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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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Das Maiblümchen. 5

habe, antwortete Silence; Dich würde man um die Augen aus dem Kopfe betrügen, wenn Du mich nicht hätteſt.

Spätere Ereigniſſe aber brachten die Angelegenheiten dieſer beiden Mädchen in engere Verbindung mit denen des Diaconus Enos, wie wir ſogleich zeigen werden.

Es traf ſich, daß der nächſte Nachbar des Diaconus Enos ein ge⸗ wiſſer alter Farmer war, den man wegen ſeines ſauertöpfiſchen Weſens den Beinamen Onkel Jaw, oder Maulhänger, gegeben hatte. Dieſes ſchmeichel⸗ hafte Prädikat war auch den Hauptcharakterzügen und dem Benehmen des Mannes ſehr angemeſſen. Er war lang und ſeine Züge waren ſchroff; ſein Geſichtsausdruck hatte Aehnlichkeit mit einem Nordoſt kurz, es war eine düſtere, feſtſtehende Aergerlichkeit, die jede Ausſicht auf gutes Wetter vertrieb und ſich ſelbſt in ihrer Wiverwärtigkeit behaglich zu fühlen ſchien. Seine Stimme ſchien bei ſeinem Geſicht in die Schule gegangen zu ſein, in ſo bewundernswürdigem Einklange ſtand ihr krächzendes, ruhi⸗ ges Grunſen mit der vorhin beſchriebenen liebenswürdigen Phyſiognomie. Er war von der Natur mit jenem rührigen, ſcharfen, haarſpalteriſchen Verſtand begabt, welcher über jeden Punkt des Compaſſes vierzig Streit⸗ fragen aufwerfen kann und hätte er die nöthige Schulbildung genoſſen, ſo wäre er vielleicht ein ſo geſchickter Metaphyſiker geworden, wie nur je einer der Nachwelt Sand in die Augen geſtreut hat. Obſchon ihm aber dieſe Vortheile nicht zur Seite ſtanden, ſo beſtrebte er ſich dennoch in ganz eben ſo nützlicher Abſicht, Jeden, der ihm in den Weg kam, zu verblüffen und zu mnſtificiren.

Ganz beſonders aber erging ſich ſeine geiſtige Rührigkeit auf dem Gebiete der Juriſtik, denn es war ihm Beduͤrfniß und tägliche Beſchäf⸗ tigung, entweder etwas ausfindig zu machen, worüber ſich ein Prozeß an⸗ ſpinnen ließ, oder einen Prozeß über etwas anzuſpinnen, was er ausfindig gemacht hatte. Entweder handelte es ſich um einen alten Zaun, der ſonſt ein wenig mehr links zu ſtehen pflegte oder der ein wenig zu weit rechts ſtand, wodurch ein Streifen von ſeinem Wieſenland abgeſchnitten ward,

oder Peter Jemands Truthühner hatten ihm Futter aus der Scheune ge⸗ ſtohlen, oder die Gänſe des Squire Moſes waren dem Pfandſtalle ver⸗ fallen, oder es geſchah irgend etwas von gleicher Wichtigkeit, was ihm von Anfang bis zum Ende des Jahres zu thun gab.

Hätte Pnier Jaw dies alles zu ſeinem perſönlichen Amüſement gethan, ſo hätte ſich weiter nichts dagegen ſagen laſſen; Onkel Jaw aber begnügte ſich nicht damit, ſeine eigenen Schlachten auszukämpfen, ſondern ging auch von Haus zu Haus und erzählte und breit die ganze Sache mit allen ſagte er's und ſagte ichs, die eine ſolche Erzählung entweder begleiten oder daraus hervorgehen. Ueberdies beſaß er ein ſo merkwürdiges Talent, Stoff zu Zwiſtigkeiten ausfindig zu machen und auch Andern ju zeigen, wo ſie ebenfalls Urſache zum Streit finden könnten, daß es ihm in der Regel gelang, die ganze Umgegend fortwährend in Zwiſt und Uneinigkeit zu verwickeln.

Und während der gute Diaconus Enos ſich bemuͤhte, der Friedens⸗ ſtifter für das Dorf zu ſein, ſorgte Onkel Jaw dafür, daß dieſes Amt zu keiner Sinecure ward. Der Diaconus folgte Onkel Jaw immer auf dem Fuße nach und begütigte, beſchwichtigte und ſchlichtete mit einem Eifer, der in der That bewundernswürdig war.

Onkel Jaw ſelbſt hegte großen Reſpekt vor dem guten Mann und