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rothen Drachen, hier aber leider ſchmachvoll mit einer nüchternen weißen Tünche überzogen, zeigt, lodert trotz der hohen Temperatur des Juni⸗Nachmittags ein luſtiges Holzfeuer, und die alte Dame ſitzt daran ganz behaglich und nur durch einen Schirm gedeckt, deſſen dünne gelbe Papierwand mitallerlei kleinen, ſorgfältig ausgeſchnittenen, bunten Bildern beklebt iſt. Dieſes Ausſchneiden von bunten Bilder⸗ chen, mit denen man Körbchen, Käſtchen und ſonſt alle möglichen Dinge beklebte, war damals Mode in Coblenz, und der Ofenſchirm ein Geſchenk der drei Großnichten an die alte Tante, die ſich über⸗ haupt gern beſchenken ließ und daraus kein Hehl machte.
Fräulein Juliane Ludovike ſaß ſteil und aufrecht in ihrem Stuhl; ſie hätte nicht anders darin ſitzen können, denn die hohe Rückenlehne, deren Spitze mit einer ſauber in Eichenholz geſchnitzten Biſchofsmütze verziert war, erhub ſich ſteilrecht hinter ihrem Rücken. Vielleicht hatte ſich die alte Dame gerade darum dieſen Stuhl aus⸗ gewählt; denn auch ſie hielt ihre lange magere Figur, trotz der Laſt der Jahre, ſtets feſt und aufrecht. So ſaß ſie da, in einer ziemlich kurzen Robe von verſchoſſenem gelben Seidenzeug und einer langen Schoßjacke von ſchwarzem Tuch darüber, welche mit weißem Pelz gefüttert und verbrämt war; über dem Pelzkragen aber erhob ſich ihr kleines, vertrocknetes, gelbes Geſicht mit der kleinen ſpitzen Naſe darin, den dünnen, faſt blutloſen Lippen und den großen ſchwarzen Augen mit dem ſtechenden Blick, deren dichte Brauen und lange Wimpern ſchlohweiß waren. Auch das Haar der Dame war weiß, doch ſah man von demſelben nur zwei dünne Löckchen, welche an den eingeſunkenen Schläfen unter der ſchwarzen Santmetkappe, die das Haupt und den Nacken bedeckte, zum Vorſchein kamen. Die Arme lagen auf den beiden Armlehnen des Stuhls und die Finger der kleinen magern Hände waren mit einer Menge von zum Theil ſehr koſtbaren Ringen beſteckt; die zierlichen kleinen Füßchen dagegen, welche die Kürze der Robe nicht verbarg, waren in fleiſchfarbenen Seidenſtrümpfen und ſchwarzen Sammetſchuhen mit einer gewiſſen Koketterie auf einem goldbefranzten Fußbänkchen von rothem Sammet aufgeſtellt.
Neben dem Stuhl ſtand ein roth lackirtes Tiſchlein auf drei ganz unglaublich dünnen Rehbeinchen, deſſen Platte allerlei Gegen⸗ ſtände trug, von denen ſich das Fräulein von Reneſſe niemals trennte, als: ein Körbchen von Filigran, in welchem ein Roſenkranz von Gold und Achat, eine kleine Börſe von rother Seide und ein mit Spitzen beſetztes Taſchentuch, eine goldene Doſe endlich mit ſpaniſchem Tabak gefüllt und dem Miniaturbild eines Cavaliers in der reichen Hof⸗ tracht vom Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts. Niemand hat er⸗ fahren, weſſen Portrait das geweſen, es blieb das eins von den vielen Geheimniſſen der Greiſin. Endlich ſtand auf der Platte ein Por⸗ cellanflacon in entſetzlicher Drachengeſtalt, gewiß ebenfalls eine nicht unfeine Anſpielung auf das Wappen der Breidbach⸗Bürresheim; das Flacon aber enthielt einen von jenen ſtarken und nicht flüchtigen Parfüms, die im vorigen Jahrhundert beliebter waren als heut⸗ zutage.
