Teil eines Werkes 
3. Theil (1856)
Entstehung
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ten die Wipfel der Tannen, und oben riſſen die Wol⸗ kenſchleier, und freundliche Sterne ſchauten herab. Ein ſeltſames Wehen und Weben regte ſich um die brün⸗ ſtig Betenden, es flüſterte, wie aus unendlicher Ferne, und doch nah zogen himmliſche, leiſe Klänge. Und Eliſabeth war's, als ſtehle ſich in ihr lauſchendes Ohr, ohne daß ſie Worte vernahm:

Sie wandelt mit Morgen- und Abendglut,

Sie hält euch immer in treuer Hut.

Sie ſchaut auf euch mit den Sternen der Nacht,

Bis ihr es ſelber auf Erden vollbracht.

Die melancholiſch ſüßen Töne verſtummten und hinter dem Monument ſchwebte ein duftiger Schatten hervor und zerfloß in den Bäumen.

Sally's Geiſt! rief Eliſabeth erſchüttert.Ich habe ihre Stimme erkannt.

Dank, freundlicher Genius! ſagte Lewis begei⸗ ſtert.Ich verſtehe deine tönende Klage. Sallh iſt unſer Banſhee*) geworden und wird ferner mit ihren melancholiſchen Klagetönen uns liebevoll bewachen. Ihre Klänge haben mir den Abſchied erleichtert; laß uns gehen!

Stumm wandelten ſie wieder über das Moor. Die Bewohner und Gäſte der Heideſchenke empfingen *) Banſhee iſt ein geiſtiges Weſen, ein Familiengeiſt, der dem Hauſe einen Todes⸗ oder Unglücksfall durch hinrei⸗ ßende melaucholiſche Klagetöne anzeigt. Meiſt iſt es ein ehemaliger Sproß der Familie, eine Geliebte, früh verſtor⸗ bene Braut oder Freundin, auch eine treue Dienerin des Hauſes, über das ſie mit zärtlicher Liebe wacht. Es iſt, der Volksſchilderung nach, ein ſchönes, bleiches Weſen mit weh⸗ müthigen Mienen, und ſein Geſang wahrhaft herzzerreißend. Beim geringſten Geränſch verſtummt es und verſchwindet. Gewiß eine der ſch'uſten Dichtungen des iriſchen Volks⸗ glaubens. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 19