nicht in ein anderes Bild der Erinnerung. Sie kam raſch näher, jetzt hörte er ſie einen Jubelſchrei ausſtoßen, und dann verlor er die Be⸗ ſinnung.
Er erwachte durch ihre Bemühungen, dann gab ſie ihm Waſſer, mit Wein gemiſcht, zu trinken, und reichte ihm Speiſe, und es ſchien, als ſeien es wirkliche Zaubermittel, denn er war raſch gekräftigt und fühlte ſich glücklich, mitten unter den Schrecken der Wüſte.
„Tupa, liebe Tupa, wie kommſt Du hierher?“
Sie ſah ihn verwundert an:„Mußte ich Dir nicht folgen, da Du fliehen mußteſt und ich Deine Dienerin war? Folgt ein treuer Hund nicht ſeinem Herrn?“—
„Ja,“ ſagte Benito mit Thränen in den Augen,„ja, ich habe Dich mißhandelt und Dich von mir geſtoßen wie einen Hund, und nun wirſt Du mein rettender Engel!“
„O, Du nicht,“ rief Tupa,„aber die andern haben mich von
ihrer Schwelle gejagt wie einen Hund, als ich Deiner Spur zu folgen
ging, aber ich zürnte ihnen nicht, denn ſie zeigten mir dennoch die Wege, welche Du eingeſchlagen. Mehr bedurfte ich nicht!“ Dann breitete ſie vor dem erſtaunten jungen Manne Gold aus und funkelnde Edelſteine. V „Großer Gott!“ rief er,„der reiche Schmuck, das Erbtheil meiner Mutter! „Ja,“ ſagte Tupa,„ich habe alles mitgenommen, was ich finden
All mein Gold!“
konnte, ehe die andern kamen es zu nehmen,“ und dann erzählte ſie
mit ſchlichten Worten, wie ſich alles begeben.
Sie hatte ſchon Tages vorher von Joſé gehört, daß man kämpfen werde, und als man ſich ſchlug, war ſie auf die Straße geeilt, um zu ſehen, wie ihr Herr ſeine Feinde tödten würde. Als ſie aber ſah, daß es anders gekommen, lief ſie in die Kaſerne und in die Wohnung Benitos, wo ſie Joſé zu finden hoffte.
Sie fand ihn allerdings, aber ſterbend, und von ihm erfuhr ſie, daß Benito geflohen ſei und die muthmaßliche Richtung, welche er eingeſchlagen. Nun lief ſie auf ſeine Stube, erbrach Kiſten und Kaſten, nahm, was ihr werthvoll ſchien, warf ſich dann auf ein Pferd, das weiß Gott wem gehörte und jagte wie wahnſinnig aus der Stadt, um ihrem Herrn zu folgen.
Die allgemeine Verwirrung, welche herrſchte, begünſtigte ihr Entkommen. Ihre Geſchicklichkeit und ihre Kenntniß im Verfolgen irgend einer Spur, zumeiſt wohl aber ihre Anhänglichkeit und ihre Treue, ließen ihr Unternehmen gelingen, und ſie hätte Benito zuver⸗
läſſig ſchon am erſten Tage eingeholt, hätte ſie nicht fruchtlos auf
mehreren Hacienden nach ihm gefragt. Als ſie am Abende des zweiten Tages endlich die Hacienda gefunden, in welcher er zuerſt angehalten, war es nicht mehr ſchwer, ſeiner Spur zu folgen.
Freilich mußte ſie die verfänglichen Worte der Männer und die
höhnenden der Frauen hören, und man jagte ſie faſt allenthalben
ſcheltend weiter, aber dennoch erfuhr ſie, wohin ſich Benito gewendet. Als ſie Copiapo erreicht hatte, erfuhr ſie, daß er ſich des Tages
Sie zerſtreute auch ſeine Bedenken, ob ſie wohl den weiteren Weg mit derſelben Sicherheit finden würde, und als ſie am andern Morgen die Reiſe weiter fortſetzen, ſah er wohl, daß ſie nicht zu viel verſprochen.
„Geſtern ſchon,“ ſagte ſie,„habe ich dieſen Weg gefunden, als ich einen Augenblick von Deiner Spur abkam, und Du ſelbſt warſt keine vierzig Schritte weit von demſelben entfernt. Schon in Cobija haben ſie mich aufmerkſam gemacht auf die Dinge, welche ich hier treffen würde.“
Dieſe Dinge beſtanden in den Mumien von Pferden und von Maulthieren, welche jetzt ſtets häufiger wurden, und ähnlich wie in der Sahara, die Richtung des Weges zeigten.
Daß von dort aus und gegen die Cordillera zu ſich dieſe Reſte verſchmachteter Thiere ſtets mehren, ſcheint vielleicht anzudeuten, daß die Reiſe durch die Wüſte häufiger von Cobija aus unternommen wird, als von Potoſi aus nach der Küſte, da erſt, nachdem ſchon ein größerer Theil des Weges zurückgelegt iſt, die Thiere der Ermattung, dem Hunger und dem Durſte erliegen. Aber während man kaum oder nur höchſt ſelten menſchliche Reſte findet, ſind die gefallenen Pferde und Maulthiere ſämmtlich mumificirt, und Skelette werden nicht gefunden.
