Jahrgang 
1865
Seite
152
Einzelbild herunterladen

rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr, ſtreifte ſein Blick die Geſtalt der Gefangenen, die augenblicklich gleichgiltig auszuſehen

ſuchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß ſie ſeinen Bewegungen

mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit folgte.

Ah, Mylady, rief er da plötzlich, indem ſeine Finger einen fremdartigen Gegenſtand trafenob ich es mir nicht gedacht habe, daß Sie die Ihnen verſtattete Zeit hier im Zimmer auf geſchickte Weiſe benutzen würden. Sie ſehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu denGrünen gehörten was haben wir denn da? eine reizende Kette und da hängt auch ein Ohrring darin da wird der andere ja wohl auch nicht weit ſein es kann nichts hel fen, der Tapezierer muß wieder gut machen, was ich jetzt hier ver⸗ derbe und er riß, ohne weitere Rückſicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus, bis er den geſuchten Ohr⸗ ring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand. Auch eine Broche, aus einem einzigen großen Brillant beſtehend, kam mit dem Werg zu Tag.

Leugnen Sie jetzt noch, Madame? ſagte Hamilton, indem er ſich aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geſchmeide entgegenhielt. Aber die Gefragte würdigte ihn keines Blicks; ſchwei⸗ gend und finſter, wie er ſie damals im Coupé geſehen, ſtarrte ſie vor ſich nieder, und nur die rechte Hand hielt ſie krampfhaft geballt, die Zähne feſt und wild zuſammengebiſſen und die Augen, die von ſol⸗ chem Liebreiz ſtrahlen konnten, ſprühten Feuer.

Haben Sie etwas gefunden? rief ihm der Commiſſär ent⸗ gegen.

Alles was wir ſuchen, erwiederte Hamilton ruhig iſt denn der Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurück?

Eben gekommen. Er wartet im andern Zimmer auf Sie.

Gott ſei Dank jetzt treffen alle Beweiſe zuſammen, rief Hamilton aus.Ich erſuche Sie indeß, Herr Commiſſär, dieſe junge Dame in ſehr gute Obhut zu nehmen, denn ſie iſt mit allen Hunden gehetzt.

Haben Sie keine Angſt wir werden das ſaubere Pärchen ſicher verwahren.

Den Herrn kann ich Ihnen vielleicht abnehmen, lächelte er Polizeiagent, indem er in das benachbarte Zimmer trat nud dort ie für ihn eingetroffene Depeſche in Empfang nahm. Er erbrach ie und las die Worte:

In Islington gibt es keinen Geiſtlichen Benthouſe. In ganz London nicht. Burton.

Mr. Hamilton, Telegraphenbureau Frankfurt a. M.

Hamilton trat zum Tiſch, auf den er den Schmuck und die tele⸗ graphiſche Depeſche legte, dann nahm er aus ſeiner Taſche die Liſte der geſtohlenen Banknoten, die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich und einige roth anſtrich, dann fügte er dieſen noch ein anderes Papier bei, die genaue Beſchreibung des im Hauſe der Lady Clive geſtohlenen Schmucks, und als er damit fertig war, ſagte er freundlich zu Burton:

Dürfte ich Sie jetzt einmal bitten, Mr. Burton, ſich dieſe kleine Beſcherung anzuſehen? Es wird intereſſant für Sie ſein. Laſſen Sie den Gefangenen nur los, meine Herren.

Sie werden ſich nie Ihres nichtswürdigen Betragens wegen entſchuldigen können, ſagte Burton finſter, indem er aber doch der Aufforderung Folge leiſtete.

Auch dann nicht? frug Hamilton, daß Sie einer großen frug Hamilton.

Einer Gefahr?

aber

S

wenn ich Sie überzeuge,

einer recht großen Gefahr entgangen ſind?

wie ſo?

Der Gefahr, das Schlimmſte zu erleben, was ein anſtändiger Mann, außer dem Verluſt ſeiner Ehre, erleben kann ſich lächer⸗ lich zu machen.