Es läßt ſich nicht läugnen, daß Fräulein Juliane Ludovike, wie ſie ſo da ſaß, recht wohl in ihre Umgebungen paßte und ſo auch Ein— druck machte; ſie hatte in ihrer Attitüde etwas, was, von fern aller⸗ dings nur, aber zugleich doch auch ſehr beſtimmt an eine Sphynx er⸗ innerte, namentlich ſo lange ſie ſchwieg, denn nur wenn ſie ſchwieg, hielt ſie dielangen weißen Wimpern über die Augen geſenkt. Begreiflich übrigens finden wir's, daß viele, welche das greiſe Fräulein ſo zum erſten Male ſahen, ſich eines leichten Schreckens nicht zu erwehren vermocht hatten und daß manche zu einem zweiten Beſuche bei ihr nimmermehr den Muth fanden.
„Ein Stück aus dem vorigen Jahrhundert, was der liebe Gott vergeſſen hat mitzunehmen!“ ſoll die junge Gräfin Metternich ganz ängſtlich geſagt haben.„Es riecht bei ihr wie in der Ahnengruft!“ hatte der Domicellar Vollraths von Greiffenclau ſchaudernd be⸗ merkt, als einſt das Geſpräch auf die alte Dame im Bürresheimer Hof gekommen.
Die Herrſchaften mußten ſehr zart organiſirt ſein und ihre Nerven ſehr empfindlich, denn eine Menge anderer Leute beſuchten das greiſe Fräulein von Reneſſe, wie ſchon bemerkt, ſehr oft und ſtets mit neuem Vergnügen. Auch die drei Großnichten in dem tiefeingelaſſenen Fenſter dort müſſen ganz andere Empfindungen hegen, denn das kichert und lacht, zwitſchert und ſchwatzt ſo lebendig und friſch, ſo hell und luſtig durcheinander, daß ein trüber Gedanke
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gar nicht aufkommen zu können ſcheint in dieſer Geſellſchaft. wirklich! Trübe Gedanken und die drei luſtigen Schweſtern von Reneſſe, wo hätten ſich die zuſammen gefunden?
Schönheiten waren die heiteren Fräulein juſt nicht, im Gegen⸗ theil, die kleinen fleiſchigen Figuren hatten mehr Geſundheit als Grazie, mehr vom Niederland als von Rom oder Hellas; die Stirnen waren bei allen gleich niedrig und die Näslein gleich ſtumpf; auch hatten die Pocken, die großen Feindinnen der Schön⸗ heit in jenen Tagen, in vollſter Unparteilichkeit die Geſichter der Schweſtern mit gleicher Freigebigkeit bezeichnet, und doch gaben ihnen die großen ſchwarzen, ſprechenden Augen und der immer lachende friſche Mund mit den weißen Zähnen einen mehr als gewöhnlichen Reiz, der bei allen drei Schweſtern durch eine faſt immer gleiche ſanfte Stimmung und gute Laune um ein Bedeutendes erhöht wurde.
So jung die Schweſtern auch waren, die beiden älteren, Zwillinge, zählten achtzehn, die jüngere ſiebzehn Jahre, ſo hatten ſie doch ſchon zahlreiche Verehrer unter dem vornehmen Adel am Rheinſtrom; ſie galten, zumal ſie auch eine ziemlich bedeutende Mit⸗ gift zu erwarten hatten, in allen Familien für ganz vorzügliche Partien.„Einem heiratsluſtigen Junggeſellen oder Wittwer muß der Mund nach ſolchen Biſſen wäſſern!“ hatte der Churfürſt ſelbſt noch jüngſt geſagt, und„ächte Rheinſchnaken“ pflegte der Herr Vater ſeine Töchter mit hohem Stolze oft zu nennen.
