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„So,“ ſagte der alte Schmied,„Ihr wollt alſo beide meine Schmiede nicht, wiewohl ihr ſie beide verdient habt. Aber der da, der ſie nicht verdient hat, ſoll ſie auch nicht haben. Nun antworte,“ ſagte er zu ſei— nem jüngſten Sohn,„bei welchem Schmiedemeiſter haſt Du bisher gear⸗ beitet?“—„Bei keinem; aber“—„Still!“ rief der Alte:„Was haſt
Du bisher mit Schmieden verdient?“„Nichts; aber“„Schweigſt Du? Was haſt Du bisher geſchmiedet?“—„Gar nichts; aber“
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Der Alte ließ ihn jedoch nicht ausreden, ſprang auf und holte einen mächtigen Knotenſtock aus der Ecke, mit dem er grimmig auf ihn los⸗ ſchlagen wollte. Aber die Mutter und die Brüder warfen ſich da⸗ zwiſchen und der junge Könjg nahm den Augenblick wahr und flüch⸗ tete ſich aus der Stube.
Während ſich der alte Schmied drohend und ſcheltend wieder hinter den Tiſch ſetzte, ſtieg der junge König auf den Hausboden und kleidete ſich dort in aller Eile wieder um. Dann nahm er ſeine alte verriſſene Kleidung, ſtopfte ſie mit Heu aus, daß es ausſah, als wenn er ſelbſt es wäre, und henkte ſie an einem Stricke an dem Balken vor die Bodenluke. Sobald das geſchehen war, ging er hinten aus dem Hauſe fort zu dem Wagen, ſetzte ſich zu dem alten König und ſeiner Frau hinein und erzählte ihnen, wie es ihm ergangen ſei. Da fuhren ſie zuſammen in das Dorf hinein und hielten vor der Schmiede ſtill. Als aber der alte Schmied und die andern den prächtigen Wagen kommen ſahen mit Vorreitern und Begleitern, und den König darin mit ſeiner goldenen Krone, und ſahen, wie der Wagen vor dem Hauſe ſtillhielt, ſo meinten ſie, es müſſe wohl eins von den Pferden
ein Hufeiſen verloren haben, darum nahm der alte Schmied ſeine Zange in die Hand und kam heraus und ſeine Frau und die beiden Söhne mit ihm, und er fragte den König, was er beföhle. Da ſagte der alte König:„Wo haſt Du Deinen jüngſten Sohn? Ich bin ge⸗
kommen, um ihn abzuholen, denn er hat mir und meinem Lande die größte Wohlthat erwieſen, und dafür ſoll er der Erſte nach mir ſein und König werden, wenn ich einmal ſterbe. Bring ihn heraus!“— Nun ſaß zwar der junge König mit im Wagen, aber er hielt ſein Geſicht weg und ſie erkannten ihn nicht.— Da ſagte der alte Schmied:„Großmächtiger Herr König! mein jüngſter Sohn iſt es gewiß nicht, den Ihr ſuchet, denn er iſt ein ungeſchickter und fauler Schlingel, den ich eben abſtrafen wollte, als er mir davonlief.“ 8 Der alte König aber wies nach der Bodenluke hinauf und ſagte mit zornigem Geſicht:„Siehſt Du, was Du angerichtet haſt? Du haſt ihn ſchlagen wollen, und um deswillen hat er ſich da oben aufgehenkt. Aber dafür ſollſt Du auch hingerichtet werden.“— Da ſahen ſie alle nach der Bodenluke und meinten, der junge Geſell hinge da oben. Und der alte Schmied ward blaß und zitterte und fiel auf ſeine Kniee und bat um ſein Leben. So thaten auch ſeine beiden Söhne. Die alte Mutter aber fing laut und bitterlich an zu weinen. Da das der junge König hörte, konnte er ſich nicht länger halten, ſprang aus dem Wagen, und umarmte ſeine Mutter, tröſtete auch ſeinen Vater und ſagte ihnen, daß er lebe und König geworden ſei. Da wurden ſie alle ganz vergnügt und die Geſchichte hatte ein Ende. Die Schmiede aber iſt noch zu haben.
Bilder aus Oſtfriesland.
Von Hermann Meier.
I. Der Schlittſchuhläufer.
Kein Volk der Erde verkennt mehr den ſittlichen Einfluß der Fußbekleidung auf den Menſchen, als der Holländer und der ihm be⸗ nachbarte und verwandte Oſtfrieſe. Ziehe ihm Tanzſchuhe an, ſchnalle ihm Sporen an die Ferſen, gib ihm Jagdſtiefeln oder Pantoffeln an die Füße: Du veränderſt den Mann dadurch nicht. Das macht ihn weder zum Tänzer, Reiter, noch Jäger. Er bleibt ein Holländer oder Oſtfrieſe, der tanzt, reitet oder jagt. Aber gib ihm ein Paar Schlittſchuhe, oder wie Klopſtock will, Schrittſchuhe an die Füße— er iſt kein Holländer, kein Oſtfrieſe mehr. Er iſt Schlittſchuh⸗ läufer, ſo ſehr Schlittſchuhläufer, wie je ein Spanier Tänzer, ein Engländer Reiter iſt. Er iſt ein Mannſchlittſchuh— un homme patin, würden die Franzoſen ſagen— geworden. Die Sieben⸗ meilenſtiefeln veränderten Kleindäumchen nicht mehr, als die Schlitt⸗ ſchuhe den Holländer und Oſtfrieſen. Es ſcheint hier eine Ver⸗ zauberung, ein Spuk, ein Geſtaltenwechſel wie aus den Ovidſchen Metamorphoſen ſtattgefunden zu haben.
