Teil eines Werkes 
1. Band, Problematische Naturen : 1. Band (1866)
Entstehung
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10 Problematiſche Naturen.

ſamkeit und allerlei Beunruhigendes über ſein ercentriſches Weſen, ſeine tolle Launenhaftigkeit und ſeinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungscommiſſion, denen er durch ſein Wiſſen, mehr aber noch durch ſeinen Witz, mit deſſen beißender Lauge er Jeden ohne Anſehen der Perſon überſchüttete, gründlich imponirte. Leibhaftig hatte ich den Entſetzlichen noch nicht geſehen. Er hatte einen ſeiner hypochondriſchen Anfälle, in welchen er ſich, wie man mir ſagte, bei Tage in ſeine Stube einſchlöſſe und des Nachts in den Wäldern der Nachbarſchaft umherſchweife.

Da werde ich eines Tage von einer reichen Familie, an die ich empfohlen war, zu Mittag geladen. Die Geſellſchaft war ſehr zahl⸗ reich, ich führte eine der jungen Damen vom Hauſe zu Tiſch, ein hübſches blondes Mädchen, deſſen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend feſſelte. Als aber die gewöhnlichen Themata, die man mit jungen Damen, die ſeit einem Jahre aus der Schule ſind, abzuhandeln pflegt, durchgeſprochen waren, wurde ich auf einen Herrn aufmerkſam, der mir gegenüber ſaß. Es war ein unter⸗ ſetzter, ſchon ältlicher Mann, mit einer maſſiven, wie aus Granit ge⸗ hauenen Stirn, unter der ein Paar kluge Augen hervorblitzten. Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben, die ſich denn auch in dem Eifer, mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zuſprach, deutlich genug zu erkennen gab. Die Züge um den feſten, ſchönen Mund waren geradezu räthſelhaft: Sinnlichkeit, Witz, Schalkheit und Melancholie Dämonen und Genien ſchienen dort zu ſpielen.

Das Geſpräch wurde an dieſem Theile der Tafel bald ein allge⸗ meines, und ich konnte mich, ohne aufdringlich zu erſcheinen, hinein⸗ miſchen. Man ſprach über Kunſt, Literatur, Politik. Ueberall ſchien der merkwürdige Mann zu Hauſe, überall überraſchte er uns durch die geiſtvollen Apereus, durch blendende Antitheſen und wunderliche Paradoxen. Ja, er ſchien ſeine Freude daram zu haben, wenn er ſo ein Tröpfchen Fegefeuer hineingeſprengt hatte und die hölliſchen Flämmchen den guten Leuten auf der Naſe kitzelten. So ſtellte er

denn auch gelegentlich die Behauptung auf, daß Revolutionen der

Menſchheit nie etwas genützt hätten, nie und nimmer etwas nützen