Druckschrift 
Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

326

. Dies ſind nur wenige Thatſachen unter der großen Menge, die man als Be⸗ lege für die Selbſtverleugnung, Energie, Geduld und Rechtſchaffenheit anführen könnte, welche dieſe Sklaven in einem freien Lande an den Tag legten.

Dabei bedenke man, daß dieſe Leute verhältnißmäßig großen Reichthum und eine geſellſchaftliche Stellung errangen, während ſie mit allen Nachtheilen und Entmuthigungen zu kämpfen hatten. Nach den Geſetzen von Ohio kann der Farbige nicht Wähler ſein, und bis vor wenigen Jahren wurde ihm ſogar das Recht verweigert, in Rechtsſtreitigkeiten als gültiger Zeuge gegen einen Weißen aufzutreten. In allen Staaten der Union ſehen wir Menſchen, welche erſt geſtern die Feſſeln der Sklaverei abſchüttelten und ſich durch eigene Kraft, die nicht genug bewundert werden kann, zu hochachtbaren Stellungen in der Ge⸗ ſellſchaft emporgeſchwungen haben. Pennington unter den Geiſtlichen, Douglas und Ward unter den Redacteuren, ſind bekannte Beiſpiele.

Wenn dieſer verfolgte Stamm bei allen möglichen Entmuthigungen und Nachtheilen ſo viel vermochte, wie viel würde er erſt vermögen, wenn die chriſt⸗ liche Kirche gegen denſelben in dem Geiſte ihres Stifters handelte?

Wir leben in einer Zeit, wo die Nationen erſchüttert und von Krämpfen durchzuckt werden. Ein gewaltiger Einfluß rüttelt die Welt wie in einem Erd⸗ beben. Und iſt Amerika frei davon? Jede Nation, die in ihrem Schooße noch fortbeſtehende große Ungerechtigkeiten trägt, hat auch die Elemente dieſer Er⸗ ſchütterungen in ſich.

Zu was erweckt dieſer gewaltige Einfluß ſo in allen Nationen und Sprachen dieſe Seufzer nach Freiheit und Gleichheit der Menſchen, die nicht in Worten ſich äußern dürfen?

S, Kirche Chriſti, lies die Zeichen der Zeit! Iſt dieſe Gewalt nicht Sein Geiſt, deſſen Reich noch kommen ſoll und deſſen Wille auf Erden geſchehen muß, wie im Himmel?

Doch wer mag den Tag ſeines Erſcheinens erwarten?Denn der Tag wird brennen wie ein Ofen; und er wird mit raſender Schnelligkeit einherfahren gegen die, ſo den Diener in ſeinem Solde bedrücken, die Wittwen und die Waiſen, und die den Fremden in ſeinen Rechten bei Seite ſetzenz und er wird den Bedrücker in Stücken zerhauen.

Sind das nicht furchtbare Worte für eine Nation, die in ihrem Schooße eine ſo große Ungerechtigkeit birgt? Chriſten, könnt Ihr, ſo oft Ihr betet, daß das Reich Chriſti kommen möge, vergeſſen, daß die Prophezeihung im traurigen Verein damit den Tag der Racheverheißt?

Ein Tag der Gnade iſt uns noch geboten. Beide, Nord und Süd, ſind vor Gott ſtrafbar geweſen; und die chriſtliche Kirche hat eine ſchwere Rechen⸗ ſchaft abzulegen. Nicht durch den Verein, Ungerechtigkeit und Grauſamkeit zu beſchützen und ein gemeinſames Stammgeld der Sünde zu bilden, kann die Union gerettet werden, ſondern nur durch Reue, Gerechtigkeit und Gnadez denn nicht gewiſſer iſt das ewige Geſetz, nach welchem der Mühlſtein im Meere verſinkt als das ſtärkere Geſetz, nach welchem Ungerechtigkeit und Grauſamkeit den Zorn des allmächtigen Gottes über die Nationen bringen!

Druck und Stereotypie von Philipp Reclam jun. in Leipzig.