Jahrgang 
48 (1868)
Seite
761
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deln. Kurz darauf ſehen wir das würdige Paar ſich in ein Schenkhaus verlieren; ſind die Nachrichten aus den Minen, dem Gegenſtande, worauf ſich in dieſen Bezirken des fernen Weſtens vor allem Andern das Intereſſe concentrirt, beſonders pikanter Natur, ſo beehrt der ungeſchlachte Goldgräber, mit dem Redacteur Arm in Arm wandelnd, wohl auch das Office ſelbſt mit ſeinem Be⸗ ſuche. Hier werden ſeine Mittheilungen ſonder Verzug Schwarz auf Weiß feſtgenommen; mit aller ihm möglichen TCordialität bittet der jetzt höchſt emſige Herausgeber ſeinen Gaſt, ſich's bei ihm bequem zu machen, weniger aus Gaſtfreundſchaft, als um ihn demOppoſitionsblatte aus dem Wege zu ſchaffen, denn in dieſen öden, abgeſchiedenen Orten in den Bergen und Wüſten des fernen Weſtens iſt jeder Menſch, der Neues zu berichten weiß, eine Perſönlichkeit von allergrößter Bedeutung, ein gefundener Schatz und verdient demgemäß ungewöhnliche Rückſicht und Aufmerkſamkeit.

In der Regel hat der amerikaniſche Redacteur, ſpeciell der Redacteur des fernen Weſtens, ſeine Laufbahn als Setzerjunge eröffnet, hat alle Staffeln dieſer Carrière erklommen und iſt ſchließlich Beſitzer einer Druckerei und Herausgeber eines Blattes, ſehr oft Leitartikelſchreiber, Redacteur, Hauptmitarbeiter, Setzer und Drucker derſelben in einer und derſelben Perſon geworden. Manchmal iſt er früher auch wohl Omnibuskutſcher oder Gaſt⸗ hofsportier geweſen, bis ihn die ſpeculative Richtung ſeines Geiſtes auf die höhere Laufbahn geführt hat. Am häufigſten indeß pflegt er zugleich Sachwalter und Winkeladvocat zu ſein, der ſeine Mußeſtunden mit Politik und Literatur ausfüllt und ſich dergeſtalt allmählich bis zu einem Sitze in der Legislatur ſeines Staates oder Territoriums aufſchwingt. Wohl giebt es nur wenige Staats⸗ männer des fernen Weſtens, die nicht, ihren Weg als Setzer oder Buchdrucker beginnend, ſich zum Redacteur und Rechtskundigen emporgearbeitet und ſchließlich ihren Platz unter den Geſetzgebern des Landes gefunden hätten. Auch iſt es ein Wunder, wenn ein Redacteur einmal Zeit ſeines Lebens dem Redactionspulte treu bleibt; mit der Beweglichkeit, wie ſie dieſe Männer des Weſtens kennzeichnet, legt er vielmehr Stahlfeder und Rothſtift, Scheere und Kleiſterpinſel unbedenklich nieder und ergreift ohne Weiteres das erſte beſte Geſchäft, welches ihm größere materielle Vortheile verſpricht, als die Einnahme ſeiner Zeitung; geht unter die Gold⸗ gräber, errichtet einen Kleiderhandel, wird Locomotivenführer oder Dampfſchiffcapitän, je nachdem ſich die Chancen darbieten.

