Jahrgang 
1865
Seite
608
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erfahrenen John Franklin. Es begleiteten ihn 138 auserleſene Mäaner, darunter 24 Offiziere, die zu den beſten und wiſſenſchaftlich tüchtigſten Leuten der engliſchen Marine gehörten. Eine Anzahl dieſer Leute war bereits mehrere Male in dem Polarmeere geweſen, der Kampf mit Eis und Winternacht war ihnen nichts Neues, alle be⸗ ſeelte höchſte Begeiſterung und man nahm Abſchied daheim, in der ſichern Erwartung, die nächſten Briefe jenſeits der Behringsſtraße empfangen zu können. Allein es kam anders. Am 26. Juli ſah der Walfiſchfahrer Capitain Danoel die beiden Schiffe noch etwas weſt⸗ lich von der Melvillebai, dann erhielt man zwei Jahre lang nicht die geringſte Kunde von ihnen. Schon im September 1846 drang John Roſſ mit Bitten in die Admiralität, man möge ein Schiff den vorausgegangenen nachſenden, allein erſt Ende des nächſten Jahres theilte letztere ſeine Befürchtung eines etwaigen Unglücks. Es ent⸗ ſpann ſich jetzt ein rühmlicher Wettſtreit zwiſchen allen ſeefahrenden Völkern des Nordens, den Verlorenen aufzuſuchen. Beſonders gingen England und Amerika darin voran. Großbritannien ſandte in den Jahren 1850 54 förmliche Flotten aus, die einen durch die Baffins⸗ bai, die andern durch die Behringsſtraße. Man verſuchte alle mög⸗ lichen Paſſagen zwiſchen den zahlreichen Inſeln des nördlichen Ame⸗ rikas und probirte alle erdenklichen Mittel, den etwa Verſchlagenen und noch Lebenden Kunde und Rettung zukommen zu laſſen. Nicht allein, daß man an bekannten und leichterreichbaren Punkten Lebens⸗ mittel und Schriftſtücke unter Steinhaufen und Signalſtangen nieder⸗ legte, man ſchrieb auch Hinweiſe darauf mit Rieſenſchrift an die Felswände, grub dieſelben in kupferne Halsbänder ein, welche man gefangenen Eisfüchſen umlegte und dieſe wieder laufen ließ, man ſteckte ſie in zahlreiche Blechbüchſen und übergab die Beſorgung der⸗ ſelben den Meeresſtrömungen, ja ein Herr Shepherd übergab dem Aufſuchungsgeſchwader unter andern eine ganze Wagenladung Papier⸗ ballons, welche bedruckte Zettel über weite Strecken des fraglichen Gebietes vertheilen ſollten. Capitän Forſyth und Lieutenant de Haven fanden in der Nähe des Cap Riley, im Südweſten von North Devon, die erſten Spuren der Vermißten, kurz darauf Capi⸗ tän Penny auf der Beechey⸗Inſel die Stelle, an welcher Franklin mit beiden Schiffen das erſte Winterquartier gehalten hatte. Drei ſeiner Männer ruheten dort, durch den Froſt in ihren Särgen zu Mumien verwandelt. Eine geraume Zeit blieb man über das weitere Schickſal des Erebus und Terror in Ungewißheit, bis Dr. Rae an der Mündung des großen Fiſchfluſſes weiteres erfuhr. Die daſelbſt wohnenden Eskimos beſaßen zahlreiche Gegenſtände, welche Franklin und ſeinen Begleitern gehört hatten. Sie erzählten: im Frühjahr 1850 ſeien etwa 40 weiße Männer an der Nordküſte der King Wil⸗ liams⸗Inſel von ihnen geſehen worden, deren Schiffe durch das Eis zertrümmert geweſen. Dieſelben ſeien nach Süden gewandert, danach aber zur größten Zahl von ihnen todt gefunden worden. Sie ſeien dem Mangel an Lebensmitteln und übergroßer Anſtrengung erlegen. Im Jahre 1855 fuhr eine kleine Expedition in gebrechlichen Rinden⸗ booten, unter Anderſons Führung, den Fiſchfluß hinab und ver⸗ folgte die letzten Spuren von Franklins Leuten bis zu den ſogenannten Franklin⸗Waſſerfällen. Mac Clintock endlich begab ſich im fol⸗ genden Jahre, mit dem kleinen Dampfer Fox, den Lady Franklin auf eigne Koſten hatte ausrüſten laſſen, nach King Williams⸗ Inſel und fand jene Eskimonachrichten durch die vorhandenen Todten⸗ gebeine, durch zahlreiche Geräthſchaften, Schriftſtücke u. dgl. beſtä⸗ tigt, das bisherige Räthſel deshalb völlig, wenn auch traurig, gelöſt.

Eins derjenigen Schiffe der Aufſuchungsgeſchwader, welche durch die Behringsſtraße eingedrungen waren, hatte unter Leitung des be⸗ herzten Mac Clure zwei Jahre lang ſeinen Weg in dem ſchmalen Waſſerſtreifen fortgeſetzt, der zwiſchen dem Feſtland und den ſchwim⸗ menden Eismaſſen entſteht. Mac Clure ſtellte es feſt, was man größtentheils ſchon wußte, daß nämlich Amerika zwar im Norden von Waſſer und vielen Inſeln umgeben, daß aber dieſer Weg für Schiffe nicht praktikabel ſei. Als Beweis dafür diente ſein eignes Schiff, der Inveſtigator, das eingefroren ſitzen blieb. Mac Clure hielt, trotz aller Noth, den dritten Winter in demſelben aus, hatte aber bereits Anordnungen getroffen, das Fahrzeug zu verlaſſen, um den Rückweg

