Am Voltaire und ſeine Güſte.
Es war an einem trüben Julitage des Jahres 1838. In Genf beſtieg ich den Omnibus, der alltäglich nach Ferney abfuhr und den Fremden die Gelegenheit gab, Voltaires früheren Wohnort zu beſuchen. Ein angenehmer Weg, der ſich durch hübſche Landhäuſer und Gärten der reichen Genfer Patrizier zog, brachte uns in kurzer Zeit ans gewünſchte Ziel. Die Sehens würdigkeiten des Orts waren bald in Augenſchein genommen, und ich frug den dienſtfertigen Führer, ob nicht im Ort noch jemand zu finden ſei, der Voltaire perſönlich gekannt. Er nannte mir einen alten Gärtner, der als junger Burſche bei Voltaire in Dienſten geſtanden, und der, wenn man es ver ſtehe, ihn in gute Laune zu verſetzen, gern bereit ſei, aus dem Schatze ſeiner Erinnerung allerlei aufzutiſchen, namentlich löſe eine Flaſche guten Weines ihm leicht die Zunge. Ich ſuchte ihn, mit einer Flaſche Burgunderweins verſehen, auf, und fand eine alte, verwitterte Geſtalt; anfangs war er ziemlich ſchweigſam, doch nach und nach thaute er auf und wurde in ſeinen Erinnerungen lebendig. Obwohl beinahe erblindet, hatte er doch Voltaires Geſicht ſo genau im Gedächtniß, daß er aus einer röthlichen Thonerde kleine Büſten anfertigte und brannte, die den Bildern nach zu urtheilen ſprechend ähnlich ſind; eine ſolche kaufte ich ihm ab, und bewahre ſie noch auf, ſowie einen Abdruck des Siegels, das Voltaire führte, und das er dem Greiſe ver macht, zum Danke dafür, daß er ihn in ſeiner letzten Krankheit gepflegt. Von ſeinen Mittheilungen ſind mir namentlich zwei charakteriſtiſche Anekdoten im Gedächtniß geblieben, die ich mich nicht erinnere ſonſtwo geleſen zu haben.
Voltaire war namentlich in der letzten Zeit ſeines Lebens oft ſehr ge⸗ langweilt und aufgebracht über die Beſuche fremder Eindringlinge, die den berühmten Mann ſehen wollten, und pflegte ſeine üble Laune oft an ſolchen, namentlich an Engländern, in der Art auszulaſſen, daß er ein bedeutendes Honorar von ihnen einforderte, in der Regel ſechs Guineen, die der alte Gärtner ſelbſt öfter von Fremden einkaſſirt zu haben verſicherte. Mit dieſer Praxis kam er aber zweimal übel an; das eine Mal tractirte er in dieſer Weiſe den berühmten Gibbon, der zu Lauſanne lebte und daſelbſt an ſeiner bekannten„Geſchichte des Verfalls des Römerreichs“ arbeitete. Schon oft hatte dieſer den Verſuch gemacht, Voltaire perſönlich kennen zu lernen, aber immer vergeblich, obwohl mehrmals beiderſeitige Freunde ſich ins Mittel geſchlagen, eine Zuſammenkunft der beiden berühmten Männer herbeizu⸗ führen; Voltaire haßte ihn, und gerieth ſchon in Wuth, wenn nur ſein Name genannt ward. Warum, wußte mir der alte Mann nicht zu ſagen, es ſcheint aber, daß er die Engländer überhaupt nicht leiden konnte. Endlich wendet ſich Gibbon mit der Verheißung eines reichen Trinkgeldes an den Gärtner⸗ burſchen, der nach vielen Hin⸗ und Herſinnen auf ein Mittel verfiel, Gibbon zu der gewünſchten Zuſammenkunft und ſich in Beſitz der verſprochenen Guinee zu bringen. Voltaire beſaß ein weißes Füllen, das er zärtlich liebte, und das der beſondern Fürſorge des Gärtners anvertraut war. Dieſes Füllen wollte er im Garten laufen laſſen; er meinte, es ſei kein Zweifel, daß Voltaire, ſobald er es merke, in den Garten hinablaufen werde, um die