Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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146 Röschen vom Hofe.

heute früh aus der Stadt gekommen, aber in dem Drange der Ereig⸗ niſſe von ihr nicht eröffnet und erſt jetzt geleſen worden war, hatte der Advocat mit wenigen Zeilen das Nöthigſte gemeldet und beſonders betont, daß gegen Herrn von Weißenbach in keiner Weiſe vorgeſchritten werden würde. Er(der Advocat) freue ſich übrigens, dem Herrn von Weißenbach mittheilen zu können, daß dieſe unverhofft günſtige Wen⸗ dung ſowohl der politiſchen Lage im Allgemeinen, als auch des Pro⸗ ceſſes im Beſonderen von Jedermann dem Einfluſſe des Herrn Grafen von Lengsfeld zugeſchrieben würde, der, wie er(der Advocat) höre, mit Herrn von Weißenbach auf das innigſte befreundet ſei.

Der Graf hatte alſo geſtern Abend ſchon Alles gewußt; weßhalb hatte er geſchwiegen? Hatte er ihrem Danke ausweichen? ſeine Sache allein führen wollen? zu ſtolz, irgend eine Empfindung, die ihm nicht perſönlich galt, zu Hülfe zu rufen?

Roſe erſchrak bei dieſem neuen Einblick in die egoiſtiſche Starrheit des Männerſtolzes; wie war bei ſolcher Unbeugſamkeit eine Vereinigung, eine Verſöhnung möglich?

Vorläufig freilich handelte es ſich um Leben oder Tod der Ge⸗ liebten. Der Graf raſte im Wundfieber und der Vater lag mit halb geſchloſſenen Augen, ohne einen Laut von ſich zu geben, ja ohne ſich zu regen in ſeinem Bette, wie es ſchien, gänzlich theilnahmlos an Allem, was um ihn herum vorging.

Dennoch war ſein Gehirn nur allzu geſchäftig. Als er aus der tiefen Nacht der Ohnmacht erwachte, hatte er zuerſt, wie aus dem leeren Aether heraus, eine Stimme gehört, die immerfort ſagte:Thu' es nicht, thu' es nicht, um meinetwillen, um deinetwillen nicht. Er ſann und ſann, was er nicht thun ſolle. Er konnte nicht darauf kom⸗ men, obgleich er ſich bewußt war, daß das, was er nicht thun ſollte, etwas ſehr Schweres und Verantwortliches ſei. Dann fragte er ſich: wer denn das nur immer ſage? Einmal war es Roſe's Stimme und ein ander Mal war es die Uhr, die der Graf Roſen geſchenkt hatte, und die, ſeinem Bette gegenüber, auf der Commode ſtand. Es war nicht möglich, auszumachen, ob es Roſe oder die Uhr ſei, was da ohne Unterbrechung auch nur einer Secunde ſagte:Thw' es nicht, thu' es nicht! um meinetwillen, um deinetwillen nicht.