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Lia hatte dieſe Worte in fieberhafter Aufregung geſprochen, und ohne daß ſie es bemerkte, liefen ihr die Thränen über die Wangen.
Der Fremde ſtand unbeweglich vor ihr; ſeine Blicke ſchienen bis in das Innerſte des jungen Mädchens eindringen zu wollen.....
„Sie müſſen viel, ſehr viel gelitten haben, Fräulein,“ ſagte er, „um die Fähigkeit erlangt zu haben, einen ſo tiefen Blick in das menſchliche Herz zu thun.... alles, was Sie mir ſagten, iſt wahr, ich ſuche mich nicht zu vertheidigen, alles das dachte und fühlte ich noch.... vor einigen Minuten!“
„Gewiß,“ antwortete Lia,„wenn man jenen Scharfblick, von dem Sie ſprechen, nur durch Leiden erringen kann, dann habe ich ein Recht darauf!“
Der Unbekannte ſchwieg einige Augenblicke.
„Wollen Sie mir noch einmal Ihre Hand geben, mein Fräu⸗ lein?“ ſagte er, indem er die von Lia ihm dargereichte Rechte ergriff und in der ſeinen drückte.—„So, jetzt haben Sie mir verziehen! und jetzt, wenn Sie es wünſchen, wollen wir von jener mir unbe⸗ greiflichen Scene vom Freitag Abend ſprechen.“
Doch jetzt, wo der erſte Ausbruch ihres beleidigten Stolzes vorüber war, jetzt war Lia mit einem Male wieder das junge Mäd⸗ chen geworden, welches ſchüchtern und ſchamhaft mit keiner ſeiner Herzensergießungen ſich in die Außenwelt wagt. Sie wurde feuer— roth und ſtotterte einige unverſtändliche Phraſen. Der Fremde ſchien wohl zu fühlen, was in dem jungen Mädchen vorging, und er ſuchte ſo ſchnell wie möglich einen Vorwand zu finden, um die Unterredung zu ändern.
„Nicht wahr, mein Fräulein,“ ſagte er,„es iſt, wie ich es Ihnen ſchon vorher ſagte, ein merkwürdiger Zufall, daß ich Sie in derſelben Stellung wie meine Statue ſehen mußte, mit demſelben Schmerze im Geſichte, derſelben halb verwelkten Blume in der Hand.
Doch Sie ſind glücklicher, Fräulein.... ſchon haben andere Gefühle Ihrem vorigen Schmerze den Platz geräumt. Wer weiß, ob nicht in einigen Tagen, Wochen, Monaten das zufriedene Lächeln des Glückes auf Ihren Lippen wieder erſcheinen wird;— doch meine Statue— immer und ewig wird ihr thränenſchwerer Marmorblick das Schickſal anklagen und ſagen:„Verlorene Jugend, verlorenes Leben!“
Lia hob langſam ihren Blick zum Fremden empor.... ſtrahlend vor Wehmuth und Schmerz.
„Sie ſind Künſtler und achten die Menſchen nicht!“ ſagte ſie, „Sie glauben nur an die Ewigkeit der Marmorthränen.... o, niein Herr! ſeien Sie nicht ungerecht gegen die Töchter Adams, ſie können auch ewige Thränen weinen! So geſchickt auch Ihr Meißel ſein mag, werfen Sie ihn fort, mein Herr! er wird niemals ein tiefes Leid, das eines Mädchens Herz erdrücken kann, nachzuahmen fähig ſein..... Was mag wohl der Grund der Thränen Ihrer Statue ſein?.... o, über die Künſtlereitelkeit, die glaubt, daß nur ſie wahre Schmerzen erſchaffen kann!“
„Es iſt die Tochter Jephtas, des Richters in Juda,“ ſagte der Künſtler,„ihr Vater hat ſie dem Lenker der Schlachten als Opfer verſprochen. Sie weiß, daß ſie ſterben, das Leben, welches ihr ſo ſchön erſcheint, verlaſſen muß, doch hat ſie ſich eine kurze Friſt aus⸗ gebeten.... nicht um den Kelch des menſchlichen Genuſſes bis zur Neige zu leeren.... nein, um weinen zu können.... ſie will nicht all die Thränen, die ihr Herz enthält, mit ins kalte Grab nehmen
Laß mich auf die Berge gehen, ſagte ſie zu ihrem Vater, laß mich zwei Monate lang meine Jugend beweinen.... und dann thue
er war
„Und das iſt alles 24 c... vief Lia....„o, mein Herr!.... glauben Sie denn nicht, daß es Mädchen gibt, die ihrem Vater zu Füßen gefallen wären und gerufen hätten: O, wie danke ich Dir, Vater!.... verzieh keine Stunde, keine Minute!.... ſchnell das ... ſtoße zu, Vater!— Jehovah iſt ein gütiger, ein erlöſender Gott!....“ Und ſie ſank auf eine ihr naheſtehende Bank und bedeckte ihr von Thränen gebadetes Geſicht mit beiden Händen.
