Im Mai 1265 wurde Dante Alighieri, der Dichter der göttlichen Komödie, zu Florenz geboren. Er iſt unbe⸗ ſtritten einer der erhabenſten Geiſter, die jemals auf Erden gewandelt haben. Das Daheim, welches nicht einer leichten, ephemeren Unterhaltung dienen, auch nicht blos auf das Nützliche, Wichtige und Angenehme hinweiſen möchte, ſondern noch den edleren Beruf hat, in der Familie den Sinn für das Höchſte und Tiefſte in der Menſchheit zu wecken und zu nähren, dieſes Daheim darf den ſechs⸗ hundertjährigen Geburtstag eines Mannes, wie Dante iſt, nicht mit Stillſchweigen übergehen. Zwar kann und ſoll hier nicht eine Er⸗ klärung ſeines unſterblichen Meiſterwerkes, das in mehr als fünf Jahrhunderten noch nicht auserklärt iſt, gegeben werden; wir haben nur im Sinn, durch den Hinweis auf einzelne, beſonders für unſere Zeit bedeutſame Punkte in gebührender Weiſe an den Dichterheros zu errinnern.
Dantes äußere Geſtalt kann der faſt vollendete Ausdruck edler, ſchöner und ſtarker Männlichkeit genannt werden. Sein Geiſt und Herz war weitumfaſſend. Auf dem Gebiete der Sprache, der Muſik, des Geſanges, der zeichnenden Kunſt, der Geſchichte und Weltweisheit, überall war ſeine Heimat. Sein Charakter war feſt, wie Erz und Stahl, gediegen wie Gold. Er liebte ſein Vaterland, wie nur ein Kind die Mutter lieben kann; aber Recht und Wahrheit gingen ihm über das irdiſche Vaterland. Die Leiden der Verbannung trug er nicht blos mit männlicher, ſondern auch mit chriſtlicher Geduld. Er wandte in der herben Trübſal ſein Auge von der äußern in die innere Welt, vom irdiſchen und zeitlichen in das wahre und ewige Vaterland, von den unzähligen unfruchtbaren Streitigkeiten ſeiner Zeit und ſeines Landes auf die großen Geiſteskämpfe aller Völker und Zeiten, und faßte alle die tauſend und aber tauſend kleinen und großen Erſcheinungen, Kämpfe, Fragen und Räthſel der Menſchenbruſt und des Menſchenlebens in ein großes, erhabenes Ganze zuſammen, und offenbarte, was er als Einheit geſchaut hatte, in unerreichtem Wohllaut der Sprache der Mit⸗ und Nachwelt in ſeiner göttlichen Komödie, und zwar in ſo vollkommen durchſichtigen und greifbaren Geſtalten, daß ihr Bildner ſelbſt anderswo ein⸗ mal mit dem größten Recht ſagt:
Mein liebes, neues Lied ſag allen,
Die je vor Dir vorüberwallen,
Und nicht verſtehen deinen Sinn:
Seht wenigſtens, wie ſchön ich bin!
Was iſt, ſo fragen wir, die Anſchauung Dantes über Gott, Menſch und Welt und über die Geſchichte der Menſchheit? mit welchem Schlüſſel löſt er die tauſend verwirrenden Räthſelfragen des Daſeins? mit welchem Lichte bringt er Ordnung in das ſcheinbar dunkle Chaos der Menſchenwelt? Während Milton in ſeinem verlorenen Paradieſe die Räthſel der Weltgeſchichte aus ihren Anfängen, Klopſtock in ſeiner Meſſiade aus ihrem Mittel⸗ punkte, der Perſon und dem Werke des Erlöſers, erklärt, ent⸗ ſchleiert Dante die Geheimniſſe durch den Hinweis auf das Ende, indem er in das Dunkel und die Labyrinthe des Dieſſeits das Licht des Jenſeits oder des endlichen Zieles, der letzten Entwicklung alles Lebendigen fallen läßt.
Dante kann der poetiſche Prophet der geſammten, vom Chriſtenthum ausgegangenen Lebensentwicklung genannt werden. Die Auffaſſung der Weltgeſchichte in ſeiner göttlichen Komödie iſt aus den Principien erwachſen, welche die Offenbarung uns gibt.
Menſchliche Sünde und göttliche Gnade, Verbannung und Heimat, Knechtſchaft und Freiheit, Niedrigkeit und Hoheit, Erde und Himmel, Leben ohne Gott und Leben zu Gott und in Gott, das ſind die beiden Angelpunkte, um welche ſich wie das Chriſtenthum, ſo auch die göttliche Komödie auf allen ihren Stufen bewegt. Sie zeigt als das wunderbare Endziel aller Entwicklung die Verherr⸗ lichung Gottes in der Creatur, näher in der Erlöſung und Vollen⸗ dung der Menſchheit und die Verherrlichung und Vollendung der Creatur in dem Sehnen nach Gott, in dem Ruhen in Gott. Nichts iſt ſo erhaben, das ſich dem gegenüber als Selbſtzweck geltend machen dürfte, nichts aber auch ſo gering, das, ihm ſich unterordnend, nicht zu ſeiner Herbeiführung dienlich wäre. Wie das Leben der Pflanze durch jede Faſer, Ader und Zelle zur Blüte und Frucht hindrängt,
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Zur Srinnerung an Dante.