Die greiſe Großtante ſaß am lodernden Feuer, die drei jungen Mädchen hatten die hohen Fallfenſter aufgezogen und ließen den kühlen Anhauch des Windes durch das dunkle Laub der Nußbäume hereinwehen und um ihre erhitzten Wangen ſpielen, und ziſchelten ſo eifrig mit einander, daß man wohl merkte, wie etwas ganz Ab⸗ ſonderliches der Gegenſtand ihrer Unterhaltung ſein müſſe.
Das älteſte Fräulein, etwas größer und auch etwas ſchlanker als die Schweſtern, hieß, nach der Großtante, Juliane; die zweite, etwas phlegmatiſcher und ruhiger als die Schweſtern, hieß, ebenfalls nach der Großtante, Ludovike, und die dritte, kleiner, runder, leb⸗ hafter noch als die Schweſtern, hieß, wiederum nach der Großtante, Juliane Ludovike, wurde aber im gewöhnlichen Leben„Siemering“ geheißen. Woher dieſe Benennung, wußte weder das Fräulein ſelbſt, noch ſonſt wer, ſie hieß einmal ſo, niemand nannte ſie mit anderm Namen und ſelbſt die Dienſtboten ſagten: Fräulein Siemering! Nur die Großtante that ſtets, wenn die Rede darauf kam, als wiſſe
ſie ganz genau, woher dieſe Benennung komme, indeſſen hat ſie nie
ein Sterbenswort davon verrathen.
Fräulein Juliane glaubte der Liebling der Tante zu ſein und copirte dieſelbe, ſo oft ſie daran dachte, ſo gut ſie vermochte, das heißt ſehr unglücklich, was ihr nicht nur Verſpottung von Seiten der Schweſtern, ſondern auch von der Greiſin ſelbſt im reichſten Maße zu Wege brachte, wobei die gute Laune des Fräuleins indeſſen nie— mals litt. Fräulein Ludovike wäre gern der Liebling der alten Tante geweſen, die ſie noch mehr bewunderte, als das ihre ältere Schweſter that, ſie war indeſſen doch zu bequem, um mehr als ſehr mäßige Anſtrengungen zu machen, unter welchen übrigens ihr Appetit niemals litt. Fräulein Siemering endlich war wirklich der Liebling des alten Fräuleins, machte ſich aber nicht ſonderlich viel daraus, denn während ihre Schweſtern die Großtante bewunderten, moquirte ſie ſich im Stillen zuweilen über das„graue Alterthum“, wie ſie, unehr⸗ erbietig genug, die Tante zu benennen liebte, obwohl trotz dieſes Mangels an Reſpect ihre verwandtſchaftliche Zuneigung für dieſelbe unverſehrt blieb.
So ſaßen die drei luſtigen Rheinſchnaken auf der Fenſterbank neben einander, ſchwatzten, lachten, ziſchelten luſtig durcheinander mit den Vögeln um die Wette draußen vor dem offenen Fenſter, zupften die Goldfäden aus allerlei alten Stickereien, was danials für eine ſehr noble Damenbeſchäftigung galt, ſpeiſten ſüßen Mandelkuchen und tranken weißen Wein dazu, von welchem eine langhalſige weiße Glasflaſche vor ihnen ſtand, aus der ſie ihre goldgeränderten kleinen Gläslein fleißig füllten.
Aus ſüßem Mandelkuchen und weißem Wein beſtand unab⸗ änderlich das Gouter, welches Fräulein von Reneſſe ihren Großnich⸗ ten jeden Donnerſtag. vorzuſetzen pflegte. Die Mandelkuchen im Bürresheimer Hof waren von ganz beſonderer Güte und der weiße Wein dort hatte eine abſonderliche Blume, darauf verſtanden ſich als rechte Rheiniſche die drei Fräuleins ſehr wohl.
„Wer ſpricht da von ſchwarzen Bildchen?“ fragte die Groß⸗
Und
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