Jahrgang 
1865
Seite
159
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ßen hellen Hof, der war mit lauter Marmelſtein gepflaſtert und in der Mitte war ein ſchöner Springbrunnen, der fiel in ein weites Waſſerbecken herunter. Weil der junge Schmied nun durſtig war, ſo ging er zuerſt zu dem Waſſer und that daraus einen tiefen Trunk. Dann wuſch er ſich damit Hände und Geſicht, die ihm von den Dor⸗ nen im Walde ganz zerriſſen und mit Blut beronnen waren. Wie

er ſich aber wuſch, ſo ſchloſſen ſich gleich alle Wunden und Riſſe zu und die Schmerzen hörten auf und er wurde ganz heil und munter. Das verwunderte ihn. Aber nun war er auch hungrig und dachte daher, ſich nach einem Menſchen umzuſehen, der ihm zu eſſen geben könnte, ging daher in ein großes ſchönes Thor und zu dem Schloſſe hinein. Auf dem weiten Vorplatze rief er ganz laut: Guten Tag! aber es hallte nur in den langen Gängen nach und niemand ant⸗ wortete ihm. Da öffnete er ein Paar Thüren und ſah in die Stu⸗ ben und fand auch da keinen Menſchen. Alles war ſchön, voller Hausgeräth, ordentlich und reinlich, aber keiner zu erblicken, der da gewohnt hätte. Da ſchüttelte er den Kopf und es kam ihm ſehr un⸗ verſtändig vor, daß die Leute alle ſollten ausgegangen ſein und die Thüren offen gelaſſen haben. Vielleicht aber ſind ſie oben im Schloſſe, dachte er, ging wieder nach dem Vorplatze zurück und ſtieg dort die breite hohe Treppe hinauf. Ganz dreiſt trat er in die prächtigen Zimmer und Säle und verwunderte ſich über die herrlichen Geräthe und Zierrathen, die er da erblickte, ging aus einem Gemach ins andre, aber auch da fand er nirgends einen Menſchen. Da hätte er nun alle die Herrlichkeiten gern in Frieden beſehen, aber ſein zuneh⸗ mender Hunger ließ ihm keine Ruhe und doch ſah er nirgends etwas, das ihn hätte ſtillen können. Darüber wurde ihm bange, und er dachte, wie ſchrecklich es wäre, wenn er entweder in all der Pracht vor Hunger umkommen, oder in den Wald zurückgehen und den hung⸗ rigen Wölfen in den Rachen fallen ſollte. Unter ſolchen Gedanken machte er eben eine kleine ſchönverzierte Thür auf und ſah, daß ſie in die Schloßkapelle führte, in welcher ſich ein Altar befand, auf dem ſtand ein Kreuz und vor dem Kreuze ein goldener Becher und eine goldene Schüſſel. Da dachte er: Ei, wenn ich zu Gott bete, der wird mich ja nicht umkommen laſſen! ging daher hinein, kniete vor dem Altare und betete ein Vater unſer. Und wie er recht von Her⸗ zen bat: Unſer tägliches Brot gib uns heute! da floß auf einmal aus der Seitenwunde des Chriſtusbildes am Kreuze ein heller Strahl ſchönen goldenen Weines in den untenſtehenden Kelch, und zur an⸗ dern Seite aus ſeiner rechten Hand fiel es wie ſchönes weißes Brot auf die goldene Schüſſel. Da wurde der junge Schmied ganz froh, faßte einen großen getroſten Muth, betete ſein Vater Unſer mit vieler Andacht aus, und trank und dankte Gott für ſeine wunderbare Gabe. Dann aber ging er weiter, das Schloß zu beſehen.