Die heiße, trockene Luft, die des Tages über die Wüſte ſtreift, trocknet ſie aus und verhindert die Fäulniß, und überhaupt ſcheinen dort ſowohl als auch in Chile und an andern Orten der Weſtküſte mancherlei Bedingniſſe zu fehlen, welche die eigentliche Fäulniß, die faulige Gährung, einleiten.
Der Mangel an menſchlichen Leichen aber wird dadurch er⸗ klärt, daß die in der Wüſte Verunglückten entweder von ihren Be⸗ gleitern mit hinweggenommen werden oder daß fromme Hände ihnen irgendwo ein Grab bereiten.
Aber ſehen wir wieder nach unſeren Reiſenden.
Heiter und fröhlich zogen beide dahin ihren Weg durch die Wüſte, als befänden ſie ſich auf dem herrlichſten Weg, mitten in einer reizenden, blühenden Landſchaft, und während Benito lachte und ſcherzte, war Tupa überglücklich und von ſtiller Seligkeit erfüllt.
Wohl hatte er früher auch geſcherzt, aber nicht ſo wie heute, und ſie fühlte, daß er ihr dankbar war, ſie zu lieben begann, und das war ihr höchſtes Glück, ein kaum geahntes, gehofftes.
Sie erreichten glücklich und ohne weiteren Unfall am Abende deſſelben Tages das indianiſche Dorf, und ebenſo ſpäter Potoſi, wo⸗ ſelbſt Benito übrigens von den Empfehlungsbriefen des Sennor Palacios keinen Gebrauch machte.——
Einige Monate ſpäter ſagte die Sennorita Francisca zu ihren Freunden und Bekannten:
„Ich habe nie viel auf dieſen Sennor Laveaga gehalten, aber eine⸗ſolche Charakterloſigkeit hätte ich ihm denn doch nicht zugetraut.
Stellen Sie ſich vor, er hat die abſcheuliche kleine Wilde geheirathet,
vorher nach Cobija eingeſchifft und wollte den Landweg einſchlagen,
ihm zu folgen, aber die Fiſcher riethen ihr ab. In einem oder zwei Tagen würde ein nach Cobija beſtimmtes Proviantſchiff im Hafen anlegen, ſagten ſie, mit dem könne ſie reiſen. Der Landweg ſei zu gefährlich, unbedingt aber würde ſie zu Schiffe Cobija eher erreichen.
Die Gefahr war ihr gleichgültig, aber das letzte entſchied, ſie ging mit dem Proviantſchiffe nach Cobija, aber Benito war bereits ſeit einigen Tagen von dort wieder abgereiſt, und ſie erkundigte ſich nun nach dem Wege, den ſie einzuſchlagen hätte, um ihm zu folgen. Aber bei dieſer Gelegenheit erfuhr ſie mancherlei, was ſie erſchreckte und beſorgt machte, und ſie kaufte, errathend was nöthig, drei Pferde, eins für ſich, eins für Benito und ein drittes nahm ſie, mit Proviant beladen, mit ſich. Dann machte ſie ſich unverzagt auf den Weg, und brauchte einen einzigen Tag, um ihn einzuholen und ihn vom ſicheren Tode zu erretten.
„Aber wie war es Dir möglich, hier in der Wüſte meiner Spur ſo raſch, ſo ſicher zu folgen?“ ſagte er, als ſie geendet.
„Das war nicht ſchwer,“ verſetzte ſie,„denn die Hufſpur Deines Pferdes war friſch, die andern älter und verwiſcht.“
V
den braunen, kaum drei Fuß hohen Affen, welchen er jenesmal, weiß Gott warum, aus Araucanien mitgebracht hat.“
„Das unverſchämte Ding ſoll ihm, wie man ſagt, ſelbſt bis in die Wüſte nachgelaufen ſein,“ ſagte eine andere Sennorita, und eine dritte fügte hinzu:
„Solche Geſchöpfe kennen keine Scham und keine weibliche Würde.“
Die Bekannten Benitos aber ſagten, indem ſie die Schultern zogen:
„Es war ein guter Kerl dieſer Benito, aber ſchwach, außer⸗ ordentlich ſchwach.“ 1
Was endlich Benito ſelbſt betrifft, ſo wurde er ſpäter begnadigt und erhielt einen Theil ſeines noch in Chile befindlichen Vermögens zurück, er zog aber vor, nicht in ſein Vaterland zurückzukehren, ſondern in Bolivien zu bleiben, und glücklich zu leben an der Seite Tupas, welche durchaus nicht ſo klein war, wie die Sennorita Francisca be⸗ hauptete, wenn gleich der Fehler immerhin an ihr haften blieb, daß ſie dem Mann, den ſie liebte, durch die Wüſte nachgelaufen war, um ihm das Leben zu retten.
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