Kaum kömmt die ganze Natur zur Ruhe, kaum zieht die Erde die warme Schneedecke über, ſo wird dieſer Volksſtamm wach, er thaut auf, er verändert in umgekehrter Ordnung ſein Temperament. Er brennt und kracht wie der Hekla unter dem Schnee.
Endlich iſt es Zeit! Es iſt wahr, das Eis iſt noch ſchwach und kaum ſo dick, wie ein Zweithalerſtück, man ſpricht ſogar von Gefahr. Aber danach frägt der Schlittſchuhläufer nicht. Sonſt iſt der Hol⸗ länder und Oſtfrieſe der vorſichtigſte Menſch, er bedenkt ſich zehn⸗ mal, bevor er eine Schaukel, fünfzigmal, bevor er ein Boot, hundert⸗ mal, bevor er den Dampfwagen beſteigt. Aber auf dem Eiſe iſt er ein Wagehals. Dort entwickelt er eine Kühnheit, die ſelbſt einem Gemsjäger Schrecken einjagen würde. Dort gleicht er der Möve, die mit ihren Flügeln das Waſſer berührt.
Mich dünkt, man kann es dem Schlittſchuhläufer anſehen, wo⸗ hin er geht. Nicht nur an ſeiner Ausrüſtung, an ſeinem zuge⸗ knöpften Rock, an ſeinem wollenen Halstuch, an den blankgeſchliffenen Schlittſchuhen, ſondern an der Farbe ſeines Geſichts, an dem Glanz ſeiner Augen, an ſeinem lebendigen Gang, an dem Eifer und an der Ungeduld, die aus ſeiner ganzen Haltung ſpricht. So kommt er an die Bahn. Mit vor Kälte und Eifer bebenden Fingern werden die Schlittſchuhe an die Füße geſchnallt. Er iſt fertig! Eins!— zwei!— drei!— dier!— fünf! ſechs! Dahin fliegt er, einem Vogel gleich. Eben ſo ſchnell, eben ſo leicht, eben ſo froh. Die Bequemlichkeit des Getragenwerdens verbindet er
mit dem Angenehmen des Selbſttragens. So lange er die Schlitt⸗ ſchuhe unter den Füßen hat, iſt der Schlittſchuhläufer der glücklichſte der Menſchen.
Aber es iſt dem Menſchen nicht genug, glücklich zu ſein. Auch auf dem Eiſe nicht. Der Schlittſchuhläufer ſtrebt anch nach Be⸗ wunderung. Darum iſt das Schlittſchuhlaufen bald nicht mehr alleiniger Zweck. Er muß während des Laufens ein Bein über das andere ſchlagen können. Er muß, einem Adler gleich, an beiden wenigſtens ſechs Fuß Flugweite haben. Er muß mit den
Nachdem er ſich einige Zeit in dieſer Schule Uebung erworben und von Zeit zu Zeit theures Lehrgeld bezahlt hat, iſt er endlich der Held der Bahn. Welche Wolluſt! Niemand, der mit ihm wett⸗ eifern darf! Er beſchreibt mit ſeinen Schlittſchuhen die Wellenlinien der Schönheit. Abwechſelnd biegt er ſich maleriſch nach beiden Seiten und bewegt ſich mit den gefälligen Wendungen des Schwans! Jeder bewundert ihn! Die Herren beneiden ihn. Die Damen ſchauen ihm mit Wohlgefallen nach. Ueberall, wohin er kömmt, wird er mit Jauchzen und Beifall empfangen.
Aber nicht jeder geizt nach ſolcher Anerkennung. Viele wählen ſtillere Vergnügungen.„Die Liebe auf dem Eiſe“ iſt in unſern Gegenden ſprichwörtlich geworden. Nirgends gibt es mehr Liebes⸗ händel als auf dem Eiſe. Kein Wunder! Nirgends doch gibt die Gelegenheit mehr Recht zu unſchuldigen Freiheiten. Der Jüngling und ſein Mädchen bilden ein Paar; ſie gehen Hand in Hand; viel⸗ leicht verlieren ſie ſich hier oder dort auf einen einſamen Kanal und befinden ſich allein. Wenn ſie eben ruhen will, muß er ſie mit dem Arm aufhalten; er muß ihr die Schlittſchuhe an die kleinen Füße an⸗ und abbinden. Auf dem Eiſe iſt alles ohne Argwohn. Der Frohſinn der Bewegung ſcheint ſich den Herzen mitgetheilt zu haben. Man erbittet und erlaubt, was man auf dem Lande nie würde fordern, geben und nehmen dürfen.
Anndere freilich ſtellen wieder andere Anforderungen an das Eis. Sie machen es zu einem Kampfplatz. Ein Wirth kündigt ein Schlittſchuhrennen an. Schlittſchuhrennen ſind für uns, was die Wettrennen zu Epſom für England ſind. Die Held
ſich zum Kampf. Die Uebrigen kommen als Zſthenhe eeenn wird gemeſſen und beſtimmt. Der Kampf beginnt. Pfeilſchnell eilen die Kämpfenden längs der Bahn! Athemlos folgen ihnen tauſend Köpfe. Wie lang auch der Kampf dauert, wie ſehr auch die Kälte kneift, wie ſehr der Hunger quält— die Theilnahme bleibt e 2— dor S—..
dieſelbe. Endlich iſt der Sieg errungen, das Fähnlein weht, die
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