Der Künſtler ſprach kein Wort— was er beim Anblick dieſes vor Verzweiflung vergehenden, herrlichen Mädchens fühlte, wußte er ſelbſt nicht;.... ihm ſchwindelte. Er, welcher der Schönheit einen Cultus gewidmet hatte, einen Künſtlercultus, er konnte ſein Auge nicht von dieſem Meiſterwerke des Schöpfers abwenden; er, der Mann, der immer bereit war, wie wir es ſchon geſehen haben, den
Unterdrückten zu beſchützen, er ſah hier ein tiefes, bodenloſes Unglück und er fragte ſich, ob, wenn er ſein ganzes Leben, ſein Wirken, ſeine Kraft, ſeinen Einfluß und ſein Streben daran ſetzte, es ihm nicht gelingen würde, einen heiteren Glücksſtrahl in dieſe gefolterte Seele zurückzuführen..... Ein ſtolzes Lächeln war die ſtumme Antwort auf ſeine ſtumme Frage.... er fühlte ſich ſo ſtark, ſo mächtig.... er fühlte, wie ſeine Manneskraft ihm wie Syrakuſerwein in den Kopf ſtieg; er hätte in dieſem Augenblicke eine Welt zermalmen können, um der Leidenden zu helfen.
„Fräulein,“ ſagte er,„glauben Sie an Gottes Vorſehung?“
Lia kreuzte ihre Arme auf ihrer Bruſt und erhob ihren thränen⸗ ſchweren Blick gen Himmel.....
„Ich habe weder Vater noch Mutter gekannt,“ ſagte ſie,„weder Bruder noch Schweſter. Seit meiner früheſten Jugend war mein Leben ein Gewebe von Schmerz und Leid, das von Tag zu Tag dichter und fürchterlicher wurde;.... die Freuden der Kindheit ſind ſpurlos an mir vorübergegangen, die Freuden meiner Jugend.... ich habe nur leiden gelernt und doch.... doch danke ich Dir, mein Gott, daß Du für alle Leiden und Schmerzen einen Sinn in mir erweckt haſt, der mich über alles Irdiſche erhebt, mich tröſtet und mich ſtärkt!.... Auch ich bin Künſtlerin, mein Herr, das Land der Ideale iſt auch mein Vaterland, in dem ich Schutz und Hilfe gegen die Verfolgung und gegen die Ungerechtigkeit der Außenwelt finde!.... Ob ich an Gottes Vorſehung glaube?— ich weiß es nicht!.... Ich bete meinen Schöpfer in Demuth und in Liebe an, ich verherrliche in meinen Träumereien den Gedanken an ihn, der mein Herz bewohnt, und wenn mein Geiſt bei ihm verweilt, dann fühle ich nicht, wie bitter der Kelch des Lebens iſt!“
Der Fremde fuhr mit der Hand über die Stirn ihm wie ein Fieberſchauer über den ganzen Körper.
„Als Sie vor einer Woche der größten Gefahr nahe waren,“ ſagte er,„da ſtand ich plötzlich, ich weiß eigentlich ſelbſt nicht wie, zwiſchen der Gefahr und Ihnen; als heute die Verzweiflung ſich Ihrer gänzlich zu bemächtigen drohte, da fiel Ihr Blick auf mich;.... und als wir einige Augenblicke mit einander geſprochen, o, ich glaube mich nicht zu täuſchen— da hatten Sie mir ſchon mehr Ver⸗ trauen gezeigt, als dem älteſten, erprobteſten Ihrer Bekannten.— Glauben Sie an Gottes Vorſehung, mein Fräulein?“
Lia war aufgeſtanden und hatte die Hand des Unbekannten ergriffen, ſie ſah ihm frei und offen ins Geſicht.
„Ja!“ ſagte ſie mit tiefer, feierlicher Stimme,„ich glaube an Gottes Vorſehung, und ich würde Gott beleidigen, wenn ich ſeinen Fingerzeig nicht erkennen wollte; er hat mir eine Stütze geſchickt, die ich mit Dank annehme..... Nehmen Sie,“ fuhr ſie fort, indem ſie den anonymen Brief aus der Taſche zog,„und leſen Sie, mein Freund!“
Jener Mann, der vor einigen Tagen einen andern an dem⸗ ſelben Orte faſt zermalmt hatte, jener Mann, deſſen Gliederbau wohl als das Ideal der männlichen Kraft anzuſehen war, wurde roth wie
es lief
ein ſechzehnjähriges Mädchen, als Lia ihn ihren Freund nannte
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und mit zitternder Hand ergriff er den Brief, welchen ſie ihm dar reichte.....
Er las, und nachdem er geleſen, ſtarrte er einen Augenblick vor ſich hin.
„Ein Ihnen unbekannter Feind muß dieſe Scene belauſcht haben,“ ſagte er,„und,“ er warf noch einmal einen Blick auf den Brief,„ſie Ihrem Herrn Bräutigam, um Ihnen zu ſchaden, mit⸗ getheilt haben.“
Lia lächelte vorwurfsvoll.
„Sie wollen mich ſchonen,“ ſagte ſie,„Sie glauben nicht, was Sie ſagen. Ihr erſter Gedanke war, daß der Schändliche, um ſich zu rächen, ſelbſt den Brief geſchrieben hätte; Ihr zweiter 4 Lia ſchlug die Augen nieder,„o, ich weiß nicht, was ich rede,“ ſagte ſie,„aber rathen Sie mir, was ſoll ich thun?“
Der Fremde ſann einen Augenblick nach......
„Wollen Sie mir verſprechen, ſich einige Tage lang gänzlich paſſiv zu verhalten?“ ſagte er,„und ſich ſo viel wie möglich zu zeigen, alle Ihre gewöhnlichen Geſellſchaften zu beſuchen, ſo viel Viſiten wie möglich zu machen, kurz dem Schreiber, er möge ſein wer er wolle, den Wahn zu benehmen, daß Sie ſich fürchten. Was Ihren Herrn Bräutigam anbetrifft, ſo müſſen Sie am beſten wiſſen, was Sie zu thun haben.... es iſt mir unmöglich, Ihnen hierin einen Rath zu


