Teil eines Werkes 
2. Band, Problematische Naturen : 2. Band (1866)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

32 Problematiſche Naturen.

Der alte Mann hatte ſich wieder geſetzt und aus einer goldenen Doſe, die neben ihm auf einem runden Tiſchchen ſtand, eine Priſe genommen, um die Rührung, in die er ſich hineingeſprochen hatte, ſchneller zu überkommen; die Baronin nähte wieder eifrig an ihrer Arbeit.

Du b ut, ſagte ſie,viel zu gut, denn Du biſt es ſelbſt gegen die, Deine Güte in keiner Weiſe verdienen, und Du haſt Dir dadurch Känche ſchwere Sorge bereitet, deren Du mit ein wenig mehr ich will nicht ſagen: Egoismus, denn ich haſſe das Wort

aber mit etwas mehr Discretion überhoben geweſen wäreſt. Du biſt

jetzt für meine und Helenens Zukunft beſorgt, mit Recht beſorgt. Dieſe Sorge wäre unnöthig, hätteſt Du nicht, als Du vor vierund⸗ zwanzig Jahren das Majorat erbteſt, die Güter zu wahren Spott⸗ ſummen an Leute verpachtet, die jetzt auf Deine Koſten reich geworden ſind und noch dazu die Unverſchämtheit haben, uns als habſüchtig zu verſchreien, weil wir im nächſten Jahre die Contracte nicht unter den alten Bedingungen erneuern wollen; und hätteſt Du nicht was ich nie habe begreifen können und nie begreifen werde, damals ohne alle Noth die enormen Schulden Harald's übernommen, deren Ab⸗ tragung Alles verſchlang, was Deine und ſpäter unſere Sparſamkeit von unſern Renten erübrigen konnte.

Dem alten Baron ſchien das von ſeiner Gemahlin angeſchlagene Thema nicht beſonders angenehm; er nahm, während ſie ſprach, eine Priſe über die andere und antwortete, als ſie jetzt ſchwieg, nicht ohne einige Lebhaftigkeit:

Ich kann Dir nicht ganz Unrecht geben, liebe Anna⸗Maria, aber auch nicht ganz Recht. Die alten Contracte ſind allerdings den Päch⸗ tern ſehr günſtig, aber die Zeiten waren damals auch andere; das Geld war nach dem Kriege äußerſt knapp, die Güter im Allgemeinen

ſtanden ſehr niedrig im Werth, und unſere Güter waren, allerdings durch Harald's Schuld, in Grund und Boden gewirthſchaftet. Die

Pächter hatten wahrlich im Anfang ihre liebe Noth, und wenn ſie jetzt mit der Zeit reich und unverſchämt geworden ſind, ſo bin ich an dem einen ſo wenig Schuld, als an dem andern. Ich habe es gut mit ihnen gemeint, daß weiß der liebe Gott. Was aber mein Benehmen

S

6