Jahrgang 
1865
Seite
291
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CTupa, das Indianermädchen.

Von Ernſt v. Bibra. (Schluß.)

Er fand zuerſt eine ziemlich tief in das Gebirge geſchnittene Schlucht, welche endlich auf eine mäßige Anhöhe führte, die kaum die halbe Höhe des Gebirges haben mochte, und als er nicht

allzulange Zeit auf derſelben fortgeritten war, ſenkte ſich der Boden

wieder, und plötzlich ſah er nun die eigentliche hohe Cordillera wieder vor ſich liegen.

Freilich aber, ſcheinbar wenigſtens, ebenſo weit entfernt als am

Morgen, und zwiſchen ſich und der rieſigen Bergeskette wieder die Wüſte, abermals wie er ſie früher ſchon geſehen hatte, aber er wußte jetzt doch, daß er die rechte Richtung eingehalten, und war mit dem Gedanken vertraut geworden, ſein Nachtlager in der Wüſte aufzu⸗ ſchlagen.

Am Fuße des Gebirges machte er in Folge deſſen Halt und ſuchte ſich, ſo gut es eben ging, häuslich einzurichten.

Wer in Chile zu Pferde reiſt, und es gab in jener Zeit kaum eine andre Art zu reiſen, führt ſtets ſein Bett mit ſich, und dieſes beſteht aus den zwölf Guanaco⸗Fellen, welche den ſogenannten großen Sattel bilden. Unmitkelbar auf dem Thiere liegen ſechs derſelben,

dann kömmt ein höheres Sattelgerüſte und auf dieſem befinden ſich

die ſechs übrigen Felle, die meiſt noch mit einem dreizehnten, bunt gefärbten, welches man Pellon nennt, bedeckt ſind.

Benito hatte von ſeinen Vorräthen gegeſſen, hatte ſeinem Thiere Gerſte gegeben und hatte ebenſo ſeinen Abendtrunk mit ihm getheilt, dann ließ er es ledig, da beim erſten Nachtlager ſich faſt nie ein Pferd von ſeinem Herrn entfernt, und begann ſich bald ganz behaglich zwiſchen ſeinen Decken zu fühlen, denn der Hitze des Tages war eine Kühle gefolgt, welche unſerem Reiſenden faſt unerklärlich ſchien. Er entſchlief indeſſen, gegen Mitternacht aber wurde er geweckt durch das ſturmähnliche Toben des Windes und durch eine Kälte, wie er, ein Kind des Südens, ſie nie empfunden hatte.*)

Freilich wölbte ſich über ihm der prachtvolle nächtliche Himmel ſeines Vaterlandes, ein rieſiges Gewölbe, gefärbt mit dem koſtbarſten Blau und beſetzt mit Millionen funkelnder Edelſteine, und über der Cor⸗ dillera blitzten die geheimnißvollen Feuerſcheine**) ihrer Feuerberge, aber Benito hüllte ſich ſchauernd vor Kälte in ſeine Felle, klappernd

mit den Zähnen, den Sternen und der Cordillera nicht einen einzigen

Blick ſchenkend, und nur halbweg aufrecht gehalten von dem Gedanken, daß er morgen zuverläſſig in der angenehmſten Kühle das Dorf Chia chia erreichen werde,denn, ſagte er zu ſich ſelbſt,dieſe Bergkette, die ich heute überſtiegen, iſt offenbar die Grenze jener furchtbar heißen Region, und da es hier in der Nacht ſo jämmerlich kalt iſt, ſo iſt bei Tage die Temperatur eher noch kühl als beläſtigend warm.

Drei Tage ſpäter finden wir unſeren Benito zu Fuße, zwiſchen einem Labyrinth von Felſen irrend, welche ähnliche Glutſtröme ent⸗ ſendeten, wie jene, die er am erſten Tage getroffen.

Seine Wangen waren eingefallen, ſein Haar verwildert, ſein Blick unſtät, verzweifelnd, faſt Wahnſinn verrathend, und ſein Gang war ſchwankend und unſicher.

Alles das kam daher, weil er bereits ſeit vierundzwanzig Stunden keinen Biſſen Nahrung und keinen Tropfen Getränke über die Lippen gebracht, und während ihn bei Tage die Hitze faſt zu Boden gedrückt hatte, war er des Nachts dem Erfrieren nahe geweſen.

Nachdem er nach jener erſten in der Wüſte zugebrachten Nacht wieder zu Pferde geſtiegen war, um ſeine Reiſe weiter fortzuſetzen, bemerkte er, daß die Fußſpuren, denen er bisher gefolgt war, ſpär⸗ licher wurden.

Dann theilten ſie ſich und wurden wieder ſeltener, einige ſchienen

*) Während in der Wüſte von Atacama des Tages über das Thermo⸗ meter nicht ſelten auf+ 36 bis 40 R. ſteigt, tritt in der Nacht Froſt ein und das Thermometer ſinkt jetzt mehrere Grade unter Null. Der Grund dieſer Erſcheinung liegt in dem eiſigen, von der beſchneiten Cordillera des Nachts herabkommenden Sturmwinde, während bei Tage ſtets Landwind weht.