Mr. Hamilton

Bitte leſen Sie hier die Depeſche Ihres Herrn Vaters ſeine Antwort auf meine Anfrage von heute Morgen. So und hier

haben Sie die Nummern der aufgefundenen Banknoten und hier endlich die genaue Beſchreibung des Schmucks, von Lady Clives eigener, ſehr zierlicher Hand. Zweifeln Sie jetzt noch daran, daß Sie es nicht mit einer Miſſ Jenny Benthouſe, ſondern mit der leicht fertigen Lucy Fallow zu thun hatten? Pſt lieber Freund, die Sache iſt abgemacht ſagte aber der Agent, als er ſah, wie be⸗ ſtürzt der junge Burton dieſen nicht wegzuleugnenden Beweiſen gegen⸗ über ſtand.Nur noch einen Blick werfen Sie jetzt auf die junge Dame, fuhr er dabei fort, während er zugleich die Thür aufſtieß und nach der trotzig und wild daſtehenden Geſtalt des Mädchens zeigteGlauben Sie, daß jene Dame Ihnen bis London gefolgt wäre, und nicht vorher Mittel und Wege gefunden hätte, Ihnen un⸗ terwegs zu entſchlüpfen? Uebrigens habe ich ſchon von Ems aus, ſo wie ich Korniks Geſtändniß erhielt, nach London an Lady Clive telegraphirt und ſie gebeten, mir Jemanden zur Recognoscirung des jungen Frauenzimmers herzuſenden. Der kann ſchon, wenn ſie ihn raſch befördert hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem jeder Vorſicht Genüge geleiſtet und die äußerſte Rückſicht genommen iſt, um nicht eine Unſchuldige zu beläſtigen, werden Sie mir doch zu⸗ geben, Mr. Burton, daß ich meine Pflicht erfüllt habe.

James Burton ſchwieg und ſah ein Paar Secunden ſtill vor ſich nieder; aber ſein beſſeres Gefühl gewann doch die Oberhand. Er ſah ein, daß er ſich von einer Betrügerin hatte täuſchen laſſen, und Hamilton die Hand reichend, ſagte er herzlich:

Ich danke Ihnen, Sir ich werde Ihnen das nie vergeſſen.

Ein deſto ſchlechteres Gedächtniß werde ich dann für unſer letztes kleines Intermezzo haben, lachte der Polizeiagent, die dar⸗ gebotene Hand derb ſchüttelnd.Und nun, mein lieber Mr. Bur⸗ ton, reiſen Sie, wenn Sie meinem Rath folgen wollen, ſo raſch Sie mögen, nach England zurück. Für die beiden Schuldigen werde ich ſchon Sorge tragen, und in ſehr kurzer Zeit denke ich Ihnen nach⸗ zufolgen.

Dem Commiſſär erklärte Hamilton bald den Zuſammenhang der Verhaftung Mr. Burtons, den er dadurch nur hatte ſo lange aufhalten wollen, bis er die Beweiſe von der Schuld jener Perſon beibrachte das war jetzt geſchehen und er ſelber brachte jetzt die an dem Morgen von Burton zerriſſene und von ihm wieder ſorgfäl⸗ tig zuſammengeklebte Vollmacht zum Vorſchein, die als beſte Legiti⸗ mation für ihn dienen konnte.

Am nächſten Tag traf richtig ein Polizeibeamter, der Miſſ Lucy Fallow perſönlich kannte, in Frankfurt ein, und Hamilton erhielt die Genugthuung, ſeinen erſten Verdacht völlig beſtätigt zu finden. Gleich danach reiſte James Burton allein ab, während Hamilton noch einige Tage brauchte, bis er die Ueberſendung der Werthpapiere und Banknoten durch die Naſſauiſche Regierung nach England regu⸗ liren konnte. Dann erſt folgte er mit ſeinen Gefangenen nach Eng⸗ land, von denen er aber nur das Mädchen hinüberbrachte.

Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtverſuch und ſprang, während der Zug im vollen Gange war, zwiſchen Lüttich und Namür aus dem Fenſter des Waggons, aber er verletzte ſich dabei ſo furchtbar, daß er ſtarb, ehe man ihn auf die nächſte Station transpor⸗ tiren konnte.

Friedrich Verthes und Caroline Claudius unter dem Weihnachtsbaum.

Von Wilhelm Baur.

(Hierzu das Bild auf Seite 153.)

Wie innig ſpricht uns von dieſem Bilde auf den erſten Blick die warme Gemüthlichkeit des deutſch⸗chriſtlichen Familienlebens an! Mitten im kalten Winter ward der immergrüne Weihnachtsbaum aus dem Walde ins Haus gebracht die Lichter ſind angezündet, die

Hausgenoſſen, die guten Freunde und getreuen Nachbarn werden hereingerufen, drei Menſchenalter ſammeln ſich um den Baum und ſtimmen ihre fröhlichen Lieder an, und in Geben und Empfangen, in Lieben und Geliebtwerden offenbart ſich ein Leben, ſo warm, ſo