Teil eines Werkes 
5. Band (1867) Clara Vere : Roman / von Fr. Spielhagen
Entstehung
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16 Clara Vere.

Reiſen, denn das thun die Schwalben, wenn ſie zwitſchernd in der Abendluft umherkreiſen. Endlich im nächſten Jahr durfte ſie fort. Die Alten gaben noch viele Ermahnungen für die Fahrt über's Meer, aber die Schwalbe hörte kaum darauf, ſo ſehnte ſie ſich in die blaue Ferne. Leichten Schwunges flog ſie von dannen, fort über Berg und Thal, über Stadt und Land, über Wieſen und Felder und Wälder. Wie ſtaunte ſie, als ſie die große Welt erblickte; ſo hatte ſie ſich's doch nicht träumen laſſen, als ſie noch in dem alten Gemäuer wohnte, dicht unter dem kleinen, epheuumrankten Fenſterchen, das die Abend⸗ ſonne immer ſo ſchön vergoldete. So flog ſie mehrere Tage luſtig fort. An einem Abend nun, als die Sonne eben unter den Horizont ſank, und ihre letzten Strahlen die Kuppen der Berge ſcheidend küßten, und die Schwalbe hoch in der Luft ſich umſah, wo ſie heute Nacht ausruhen könnte von der langen Reiſe, da ſah ſie unter ſich zwiſchen den Bergen ein Thälchen, ſo zauberiſch lieblich, daß ſie flugs die Schwingen ſenkte und ſich hinabließ in's kleine Thal.

Und da ſaß ſie auf einem Baumaſte und ſchaute hinein mit den klugen Augen, und mit jedem Augenblicke deuchte es ihr lieblicher und ſchöner. Schroffe, moosbekleidete Felſen ſchloſſen es ringsum ein, daß nicht der Fuß der lärmenden Menſchen ſo leicht eindringen konnte in das trauliche Plätzchen; zwiſchen den Felſen wuchſen ſtattliche alte Bäume, die wiegten ihr Haupt ernſthaft im Abendwinde, und wisper⸗ ten untereinander gar angelegentlich und heimlich; aber das Aller⸗ lieblichſte und Schönſte war eine kleine reine Quelle, die recht im Herzen des Thals lag; und das merkte die Schwalbe auch, daß die Quelle der Liebling war des ganzen Thals, denn die Winde kamen und gaukelten über ſie hin und küßten ſie, wenn ſie vorüberflogen, und die Blumen, die am Rande wuchſen, bebten vor Wonne, der Holden ſo nah zu ſein, und die knorrigen, verwitterten Bäume ſelbſt ſchauten freundlich in ihr klares, reines Waſſer, und flüſterten, wie ſie ſo ſchön ſei.

Das Alles hörte die Schwalbe recht wohl, denn in der Natur ſpricht Jedes ſeine Sprache wer ſie nur verſtände! Und als ſie noch ſo ſaß und ſah und lauſchte, da kam ein Fink geflogen. Wie der den fremden Wanderer erblickte, ſetzte er ſich höflich zu ihm und