*¹) Das ſogenannte Leuchten der Vulkane, ein periodiſch in kurzen Zwiſchen⸗ räumen wiederkehrendes Aufblitzen der thätigen Feuerberge, dem Wetterleuchten ähnlich, bis jetzt nicht genau erklärt, und nur an den Vulkanen der Andeskette beobachtet.

vor vulkaniſchen Spalten verſchwunden zu ſein, andere an kupfer⸗ haltigen Lachen, deren er jetzt mehrere traf, wieder andere hörten plötzlich auf, als ſei Roß und Reiter durch die Luft davon geritten. Er ſchob es auf den Wind, der die Huftritte verwiſcht hätte, und ritt ſeitwärts, um vielleicht andere zu finden, aber das war nicht der Fall, und er beſchloß jetzt, in gerader Richtung irgend einen Punkt der hohen Cordillera ſich zum Ziel zu ſetzen.

Aber jetzt traf er auf mächtige, nicht zu überſpringende Spalten des Bodens, welche ihn zur Umkehr zwangen, dann kam er an große Lachen ſalzigen Waſſers und mußte abermals umwenden, hierauf gerieth er zwiſchen hohe Felſen, welche ihm alle Fernſicht benahmen, und endlich konnte er ſich nicht länger bergen, daß er ſich gründlich verirrt hatte, ja, daß er mit jedem Schritte Gefahr lief, dies noch mehr zu thun.

Am zweiten Tage war ſein Speiſevorrath, ſeine Gerſte und ſein Waſſer zu Ende, und da ſein Pferd zu Boden geſtürzt und dem Verenden nahe war, ließ er es liegen und irrte zu Fuß weiter.

Jetzt aber und kurze Zeit nachdem wir ihn getroffen haben, ſtand er ſtille, dann warf er ſich auf die Erde nieder und murmelte halblaut: hier will ich ſterben.

Vor einigen Stunden noch hatte er Gott geläſtert, und mit der geballten Fauſt ſcheltend und verwünſchend nach der Richtung hin⸗ gedroht, in welcher er ſein Vaterland vermuthete, das ihn ausgeſtoßen und ſeine Freunde, die ihn dem Elende Preis gegeben.

Jetzt lächelte er ſchmerzlich:Was hilft's, wenn ich weiter gehe! Wenn ich meine Qualen nutzlos vermehre!

In der That ſchien es ihm, als könne er ſich nicht mehr erheben, nachdem er ſich einmal niedergelaſſen, ſeine Sohlen waren wund und alle Glieder ſchmerzten ihn. Hunger empfand er indeſſen verhältniß⸗ mäßig weniger, der war wohl durch die tödtliche Mattigkeit verdrängt, welche ihn zu Boden drückte, aber wenn er an Waſſer dachte, glaubte er wahnſinnig werden zu müſſen.

Oder war er es vielleicht ſchon?

Seine Pulſe flogen und ſein Blut floß heiß wie geſchmolzenes Metall durch ſeine Adern, während ſein Gehirn zu brennen ſchien. Waſſer! O mein Gott! Waſſer!

Verworrene Bilder aus ſeiner Kindheit drängten ſich ihm jetzt faſt gewaltſam auf.

Man ſagt, daß das ſo ſein ſoll, wenn man zum Sterben kommt.

Er ſah ſeine Mutter vor ſich, die ihn gehegt und gepflegt und ſeine hilfloſe Kindheit geſchirmt, dann gedachte er ſeines Vaters.

Niemand hatte ihn jemals ſo geliebt als eben dieſe beiden, und er machte es ſich zum Vorwurfe, daß erſt jetzt, in dieſer ſchlimmen Stunde, dieſe Wahrheit ſo deutlich vor ihn trat.

Dann gedachte er ſeiner Kameraden. Die hätten ihn wohl nicht hinausgejagt in bittre Noth und Tod, wie ſeine anderen guten Freunde. Aber die armen Burſche waren, wenn ſie überhaupt noch lebten, wohl nicht viel beſſer daran als er ſelbſt.

Jetzt glaubte er die Sennorita Francisca Ramirez vor ſich zu ſehen und hob zornig drohend die Hand gegen ſie, die ihn von ihrer Schwelle gejagt, als er in höchſter Noth war.

Dann bedeckte er ſein Geſicht mit den Händen.

Tupa! Er hatte ihr Bild öfter ſchon mit Gewalt von ſich ver⸗ bannt während dieſes Tages, der ohne Zweifel ſein letzter war, aber immer kehrte es wieder, und es ging ihm faſt mit ihr, als wie mit ſeinen verſtorbenen Eltern.

Er wußte jetzt, daß ihn Francisca nie ſo geliebt, wie dieſes arme, anſpruchsloſe Mädchen, das er anfänglich wie ein Spielzeug behandelt und dann ſcheltend von ſich geſtoßen.

Tupa! Tupa!! wehklagend und bereuend rief er ihren Namen.

Dann blickte er ſtarr vor ſich hin. Da zog ſie wieder gegen ihn heran, zwiſchen jenen ſchwarzen Felſen, wie er ſie ſchon mehrmals erblickt in den letzten qualvollen Stunden, in welchen ſich alle ſeine Gedanken zu verkörpern ſchienen.

Aber was war das? ſie zerfloß diesmal nicht in Duft und Nebel, wie das vorher der Fall geweſen, oder verwandelte ſich