Clara Vere. 35
Er hatte ihr verſprochen, noch an dieſem Nachmittage herüber zu galoppiren und die Bibliothek vollends in Ordnung zu bringen; jedenfalls aber morgen mit den deutſchen Lectionen den Anfang zu machen.—
Georg traf Lord Vere in ſeinem Arbeitszimmer über einem fru⸗ galen Frühſtück, an dem er Theil nehmen mußte, ſo ſehr es ihn auch jetzt nach der Unterredung mit Lady Vere aus dem Schloſſe drängte. Der Lord ſprach abwechſelnd mit Georg über Verwaltungsangelegen⸗ heiten, die ihn wenig, und mit einer großen Thibetkatze, deren Spiele ihn ſehr zu intereſſiren ſchienen. Georg fand in ihm einen jener kleinlich denkenden Menſchen, die für große Unternehmungen und kühnes Zugreifen kein Herz haben, weil es ihnen an Verſtand fehlt, die Sache zu überſchauen; die durch das Leben gehen mit der Sicher⸗ heit Eines, der ſich eine unbekannte Treppe im Dunkeln hinunterfühlt, und mit ihrem Lob eben ſo zurückhaltend ſind, wie mit ihrem Tadel, weil ſie nie wiſſen, ob das, was ſie ſagen möchten, etwas Dummes oder etwas Geſcheidtes ſein würde. Es beruhigte Georg wenig, daß Lord Vere ſcheinbar ihm durchaus freie Hand in allen Angelegenheiten ließ. Er wußte, daß dergleichen Menſchen für den Augenblick Alles zugeben und Alles verſprechen, um hernach wieder Alles zurückzunehmen und Nichts zu halten. Sie ſind immer vollkommen der Anſicht ihres Gegners, nicht, weil ſie deſſen Gründe überzeugt haben, ſondern weil ſie nicht gern eingeſtehen möchten, daß ihnen die ganze Angelegenheit vollkommen unklar geblieben iſt. Hinterher thun ſie doch, was ſie wollen. Ob die Menſchen gar nicht anfangen zu denken, oder die Sache nach allen Seiten durchdacht haben, kommt in dieſer Beziehung auf eins hinaus, und ein Chor von Engeln kann nicht beſtimmter und feſter in ſeinem Willen ſein, als eine Schaar dummer Bauern.— Nach manchem vergeblichen Anſetzen hatte Lord Vere endlich den Muth, Georg zu bitten, ihn außerdem bei einigen anderen Angelegen⸗ heiten zu unterſtützen; beſonders gleich bei einem Handel, den er mit einem ſeiner Pächter hatte, und den er ſeinem Rathgeber ſo verwirrt vortrug, daß dieſer ſich lächelnd die Papiere ausbat, um ſelbſt nach⸗ ſehen zu können, und ſich einigermaßen wunderte, wie Lord Vere nie mit ſeiner Tochter„über dergleichen Angelegenheiten“ ſprechen könnte,
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