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Neuland : Roman / von Iwan Turgéniew
Entstehung
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bis dahin gar nicht bemerkt hatte — ſie ſaß ihm ſchräg gegenüber — einen Blick mit ihr und fühlte ſogleich, daß ſie Beide, dieſes finſtere Mädchen und er, dieſelben Ueber⸗ zeugungen hegten und eines Schlages ſeien. Sie hatte gar keinen Eindruck auf ihn gemacht, als Sipjägin ihn ihr vorgeſtellt hatte; warum hatte er jetzt gerade mit ihr einen Blick gewechſelt?

Er ſtellte ſich gleich die Frage, ob es nicht ſchimpflich und ſchändlich ſei, da zu ſitzen, ſolche Meinungen aus⸗ ſprechen zu hören, nicht gegen dieſelben zu proteſtiren und durch Schweigen Grund zu der Vorausſetzung zu geben, daß er dieſe Anſichten theile? Neſhdanow warf einen zweiten Blick auf Marianne und es ſchien ihm, daß in ihren Augen die Antwort auf ſeine Frage ſtehe: „Warte noch; es iſt noch nicht Zeit . . es lohnt nicht . . ſpäter; wirſt dazu ſchon Zeit finden . . .“

Der Gedanke, daß ſie ihn verſtehe, war ihm ange⸗ nehm. Er wandte ſeine Aufmerkſamkeit wieder dem Ge⸗ ſpräche zu . . . Valentine Michailowna war jetzt an die Stelle ihres Mannes getreten und ſprach ſich noch freier, noch radicaler aus als dieſer. Sie konnte nicht begreifen, ventſchieden nicht be — grei — fen“, wie ein junger, ge⸗ bildeter Mann an dieſer Routine feſthalten konnte!

„Ich bin übrigens überzeugt,“ fügte ſie hinzu, „daß Sie das nur aus Schönrednerei ſagen! — Was aber Sie anbetrifft, Alexei Dmitriewitſch,“ wandte ſie ſich mit einem freundlichen Lächeln an Neſhdanow (dieſer wunderte ſich innerlich, daß ſein Tauf⸗ und Vatername ihr bekannt waren), „ſo weiß ich, daß Sie dieſe Befürchtungen nicht mit Sſemin Petrowitſch theilen: Boris hat mir ſeine Ge⸗ ſpräche mit Ihnen während der Reiſe mitgetheilt.

Neſhdandw erröthete, beugte ſich über ſeinen Teller und murmelte einige unverſtändliche Worte. Nicht, daß er befangen geweſen wäre, allein er war es nicht gewöhnt ſich mit ſo glänzenden Perſönlichkeiten zu unterhalten. Die Sipjägin fuhr fort, ihm zuzulächeln; ihr Gemahl unterſtützte ſie darin . aber Kallomeyzew klemmte lang⸗ ſam ſein Monocle zwiſchen Augen und Naſe ein und heftete ſeinen Blick auf den Studioſus, der ſich erdreiſtete, ſeine „Befürchtungen“ nicht zu theilen. Nun — hiemit war Neſhdanow nicht leicht zu verwirren, er richtete ſich vielmehr ſogleich auf und heftete ſeinerſeits einen ſcharfen Blick auf den Beamten aus der großen Welt; und eben ſo plötzlich, wie er in Mariannen einen Kameraden gefühlt, erkannte er in Kallomeyzew einen Feind! Kallomeyzew