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Röschen vom Hofe.
lebten, und könnten jetzt, wo die Jagd wieder auf iſt, jede Woche zwei Mal einen Braten auf dem Tiſche haben, aber der gnädige Herr will ja nicht; wenn das gnädige Fräulein dem gnädigen Herrn einmal—“
Aber das gnädige Fräulein wollte von dieſer Ausnutzung ihres geliebten Parkes eben ſo wenig wiſſen, wie der Vater, wenn auch vielleicht aus einem anderen Grunde. Es würde nicht ſowohl ihren Stolz, als ihren poetiſchen Sinn verletzt haben, wenn man die alten Eichen und Buchen, über deren Wipfel ſie ſo oft voller Entzücken die weißen Sommerwolken hatte hinſegeln ſehen, umgehauen und zur Erde gebracht hätte. Daß hier Alles ſo blieb, wie es nun einmal war, und keine andere Hand, als die linde allmächtige Hand der Natur ihr Waldheiligthum berührte— dieſe Gewißheit gehörte zu den Requiſiten der poetiſchen Welt, in welcher ſich die junge Dame um ſo lieber und um ſo freier bewegte, je weniger ſie— wenigſtens in den letzten Jahren— von der wirklichen Welt zu ſehen und zu hören bekam.
Nicht als ob ſie ein großes Verlangen nach der wirklichen Welt gehabt hätte, in welcher ihr geliebter alter Vater zum Einſiedler und faſt zum Menſchenfeind geworden war! Sie haßte auch freilich dieſe Welt nicht, denn dazu war ſie zu jung und ihr Geiſt zu ſtark, aber ſie konnte doch mit ziemlicher Ruhe an all' den Glanz und die Herr⸗ lichkeit denken, die ſie vor zwei Jahren verlaſſen hatte, um ihrem Vater in die Einſamkeit zu folgen; ja, ſie mußte manchmal lächeln, wenn ſie ſich im Geiſte wieder als Hofdame der regierenden Frau Herzogin ſah, von der hohen Dame mit faſt ſchweſterlicher Liebe umfangen, von dem regierenden Herrn mit chevaleresker Aufmerkſam⸗ keit ausgezeichnet, auf den Hoffeſten gefeiert von Jung und Alt, um⸗ worben, umſchmeichelt, umlispelt von den Vielen, die ſich der Gunſt der anerkannten Günſtlingin der hohen Herrſchaften verſichern wollten — wenn ſie ſich ſo ſah, wie ſie ſich ſelbſt im Traume oft erſchien, und dann mit dieſer glänzenden Traumerſcheinung das Mädchen ver⸗ glich, das im einfachſten, ſchmuckloſeſten Kleide von leichtem Sommer⸗ zeug, das lockige Haar über der Stirn geſcheitelt, daß der Morgen⸗ wind damit ſpielen konnte, wie er wollte und mochte, das Körbchen