ſo ſtrebt das Weltall unbewußt oder bewußt nach der Gemeinſchaft Gottes, und Himmel, Erde und Hölle, Engel, Teufel und Menſch, Geiſt und Natur, Zeit und Ewigkeit, Tod und Leben, Licht und Finſterniß, Sünde und Heiligkeit, Heidenthum, Judenthum und Chriſtenthum, Mythologie und Geſchichte, Staat und Kirche, Kunſt und Wiſſenſchaft, Theologie und Philoſophie, Poeſie, Muſik und Malerei, und was ſonſt noch genannt mag werden, es wird alles durch den Willen deſſen, der alles in allem erfüllt, zur Mitarbeit an der Erreichung des großen Schöpfungs⸗ und Lebenszweckes be⸗ gnadigt oder gezwungen. Jedes Geſchöpf, jede Kraft, jedes Gebiet hat nur dadurch Leben und Bedeutung, daß es, dem großen Organis⸗ mus eingegliedert, ſeinem Ziele zuwächſt, während es werthlos wird und ſich ſelbſt dem Verderben überliefert, ſobald es von ſeiner gott⸗ gewollten Beſtimmung abfällt. Die Univerſalität und Energie, womit dieſe Idee als der lebendige Pulsſchlag in allen einzelnen Er⸗ ſcheinungen der ſichtbaren und unſichtbaren Welt dargeſtellt iſt, macht die göttliche Komödie zu dem, was ſie iſt, zu dem bis jetzt volltönendſten poetiſchen Widerhall ihrer göttlichen Lehrmeiſterin, der Bibel.
Umgekehrt iſt es eine bedeutſame menſchliche Verherrlichung der göttlichen Offenbarung, daß dieſe einer ſolchen poetiſchen Darſtellung fähig iſt, wie ſie Dante gegeben hat, während die der Bibel feindliche Bildung bis heute noch nicht vermocht hat, aus ihrer Anſchauung heraus ein Kunſtwerk zu bilden, das allen Jahrhunderten angehört.
Die göttliche Komödie, dieſes unerreichte und vielleicht größeſte und vollkommenſte Gedicht, welches die Menſchheit beſitzt, wider⸗ ſpricht aufs entſchiedenſte der landläufigen Meinung, als ſei es der einzige Beruf der Dichtkunſt, den armen Menſchen zu erheitern, ihn für eine kurze Zeit in einen ſüßen Phantaſierauſch zu verſetzen, ihm ideale Geſtalten der Schönheit vorzugaukeln oder wie Schiller ein⸗ mal ſagt, Elyſium auf ſeine Kerkerwand zu malen. Die wahre Dichtkunſt führt den Menſchengeiſt allerdings in das Reich der Schönheit, aber zugleich in den Ernſt der tiefſten Wahrheit, in den gewaltigſten Kampf um die Erlangung der Wahrheit. Dante ſelbſt ſuͤgt kurz und dürr, es ſei der Zweck ſeiner Dichtungen: removere viventes in hac vita de statu miseriae et perducere ad statum felicitatis, d. i.: Die Lebenden in dieſem Leben aus dem Zuſtande des Sündenelendes herauszu⸗ führen und ſie zu dem Zuſtand der Glückſeligkeit zu bringen.
Dreifach iſt nach Dante der geiſtige Zuſtand des Menſchen: er wird entweder von der Tyrannin Sünde und Leidenſchaft als williger Knecht gebunden,— das ſpiegelt Dante im erſten Theil ſeines Liedes, der Hölle,— oder er fühlt die Ketten der Sklaverei und ringt nach Erlöſung, nach geiſtiger und ſittlicher Freiheit,— dies ſehen wir im Purgatorium,— oder er erfreuet ſich als Er⸗ löſter der ſeligen Gemeinſchaft Gottes,— das ſingt der dritte Theil, das Paradies.
Dante führt uns alſo in ſeinem Gedichte von der Erde fort durch Hölle und Himmel, aber er thut es nur, um uns den Menſchen und die Erde wahrhaft kennen zu lehren. Der Einzelne ſoll da⸗ durch, das will Dante, hier ſo leben lernen, daß er das eigentliche Ziel ſeines Daſeins erreiche, und die großen, menſchlichen Gemein⸗ ſchaften, Staat und Kirche, ſollen ſich ſo neugeſtalten, daß ſie ihre Aufgabe zum Heil der Menſchheit zu erfüllen im Stande ſeien. Die Hölle, wo man die letzte Conſequenz der Sünde und Leiden⸗ ſchaft in allen ihren Geſtalten mit Händen greift, ſoll ſchrecken, der Himmel, wo man die Vollendung des göttlichen Lebens im eigenen Herzen mitfühlt, ſoll locken, und heilige Furcht und kindliche Liebe ſollen die unumſtößlichen geheiligten Schranken ſein, die den Menſchen auf der ſchmalen, allein zum Ziele führenden Straße feſt⸗ halten, wie Dante häufig in ſeinem Gedichte ſagt.(ſ. Prg. XIII, 37 ff. u. XIV, 143 ff.)
Dante perſonificirt in ſeiner Perſon die ganze Menſchheit, in⸗ ſofern ſie aus dem Zuſtande der Gottentfremdung in die Gottesge⸗ meinſchaft gerettet wird. Er, und mit ihm alles, was Menſch heißt, hat ſich,— damit beginnt das Gedicht,— in den unwegſamen, laby⸗ rinthiſchen, düſtern Wald der Sünde verirrt, der keinen Ausweg bietet, und deſſen Schrecken darum wenig bittrer als der Tod ſelbſt ſind.


