Röschen vom Hofe. 113
ich bin der unmaßgeblichen Meinung, daß Ihr Herr Vater ſelbſt innerlich einen wohl ſehr erklärlichen Abſcheu vor einer längeren Haft hat und daß er gar nicht daran denken würde, ein ſo ſchweres Kreuz unnöthigerweiſe auf ſeine Schultern zu nehmen, wenn ſeine Verhältniſſe ihm, ſo zu ſagen, einen andern Ausweg aus dieſer ver⸗ zweifelten Lage ließen. Habe ich Recht, mein Fräulein?“
Roſe's Augen hafteten noch immer mit demſelben Ausdruck an dem Paſtor. Wo wollte er hin?— Der Paſtor wurde roth und räusperte ſich; er hatte ſich die Sache doch leichter gedacht.
„Ich will mich kurz faſſen, mein Fräulein,“ ſagte er und ſeine Stimme klang ſo blechern wie noch nie.„Was ich Ihnen mitzu⸗ theilen habe, iſt ein Plan, den mir die innige Hochachtung, die ich vor Ihrem Herrn Vater empfinde, eingegeben hat und deſſen Un⸗ eigennützigkeit Sie ſelbſt dann, wenn er nicht das Glück haben ſollte, ſich Ihre Billigung zu erwerben, nicht in Zweifel ziehen werden. Ich meine nämlich, um es gerade heraus zu ſagen, daß Ihr Herr Vater ſich ſehr gern zur Zahlung der Caution herbeilaſſen würde, wenn er das Geld hätte, oder ſich von einem Freunde— verſtehen Sie wohl, mein Fräulein!— von einem Freunde, vor dem er ſich nicht zu geniren brauchte, verſchaffen könnte. Ich habe es aus Ihres Herrn Vaters eigenem Munde, daß die Höhe der Caution, die er eventualiter zu ſtellen haben würde, von den Advocaten auf zwanzig⸗ tauſend Thaler geſchätzt wird. Nun—“
Der Ausdruck von Roſe's Augen wurde ſo ſonderbar, daß der Paſtor nicht länger den Muth hatte, ihr in's Geſicht zu ſehen, und das Folgende einigermaßen ſtotternd vorbrachte:
„Nun bin ich in der glücklichen Lage, von der Mutter Seite her, ein kleines unabhängiges Vermögen von circa zwölftauſend Thalern zu beſitzen, zu venen ich bei den Verbindungen, deren ich mich, trotz⸗ dem ich nur eines Bauers Sohn bin, erfreue, leicht noch einmal ſo viel geliehen erhalten könnte. Dieſe Summe würde ich mit dem größten Vergnügen Ihrem Herrn Vater zur Verfügung ſtellen, ja ich würde ſtolz ſein, wenn er mir die Gnade erzeigen wollte, ſich dieſen kleinen Dienſt von mir gefallen zu laſſen.“
Fr. Spielhagen's Werke. vI. 8