Ein Merkmal haben alle dieſe auf ſchlechtem Papiere gedruckten, im Ganzen ziemlich ärmlich ausſehenden Tages⸗ und Wochenblätter des fernen Weſtens mit einander gemein, Etwas, was vor allen ihren ſonſtigen Beſonderheiten dem Frem⸗ den zunächſt auffällt es iſt das perſönliche Moment, die perſönliche Polemik und perſönliche Ruhmredigkeit, die perſönliche Mittheilung und Benachrichtigung, welche den Grundton des Ganzen ausmachen. Unſere deutſchen Parteiblätter, zumal gewiſſe Organe jenſeit des Maines, commandiren nachgerade ein recht nettes Regiſter von freundſchaftlichen Ausdrücken und Apoſtrophen, wenn es ſich darum handelt, den Blättern einer Gegenfraction kleine Artigkeiten zu ſagen, allein was wollen ihre bitterſten Er⸗ güſſe, ihre ſchärfſten Stiche, ihre plumpſten Hiebe bedeuten gegen die desfälligen Leiſtungen ihrer transatlantiſchen, ſpeciell ihrer Collegen im fernen Weſten! Es iſt eitel Honigſeim, eitel Lieb⸗ koſung und Sammethandſchuhſtreicheln im Vergleich zu den ameri⸗ kaniſchen Attaken. Das Lexikon der amerikaniſchen Redacteure iſt unerſchöpflich für dergleichen Ausfälle und Scharmützel, der ge⸗ ſammte Wortſchatz der engliſchen Sprache nebſt dem anſehnlichen Zuwachs von Nankeeurſprung reicht oftmals nicht aus, der poli⸗ tiſchen Feindſchaft und Gehäſſigkeit Ausdruck zu verleihen, die ſchöpferiſche Einbildungskraft des Herausgebers erfindet vielmehr noch die ungeheuerlichſten Subſtantiva und Adjectiva, die unge⸗ heuerlichſten Wortbildungen, um dem Grimme Luft zu machen, der ſeine für das Wohl des Vaterlands glühende Bruſt er⸗ füllt. Merkwürdig aber, dieſe Ausfälle richten ſich immer weni⸗ ger wider das feindliche Lager oder das ihm dienende Blatt, ſondern ſpeciell und wiederum ganz perſönlich wider den gegneriſchen Redacteur ſelbſt,den gemeinen Hund Capitän E. Taylor, der das lumpige Zweibitblatt drüben über der Straße herausgiebt.

Ein Bit, etwa vier Neugroſchen, oder zwei Bit iſt weſtlich des Felſengebirges der gewöhnliche Preis für die einzelne Nummer einer Zei tung. Das Einbitſtück iſt zugleich die kleinſte der dort courſirenden Scheidemünzen.

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Um jedem etwa aufſteigenden Argwohn, daß wir übertreiben, von vornherein zu begegnen, bemerken wir ausdrücklich, daß die eben angezogene redactionelle Herzerleichterung keineswegs eine poetiſche Licenz, ſondern buchſtäblich einer Zeitung des Weſtens entlehnt iſt, ebenſo wie die geſammte Blüthenleſe gewählter Höflichkeiten und intereſſanter Anzeigen, mit denen wir im Nachſtehenden unſere Leſer zu unterhalten denken, Wort für Wort, ohne eine Silbe ſchmückender Zuthat, in verſchiedenen weſtamerikaniſchen Blättern zu leſen ſind, welche wir uns zum Zwecke dieſer Mittheilungen geſammelt haben.

Der Herausgeber eines in San Joſé in Californien erſchei⸗ nenden Organs liegt mit eiuem andern dortigen Redacteur im Streite; man höre nun, welches anmuthige Bild er von ſeinem Collegen entwirft.Der Kerl iſt ſeines Zeichens nichts als ein Bummler und gewöhnlich nur in Trink⸗ und Branntweinſtuben anzutreffen, nicht etwa blos in den Wahlperioden, ſondern Jahr aus Jahr ein. Er ſpielt mit der Politik, gerade wie er mit falſchen Karten ſpielt oder Jemandem die Kehle abſchneiden würde, um im Monte leinem bekannten mexicaniſchen Hazardſpiele) zu gewinnen. Sein Haar trägt er kurz abgeſchnitten wie die Rauf⸗ bolde und Boxer von Profeſſion, damit ihn in der Hitze des Ge⸗ fechts Niemand etwa am Schopfe packen und ſo ihm einen Vor⸗ theil abgewinnen könne. Sein Gehirn ſitzt ihm hinter den Ohren und ſein Geſicht iſt blos ein convexer Fleiſchklumpen, in welchem ſtets wenigſtens das eine Auge von der letzten Balgerei her noch das ſchwarze Trauerkleid trägt. Frömmigkeit und Gottesfurcht liegen völlig außer ſeinem Wege, dagegen iſt Fluchen und Läſtern ſeine Force. Mit verbundeuen Augen kann er einen Whisky⸗ punſch von einem Genevergrog unterſcheiden und verbraucht alle Tage ein Pfund Kautabak. Sein Geld vergeudet er mit zwei⸗ deutigen Weibern und macht es ſich zur beſondern Ehre, niemals ſeine Schulden zu bezahlen. Oeſſentliche Aemter nimmt er nur an, um Staat und Publicum zu beſtehlen, und iſt ehrlich blos ſo lange, wie es beſſer lohnt, als die Schurkerei.