Als er nun ſchon faſt alle Gemächer durchwandert hatte, kam er endlich in eine ganz prächtige Kammer, in deren Mitte ein großes Himmelbett ſtand, das hatte blaue ſeidene Vorhänge und war von eitel Gold, Sammet und Seide. Auf dem Bette lag ein wunder⸗ ſchöner Mädchenkopf mit langem gelben Haar, großen lebendigen blauen Augen und roſenrothen Wangen und Lippen, aber ohne Leib und ohne Glieder. Das deuchte dem jungen Schmied ſehr verwun⸗ derlich und er betrachtete den Kopf lange, bis dieſer endlich die Lip⸗ pen aufthat und anfing zu reden:Sei willkommen, junger Geſell! Du biſt mir ein gutes Zeichen und kannſt hier große Dinge thun, wenn Du fromm, muthig und treu biſt. Da antwortete der Geſell: Fromm, muthig und treu ſein gibt Gott. Aber ſage mir, was ich thun kann. Und der Kopf ſagte:Setze Dich dort in den Seſſel, ſo will ich Dir meine Geſchichte erzählen. Da ſetzte ſich der junge Schmied vor das Bett und der Kopf hub an zu erzählen:

Es war einmal ein König, dem war ſeine Königin geſtorben und hatte ihm nur eine einzige Tochter hinterlaſſen und das war ich. Der König war gut und mild, ſteuerte allem Unrecht und hatte auch gute Unterthanen, aber ſie waren alle noch Heidenleute. Da kam eines Tages ein frommer Mann in das Land, der lehrte den König und ſeine Unterthanen den rechten Chriſtenglauben und wie ſie ſollten ſelig werden, richtete auch eine Kapelle im Schloſſe ein, und da ſich der König und ſeine Unterthanen wollten taufen laſſen, bauete er den ſchönen Springbrunnen im Schloßhofe und weihete das Waſſer in demſelbigen, um ſie alle darin zu taufen, und ich ſollte zuerſt getauft werden. Wie nun aber der fromme Chriſtenmann eben dabei war, mich zu taufen, und das erſte Waſſer war über mich gefloſſen und die erſten heiligen Worte waren geſprochen, da wurden wir geſtört