Fahrläſſigkeit des Burſchen zu ahnden und das Wiedereinfangen anzuordnen. Gibbon ſolle ſich im Gebüſch verborgen halten, und von da aus den er⸗ wünſchten Anblick genießen, aber bei Leibe ſich nicht ſehen laſſen. Geſagt, gethan! Eines ſchönen Morgens rannte das Lieblingsfüllen des Dichters mit ausgelaſſenen Sprüngen in der Allee auf und ab, die den Garten von Ferney noch damals als ich es beſuchte, mitten durchſchnitt, und Vol taires täglicher Spaziergang geweſen war. Voltaire, der von ſeinem Fenſter aus die Allee überſehen konnte, bemerkte auch ſogleich dieſe Ueber tretung feiner gemeſſenſten Befehle, und eilte, wie er ſtand und ſein Frühſtück verzehrte, im Schlafrock und ohne Perrücke, ſpornſtreichs in die Allee. Er ſah, meinte mein alter Erzähler, ſchon mit der Perrücke häßlich und affen mäßig genug aus, aber ohne ſie geradezu abſcheulich. In dieſem wenig vortheilhaften Aufzuge lief er vor dem lauernden Gibbon mehremale vorbei, und dieſer konnte ſich nicht enthalten, als er nach gelungener Einfangung des Thieres, ſeinem Hauſe wieder zuſchritt, ihm entgegen zu treten und ihn mit lächelnder Miene zu grüßen und ſeine Genugthuung auszuſprechen, den be rühmteſten Mann des Jahrhunderts endlich geſehen zu haben.„Wer ſind Sie?“ ſchnauzte ihn Voltaire auf's höchſte echauffirt und erbittert an.„Ich bin Gibbon!“ entgegnete der Eindringling.„Gehen Sie zum Teufel und laſſen Sie mich ungeſchoren!“ brüllte ihn Voltaire an, und eilte der Thür zu; auch Gibbon wendete ſich zum Gehen. Allein der gereizte Dichter wollte ihn doch ſo leichten Kaufs nicht fortlaſſen, ſondern ſandte ihm den Gärtner⸗ burſchen nach mit dem Befehl, ihn nicht eher aus dem Garten zu laſſen, als bis er für den Anblick des Füllens ſechs Guineen erlegt. Der Gärtner⸗ burſche entledigte ſich ſeines Auftrags, und Gibbon bezahlte ohne Weigerung
Familientiſche.
die verlangte Summe, bat aber den Burſchen, ihm darüber von Voltaire eine Quittung zu bringen, und ſchrieb auf ein Blatt Papier mit Bleiſtift die Worte: Payé six guinées pour avoir vu la bête.*) Als Voltaire das ge⸗ leſen, lachte er von Herzensgrunde, und ließ den auf Antwort Harrenden in ſeinen Salon führen, wo er ihn mit einem Frühſtück bewirthete und ſeit dieſer Zeit gute Freundſchaft mit ihm hielt. 1
Ein anderes Mal traf es einen reichen und vornehmen engliſchen Lord, der ſich Voltaire vorſtellen ließ. Da dieſer nur gebrochen franzöſiſch ſprach, ſo begnügte er ſich, den berühmten Mann ſich anzuſehen, ſchweigend ſtanden ſich beide gegenüber. Voltaire, den dieſe Huldigung verdroß, drehte ſich langſam mehrmals vor ihm auf dem Abſatz herum, und ließ ſich von allen Seiten beſchauen. Nachdem dies geſchehen,
fragte er den Lord, ob er nun genug geſehen, und auf deſſen bejahende Antwort, fuhr er ihn an:„Nun ſo haben Sie ſechs Guineen zu bezahlen.“ Der Lord zog ſogleich ſein Taſchenbuch heraus, und zählte dem Dichter zwölf Guineen auf den Tiſch, worauf er ruhig zu ihm ſagte:„Noch mal machen, Herr!“ Der Verblüffte zog ſich eilend in ſein Cabinet zurück, ließ den Lord ſtehen und die Guineen liegen. So erzählte mir der Alte; ich theile es mit, wie ich es gehört habe, ohne eine Garantie für die Wahrheit zu übernehmen. B.
*) Sechs Guineen für den Anblick des Thieres bezahlt.
Kegelſpiel in den Vereinigten Staaten..