Welche Rolle das perſönliche Element in der amerikaniſchen Tagespreſſe ſpielt, erhellt vielleicht noch deutlicher aus einer Zei⸗ tung Nevada's, die gleichfalls ein Stück unſerer intereſſanten Sammlung bildet. Es iſt dieVirginia Enterpriſe, und darin ſteht unter andern elaſſiſchen Stellen auch die folgende:Wir nehmen ſoeben wahr, daß Herr Brier(der Redacteur der am ſelben Ort publicirtenNews Nachrichten) einen neuen Rock anhat. Entſinnen wir uns recht, ſo iſt vor Kurzem ein Kleider⸗ und Schnittwaarenmagazin ausgebrannt, bei welchem Anlaß ein paar Röcke vermißt worden ſind, die, wie man beſtimmt weiß, vor den Flammen geborgen wurden. Selbſtverſtändlich enthalten wir uns aller Betrachtungen hierüber, auch fällt es uns nicht im Allerent⸗ fernteſten ein, zu behaupten, daß Herr Brier ſich etwa eines dieſer Kleidungsſtücke angeeignet habe. Behüte Gott! Wir conſtatiren nur die eine und die andere Thatſache.

Der Herausgeber eines andern Blattes ruft mit Entrüſtung aus:Wahrhaftig, eine gekochte Mohrrübe wird eher die Alpen durchbohren, als ein einziger Funke geſunden Men⸗ ſchenverſtandes durch den dicken Hirnkaſten eines gewiſſen Redac⸗ teurs zu dringen vermag. In San Leandro ebenfalls jen⸗ ſeit des Felſengebirges bittet der Herausgeber derOakland News den Redacteur einer andern Zeitung höflichſt um Ent⸗ ſchuldigung wegen eines Druckfehlers, welcher in der letzten Num⸗ mer ſeines Blattes ſtehen geblieben ſei; er habe ſeinen Collegen nicht Affen, ſondern Eſel nennen wollen.(Die eigentliche Pointe dieſer eleganten Redewendung iſt unüberſetzbar:monkey heißt nämlich Affe unddonkey Eſel.) Manchmal nehmen dergleichen Federplänkeleien einen etwas minder harmloſen Charakter an. So ſchreibt der vielgenannte Herausgeber eines weit verbreiteten weſtamerikaniſchen Blattes vom Hauptcorreſpondenten einer geg⸗ neriſchen Zeitung:Mr. Prentice iſt ein Erzlügner, und wir werden ihm dies in's Geſicht ſagen, wann und wo wir ihm immer begegnen. Hierauf erwidert der alſo Angegriffene in der nächſten Nummer ſeines Organs:So meinen Sie, Mr. Smith? Zur ſelben Zeit, wo Sie Ihren Vorſatz ausführen, wird ein Leichen⸗ begängniß nothwendig werden und die Familie Smith. als Hauptleidtragende dabei fungiren. Das lläßt wenigſtens von Deutlichkeit nichts zu wünſchen übrig. Vor einigen Jahren brachten wir einen Abend in den Dalles Die Dalles ſind eine raſch emporblühende kleine Stadt unweit

zu.

XVI., Nr. 48.