zu Lande zu verſuchen, als die Schiffswache meldete, daß einNeger auf das Schiff über das Eis herzukäme. Der Ankömmling war Lieutenant Pim von der Reſolute, die nicht gar zu weit davon vor Anker lag und Nachrichten von den Eingefrorenen erhalten hatte. Pim war ſeinen Leuten vorausgeeilt und hatte ſich das Geſicht zum Schutz gegen die Kälte geſchwärzt. Es war das erſte Mal, daß ſich hier zwei Männer, der eine von Oſten, der andere von Weſten kom⸗ mend, die Hand reichten. Bei dieſen Aufſuchungsfahrten hatten die Engländer ſtets die Nordküſte des Continents feſtgehalten, waren alſo von der Baffinsbai jedesmal nach Weſten geſegelt, meiſt durch den Lancaſter⸗Sund. Die Nordamerikaner, unter Kane und Hayes dagegen, verſuchten es zur Abwechſelung einmal nach Norden, und drangen an der Weſtſeite Grönlands in den Smith⸗Sund ein. Dort froren ſie zwar feſt, unternahmen aber zu Schlitten verſchiedene Par⸗ tien zur weitern Erforſchung des Gebietes. Dergleichen Schlitten⸗ reiſen mit Eskimohunden ſind ſehr verſchieden von einer ſolennen Schlittenfahrt bei uns zu Lande. Die acht oder mehr Hunde ſind, jeder an einem einzelnen Riemen, neben einander geſpannt und ver⸗ wirren ſich während des Laufens mitunter ſo arg, daß nur das Meſſer die gordiſchen Knoten zu löſen vermag. Dr. Hayes hatte ſich bei einer ſolchen Tour nur dadurch retten können, daß er ſeine Seehunds⸗ lederhoſen zu Riemen zerſchnitt. Morton, einer von Kanes Leuten, drang mit den Schlitten, unter unſäglichen Mühen, theils über die zerbrochene und wieder gefrorene Eisdecke des Smith⸗Sundes, theils auf einem ſchmalen, ſtellenweiſe nur drei Fuß breiten Eisrande am Ufer bis zum Cap Conſtitution vor. Dies zu überſteigen war ihm wegen der ſteilaufragenden Felſen ebenſo unmöglich, wie das an ſei⸗ nem Fuße brandende Meer eine Umgehung verwehrte. Man ſah aber von hier aus im Norden den Gebirgszug, welcher die gegen⸗ überliegende Küſte von Grinnells Land bezeichnete. Die höchſte Spitze ward Mont Parry benannt. Im Nordoſten breitete ſich ein weiter Waſſerſpiegel aus, belebt von zahlloſen Vögeln und Seehun⸗ den. Die Entdecker dieſes offnen Meeres ſprachen die Vermuthung aus, daß ſich daſſelbe bis vielleicht zum Nordpol erſtrecken möge. Hayes unternahm auch geradezu eine neue Expedition nach demſelben Sunde, in der Abſicht, von hier aus die Geheimniſſe des Nordpols zu entſchleiern, mußte aber unverrichteter Sache wieder umkehren. Die Veranlaſſungen zu den Nordfahrten hatten im Laufe der Zeit alſo ſchon zum dritten Male gewechſelt. Zuerſt ſuchte man einen möglichſt geraden Weg nach Oſtindien und China, der große Handels⸗ vortheile verſprach, dann ſuchte man die verloren gegangene Frank⸗ linſche Expedition und zuletzt ſtrebte man nach wiſſenſchaftlicher Belehrung. Letzteres iſt alſo jetzt die nächſte Loſung, allein mit den menſchlichen Beſtrebungen, mit dem Ziele, das ſich die Sterblichen ſetzen, iſt es ein eigenthümliches Ding, wie jeder weiß. Niemand kann von vornherein ſagen, was er erreichen wird und wohin ihn die Hand führt, die ihn leitet! Die Alchemiſten ſuchten Goldtinktur und den Stein der Weiſen und legten den Grund zum wunderbaren Gebäude der heutigen Chemie. Aus dem ſcheinbar thörichten Treiben der Adepten entſtand eine Wiſſenſchaft, die das ganze techniſche und in⸗ duſtrielle Leben vollſtändig umgeſtaltete. Die Verſuche, welche Oerſtedt und andere Phyſiker mit Magnetnadel und Elektricität anſtellten, mochten ihren Nachbarn als ſehr unnütze Spielereien vorkommen, und doch entſprangen daraus die elektriſchen Telegraphpen. James Watt mußte ſich von ſeiner Mutter ausſchelten laſſen, weil er mit dem Dampf am Theekeſſel ſpielte und ſiehe da er hatte die erſten Grundgeſetze kennen gelernt, nach denen ſpäter die Dampf⸗ maſchine conſtruirt ward. Was mag ſich ein ſchlichter Landmann gedacht haben, wenn er einen Meteorologen in ſeinem Obſervatorium beſchäftigt geſehen, und jetzt vermag es der letztere, dem Schiffer ein bis drei Tage vorher den nahenden Sturm anzuzeigen. Iſt ein Streben des menſchlichen Geiſtes nur an und für ſich⸗gut, ſo mag es verfolgt werden, niemand darf ſagen, es ſei unnütz, niemand ver⸗ mag es zu beſtimmen, welche Ergebniſſe es bringen wird.Beherr⸗ ſchet die Erde und machet ſie Euch unterthan! lautet das alte Gebot Gottes an Adam dazu gehört aber zunächſt eine gründliche Kennt⸗ niß derſelben, alſo auch jene der Pole.(Schluß folgt.)

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Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 1

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig.

Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen* Klaſing in Bielefeld und Berlin. Druck von Liſcher a Wittig in Leipzig.

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