222 Durch Nacht zum Licht.
war, wie ſich das von einer ſo ercentriſchen Natur erwarten ließ, noch viel auffallender. Bald warf ſie ſich mit untereinandergeſchlagenen Armen in den Stuhl zurück und ließ die Blicke an der Decke haften, bald lehnte ſie ſich vorüber und ſtützte das kornblumengeſchmückte blonde Haupt in die Hände. Bald lächelte ſie das Lächeln unſäg⸗ lichſter Verachtung; bald gähnte ſie, wie von der entſetzlichſten langen Weile gequält. Oswald war äußerſt begierig, zu ſehen, was ſie thun würde, wenn an ſie die Reihe käme; denn ſie hatte ihm ſchon gleich zu Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüſtert:„Ich leſe nicht; verlaſſen Sie ſich darauf: ich leſe nicht.“
Indeſſen ſollte ſeine Neugier nicht ſo leicht befriedigt werden, denn nachdem ſich Herr Wimmer am Schluß des dritten Actes mit Aufbieten all ſeiner Stimmmittel„zum Sterben bereit“ erklärt hatte, begann die Director Clemens wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der großen Pauſe,(welche nach§ 25. der Statuten) bei fünfactigen Stücken jedesmal nach dem dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat, und in welcher(nach § 26.) Wein und Backwerk zur Erfriſchung gereicht werden mußte.
Um den Beſtimmungen dieſes Paragraphen nachzukommen, ver⸗ ließ man den Tiſch und begab ſich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer Geſellſchafi, die eben von einem hohen Kunſtgenuß kommt. Man ſaß und ſtand mit den Gläſern in der Hand im Zimmer umher und ſprach von dem Stücke und von der Declamation. Man war darüber einig, daß College Wimmer dies⸗ mal, wie ſtets, den Preis davongetragen habe, und daß Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut genug ſpreche, obgleich ihre Fort⸗ ſchritte im Allgemeinen zu loben ſeien. Die Herren ſtellten ſich unter⸗ einander, wie ihren Schulbuben, Cenſuren aus und gaben ſich natür⸗ lich gegenſeitig die Nummer Eins. Die Damen ſprachen von dem herrlichen Dichter, von dem keuſchen Adel ſeiner Verſe. Fräulei Ida Snellius behauptete, daß Schiller ſie vielfach an Euripid 5 erinnere, worauf in dieſem gelehrten Kreiſe ein Geſpräch entbrannte, in welchem die Worte: Sophokles, Gvethe, Schiller, Ariſtophanes, Aeſchylus, Euripides, die Trachinerinnen, Don Carlos, Oedipus auf Kolonos, Wallenſtein wie Schneeflocken durcheinanderwirbelten.


