Teil eines Werkes 
6. Band (1867) Röschen vom Hofe / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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38 Röschen vom Hofe.

keine Freiheit zu ruhiger Beobachtung. Die wenigen Minuten, die er hier zu ſtehen gezwungen war, wurden ihm zu Stunden. Jeden Augen⸗ blick erwartete er, daß ſich die Thür öffnen und das ſchöne Mädchen hereintreten würde, während er ſich doch ſagte, daß dies wenig wahr⸗ ſcheinlich ſei. Endlich hörte er in dem Gemach nebenan eine Thür gehen und dann Schritte— aber nicht die Schritte, auf die ſein Ohr lauſchte— feſte, haſtige Männerſchritte; und die hohe ſchlanke Geſtalt eines alten Mannes trat raſch herein.

„Ich freue mich, den Sohn des Freundes meiner Jugend in meinem Hauſe begrüßen zu können,“ ſagte Herr von Weißenbach, die Hand des Grafen kräftig drückend und mit geſpannter Aufmerkſamkeit unter den buſchigen grauen Brauen hervor in ſein Geſicht ſchauend; „der Wenzel hat Recht,“ fuhr er fort,„das leibhaftige Abbild des Vaters. So ſah er aus, Ihr Vater, als ich ihn zum Traualtar be⸗ gleitete, und als ich Sie ein Jahr ſpäter über die Taufe hielt. Sie ſind groß geworden indeſſen; ich kann Sie jetzt wohl nur noch ſo in meinen Armen halten.“

Bei dieſen Worten zog Herr von Weißenbach den Grafen an ſeine Bruſt. Der Graf erwiderte die Umarmung mit einiger Verlegenheit. Er war auf dieſen herzlichen Empfang keineswegs vorbereitet geweſen; er fühlte ſich beſchämt, wie über eine Auszeichnung, von der er ſich

ſagen mußte, daß er ſie nicht verdient habe. Er war in dies Haus

gekommen— ein Fremder, halb mit Widerſtreben, getrieben von einem Intereſſe, das im beſten Falle ſehr egviſtiſch war, und er wurde auf⸗ genommen, wie ein Sohn, der aus der Fremde zum heimiſchen Heerde zurückkehrt. Er murmelte eine verwirrte Entſchuldigung, daß er erſt heute komme, daß er nicht ſchon vor acht Tagen ge⸗ kommen ſei.

Herr von Weißenbach ließ ihn nicht ausreden.„Ich will es Ihnen nur geſtehen, lieber Graf,“ ſagte er, ich war böſe auf Sie, recht böſe; dann habe ich aber auch wieder bedacht, wie Sie ja eigent⸗ lich aus einer Zeit ſind, die von der, in welcher meine Erinnerungen leben, durch den frühen Tod Ihres Vaters und Ihrer Frau Mutter, wie durch einen tiefen Riß getrennt iſt. Andere Zeiten, an⸗ dere Menſchen, andere Menſchen, andere Sitten— das wiſſen wir;