In den Vereinigten Staaten wurde einſt das Spiel mit nine pins, unſer gewöhnliches Spiel mit 9 Kegeln, verboten; die Yankees wußten ſich jedoch zu helfen, nahmen noch einen Kegel dazu und ſpielen ſeitdem ten pins, mit 10 Kegeln, die ſie in nachfolgender Weiſe aufſtellten:
Eine Säuglingspaſtete.
Die Frau Atkinſon, welche ihren Mann auf ſeinen Künſtlerſtreifzügen in Inner⸗Aſien jahrelang begleitete und lange Zeit mitten in den ſüdlichen Kirgiſenſteppen lebte, erzählt von einer intereſſanten Kurmethode, welche die Koſakenfrauen und Kirgiſen bei Erkältungsübeln ihrer Säuglinge in An⸗ wendung bringen. Sie ſchlagen das Kind völlig in eine Lage Roggen⸗ oder Weizenteig und umwickeln es ſo vollſtändig, daß es eine förmliche Paſtete darſtellt. Nur zum Athemholen iſt eine kleine Oeffnung gelaſſen. So legen ſie die Säuglingpaſtete in eine Pfanne und ſchieben ſie in die Ofenröhre, in welcher ſie ſie einige Minuten laſſen. 4
Daß dies ein probates Mittel ſein mag, um geſtörte Transpiration wieder herzuſtellen, läßt ſich denken und haben wir an den üblichen Brei⸗ umſchlägen eine Analogie dazu,— die ruſſiſche Form iſt aber doch ein wenig ſtark kalmückenmäßig. H. W.
Eine„Vogelſpinne“ in Europa.
„Ich mag weder Märchen für Kinder noch Fabeln für Große,— und das ſind mehr oder weniger alle Reiſebeſchreibungen!“— ſo erwiederte mir einſt ein gebildeter Mann auf meine Frage, ob er die Reiſe von B. geleſen habe. Und leugnen läßt ſich nicht: mehr oder weniger ergreift wohl die meiſten Leſer ein mit Zweifel gemiſchtes Staunen bei einer Lektüre, welche die Wunder einer uns fremden Welt ſchildert,— ſei es die der Tropen oder der Pole. Und um ſo unglaublicher bedünken uns ſolche„Wunder“, je weniger wir diejenigen der uns rings umgebenden Natur kennen und ver⸗ ſtehen gelernt haben. Mir kamen dieſe Gedanken, als mir neulich ein Faktum aus dem Munde eines durchaus glaubwürdigen Mannes mitge⸗ theilt wurde. Daß die Spinnen alleſammt überaus muthige, kriegs⸗ luſtige Räuber und Mörder ſind, weiß jeder Beobachter dieſer ebenſo klugen und kunſtfertigen als tapferen Thiere; daß die rieſige„Vogelſpinne“ der tropiſchen Wälder Vögel von der Größe eines Colibri angreift und überwältigt, kann daher nicht eben Wunder nehmen; aber daß unſre allbe⸗ kannte„Kre uzſpinne“ an ſo große Vögel wie Schwalben ſich wagen könnte, iſt eine meines Wiſſens neue und überraſchende Thatſache. Hier deren Erzählung, wie ſie mir gegeben wurde.„Der Inſpector einer Domäne in der Nähe fand im verfloſſenen Sommer eine alte Schwalbe anſcheinend in den letzten Zügen auf der Erde liegend. Er hob ſie auf und fand bei näherer Unterſuchung unter dem einen Flügel eine ſehr große Kreuzſpinne,„welche ſich dort feſtgebiſſen und voll Blut geſogen hatte.“ Er riß den blutgeſchwollenen Vampyr los und die Schwalbe flog luſtig davon.“
C. Baldamus.
Zur Beachtung.
Mit der nächſten Nummer ſchließt das erſte Quartal. Wir erſuchen unſere Leſer, namentlich die Abonnenten der Poſt, die 7 3
Fortſetzung ſchleunigſt beſtellen zu wollen.
Neueintretenden ſteht das erſte Quartal jederzeit zu Gebote.
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des
„Daheim“ in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.
Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Rober! Koenig in Leipzig.
Verlag der Daheim-Expedition von Delhagen& Klaſing in Bielefeld und Berlin.—
D
Druck von Liſcher« Wittig in Leipzig.
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