Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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Durch Nacht zum Licht.

klarer und deutlicher und zuletzt mit ſiegreicher Gewißheit in meiner Seele aufging, die Ueberzeugung nämlich, daß dieſe Welt ein Kosmos iſt, in welchem Jeder von uns, er ſei auch wer er ſei, mit Noth⸗ wendigkeit ſeine beſcheidene Stelle auszufüllen hat. Dieſer Gedanke hat mein Herz mit der freudigen Ruhe erfüllt, ohne welche zuletzt das Leben unerträglich werden muß. Ich ſagte mir: dieſe Welt, von der Du im Grunde ſo wenig weißt, iſt ein ſo alter, ſolider, wohlbegründeter Bau, daß Du an dem Plan nicht verzweifeln darfſt, auch wenn Du ihn nicht ganz begreifen ſollteſt. Dieſes Menſchen⸗ geſchlecht, deſſen Geſchichte vielleicht auf eben ſo viel Millionen Jahre berechnet iſt, als wir jetzt davon Jahrtauſende kennen, iſt ein ſo un⸗ ergründlich wunderbares Phänomen der ſchaffenden Kraft, daß Du in Deinem Leben, und wenn es noch ſo lange währte, nur zu lernen und immer wieder zu lernen haſt. Die Kunſt, ſagt Gvethe, hat nie ein einzelner Menſch beſeſſen; aber, ſetze ich hinzu, die Philoſophie eben ſo wenig.

Von dieſer Ueberzeugung ausgehend, faßte ich den Entſchluß, in dem Leben Sinn und Verſtand finden zu wollen, und ich kann nicht anders ſagen, als daß ich meine Bemühungen von einigem Erfolg gekrönt geſehen habe. Schon auf der Schule mißtrauiſch gegen die Reſultate des rein ſpeculativen Denkens, widmete ich mich einer Wiſſenſchaft, in welcher uns die pſychiſchen Vorgänge gleichſam ad oculos demonſtrirt werden der Medicin, zumal ihre praktiſche Ausübung noch den Vortheil hat, uns in fortwährende, intimſte Be⸗ rührung mit den übrigen Menſchen zu bringen, von denen wir uns ſage man, was man will, von der Poeſie der Einſamkeit ſtets nur zu unſerm eigenen Nachtheil entfernt halten. Wer die Solidarität aller menſchlichen Intereſſen das oberſte Princip aller politiſchen und moraliſchen Weisheit begriffen hat, weiß auch, daß ſeine individuelle Exiſtenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome iſt und daß dieſe Tropfen⸗Exiſtenz weder das Recht noch die Möglichkeit der abſoluten Selbſtändigkeit hat. Wenn die Men⸗ ſchen wie reife Früchte vom Baum fielen, möchte es ſchon eher gehen. So aber, wo wir von einer Mutter mit Schmerzen geboren werden, um Jahre lang die hülfloſeſten aller Geſchöpfe und der