adieu, gehen Sie! Sie werden in einigen Minuten ſehen, daß unter dem Gewande der ſpaniſchen Nonne noch das Herz einer deutſchen Fürſtin einer deutſchen Frau ſchlägt... Sie...

Der Poſtwagen ſetzte ſich in Bewegung und verhinderte den Hauptmann, das Ende des Satzes zu hören. Schweſter Maria lehnte

ſich noch aus dem Wagenſchlage hinaus und winkte mit der Hand ein letztes Lebewohl.

Der Wagen bog um eine Ecke und bald war ſogar das letzte Geräuſch verhallt; Don Louis jedoch war noch immer nicht aus ſeinem Erſtaunen erwacht.

Wiederum hatte jene räthſelhafte Nonne ſeine Berechnungen vernichtet vor einer Stunde glaubte er ſie gütig und offen anzu⸗ treffen und nur Worte, die wie Spott klangen, fielen von ihren Lip⸗ pen; jetzt... ſo herzlich hatte er ihre Sprache nie gefunden... Ihre letzten Worte jedoch ſchienen ſeinem Geiſte unbegreiflich. In einigen Minuten ſollte er den Beweis finden, hatte ſie geſagt, daß ein deutſches Frauenherz unter ihrem ſchwarzen Nonnengewande ſchlüge; er ging wie träumend auf ſein Zimmer, es war ihm unmög⸗ lich, den Sinn dieſer Worte zu errathen.

Der Kellner erwartete ihn an der Thür.

Die Dame, die ſo eben abgereiſt iſt, hat dieſes Schreiben für Sie hinterlaſſen, ſagte er, indem er ihm einen feſt verſiegelten, ſchweren Brief übergab.

Er la⸗ muthe bin. dern I lich ve Augen Heilan inbrür ren, w mir, d ſchma⸗ in Ko zu we wie C ſende hätten ren; fehle, Mach dieſer Qpoliti

Stell ſchen Louie nicht mit e vergef