Clara Vere. 46
An einem der Kreuze war eine Geſtalt hingeſunken, ſtill, regungs⸗ los.— Helene drückte den Arm ihres Begleiters, deſſen Blick weit in die Landſchaft hinein zu dem Schloſſe ſchweifte, und deutete hinab auf die Betende.
„Die arme Mutter!“ flüſterte ſie,„ſie kann den Gedanken nicht ertragen, daß ihr Liebling hier draußen liegen ſoll in der kalten, feuchten Erde; ſie kommt, an ſeinem Grabe zu beten, wie ſie in der Nacht ſich erhob, um ſich über den Schlafenden zu beugeg, und ſeinen Schlummer zu bewachen! Kommen Sie, Georg! ſie darf nicht wiſſen, daß wir draußen waren; laſſen Sie uns zurück und ſie im Hauſe er⸗ warten.“—„Ach,“ fuhr das junge Mädchen fort, als ſie wieder in den Wald getreten waren, und ſchneller dem Hauſe zugingen,„Georg, wie iſt die Liebe einer Mutter ſo groß und heilig! wir ſind ſo liebe⸗ arm gegen ſie, wir wiſſen gar nicht, was Liebe iſt. Wenn ich den Kummer meiner Mutter ſehe, und ſehe, wie der Schmerz ihr Lebens⸗ blut trinkt;— wie ſie ſich nach dem Grabe ſehnt, nur um mit ihren Lieben wieder vereint zu ſein; wie die raſche, thätige Frau in wenigen Jahren in tiefe Schwermuth verſunken, ihr braunes Haar grau ge⸗ worden iſt,— und wenn ich dann denke, wie ich lachen und ſingen kann, als wäre noch Alles beim Alten— ach, Georg, dann komme ich mir ſo kalt, ſo herzlos vor!— Sagen Sie, Georg, bin ich ſchlecht, daß ich ſo froh in die Welt ſehe, bei ſo vielen Gründen, traurig zu ſein?“
„Liebes Mädchen,“ erwiederte Georg,„wir ſind jung, über die Jugend hat der Kummer keine dauernde Macht. Der Bach im Ge⸗ birge ſchmettert den Felſen vor ſich fort, der ſeinen Lauf hemmen will; der Fluß im Thal läßt ihn geduldig liegen. Was die Natur in uns legte, iſt nie ſchlecht; ſie handelt immer gut und weiſe. Wir ſtehen am Eingang der Rennbahn des Lebens; wie ſollten wir den Ausgang erreichen, wenn uns jetzt ſchon der Athem fehlte?“
Sie ſchritten ſchweigend weiter, und bald ſaßen ſie wieder in der Stube am Tiſch, der Mutter harrend.
In dem Dorfe unten im Thale verkündete die Glocke Mitter⸗ nacht. Deutlich hörten ſie durch die tiefe Stille trotz der großen Entfernung den hellen Ton.