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und unterbrochen, und das hing ſo zuſammen. Im Norden von meines Vaters Lande wohnte ein anderer Heidenkönig, der war ein Rieſe und ein großer Zauberer, und dem hatte mich mein Vater, als er noch am Heidenweſen hing, zur Ehe verſprochen. Als aber mein Vater beſchloſſen hatte, ſich mit alle ſeinem Volk taufen zu laſſen, ſchickte er hin und ließ dem König ſagen, er könne mich nun nimmer⸗ mehr zur Ehe bekommen, wenn er ſich nicht auch wolle taufen laſſen. Da ergrimmte der heidniſche Zauberer und ließ alle ſein Volk auf⸗ ſitzen und kam in voller Wuth in meines Vaters Schloß geritten, eben als wir bei meiner Taufe waren. Er ſprengte mit gezogenem Schwert in den Schloßhof, ſchlug mit Einem Streiche den frommen Täufer todt darnieder und ſprach dann einen ſchrecklichen Zauber⸗ ſpruch aus, wodurch alle lebendigen Menſchen, die ſich in meines Vaters Lande befänden, in wilde Thiere verwandelt würden. Und ſo geſchah es. Weil er aber in der Hitze vergeſſen hatte, daß er ſich ſelber mit ſeinem Volk in meines Vaters Lande befand, ſo wurden auch er und alle die Seinigen zugleich in lauter wilde Wölfe und reißende Raubthiere verwandelt. Ich war indeſſen, ehe er den Zau⸗ berſpruch hatte vollenden können, hierher in meine Kammer geflüchtet und hatte mich voll Angſt auf das Bett geworfen. Da faßte mich der Zauberer auch, aber weil auf meinen Kopf ſchon das erſte Tauf waſſer geſprengt war, hatte er nicht gleiche Macht über mich, ſondern mir verſchwanden nur Leib und Glieder, ſo daß nichts als mein Kopf übrig blieb, der auch keiner Speiſe bedarf. Und ſo liege ich nun ſchon viele Jahre, während die verzauberten Thiere alle in den wilden Wald hinausgerannt ſind, in welchem ſie durch die Gewalt des Zauberwortes ſo lange verwandelt bleiben müſſen, bis ich Leib und Glieder wiedererhalten habe. Nun aber erzähle mir auch Deine Geſchichte und dann will ich Dir ſagen, was Du thun ſollſt. Hierauf erzählte der junge Schmied alles was er von ſich wußte, wie es ihm zu Hauſe ſo uneben ergangen ſei, wie der Vater ihn mit ſeinen Brüdern in die Fremde geſchickt, wie ſie ſich in dem Walde getrennt, wie der alte Zottelbär ihn geſpeiſet und aufgenommen, vor den Wölfen gerettet und nach dem Schloſſe gebracht habe. Das alles erzählte er, und der ſchöne Kopf betrachtete ihn mit Wohlgefal⸗ len und mußte mehrmals über ſeine Erzählung lachen. Als er aber zu Ende war, ſagte der Kopf:Der gute alte Bär war der König, mein Vater, und es iſt mir lieb, daß er Dich hergebracht hat. Zu⸗ erſt ſollſt Du nun in die Kleiderkammer gehen, daſelbſt dieſe Deine zerriſſene Kleidung ablegen und Dich von dem Vorrathe, den Du da findeſt, neu und ſchön kleiden. Dann kannſt Du für heute ausru⸗ hen und im Schloſſe oder in dem großen Garten, den Du hinter dem Schloſſe finden wirſt, umhergehen. Für die Nacht kannſt Du Dir dann ein Bett in einem andern Theile des Schloſſes ausſuchen. Morgen früh aber, ehe die Sonne aufgeht, ſollſt Du zu dem Tauf⸗ brunnen im Hofe gehen, Dich darin baden und waſchen, wieder an⸗ kleiden und zu mir kommen. Darnach ſollſt Du mich mit Deinen Händen hinunter tragen zu dem Brunnen, mich ebenfalls davin baden und waſchen, und mich dann wieder zurücktragen auf mein Bett. Das alles mußt Du nüchtern thun. Wenn es geſchehen iſt, ſo kannſt Du wieder in die Kapelle gehn und um Dein täglich Brot bitten. Das wird Dir gegeben werden, wenn Du einfältig bitteſt, und wird Dich an demſelben Tage nicht wieder hungern noch dürſten. Biſt Du aber geſättigt und geſtärkt damit, ſo ſollſt Du in die Waf⸗ fenkammer gehen, Dir gutes Jagdgeräth ausſuchen und mit ihm in den Wald gehen, damit Du dort die Wölfe und andere reißenden Raubthiere jagſt und tödteſt. Hüte Dich aber, daß Du dem andern Wild keinen Schaden zufügſt, denn das ſind die Meinigen und ſollen alle noch wieder verwandelt und Chriſtenmenſchen werden. Wenn es dann Abend wird, ſo kehrſt Du zurück, kommſt zu mir und wir

plaudern ein Stündchen zuſammen. Du erzählſt mir, was Dir auf der Jagd begegnet iſt, und ich lehre Dich allerlei Gutes. Und ſo

ſollſt Du jeden Tag thun.

So ſprach der ſchöne Kopf, und der junge Geſell ſah ihn an und ſagte, das wolle er thun, und obwohl er gern noch länger geblie⸗ ben wäre, ſo ſtand er⸗doch gleich ganz gehorſam auf, ſagte gute Nacht und ging hinaus. Als er die Kleiderkammer gefunden hatte, zog er dort ſeine zerriſſene und zerfetzte Kleidung aus, machte ein Bündel davon und legte es oben in die Ecke auf einen Schrank. Als er ſich aber unter den ſchönen Kleidungsſtücken umherſah, die da hingen, gefiel ihm vor allem ein Anzug von ſchneeweißem Sammt, der war

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mit Gold und Silber geſtickt und hatte ein großes rothes Kreu