Vom Grafen Sollogub. 121
den Petersburger Salons, wo man tanzt und franzö⸗ ſiſch ſpricht; ſicherlich wird man ſie eher in der ärmli⸗ chen, eingeſchneiten Bauerhütte, auf der warmen Ofen⸗ bank finden, wo der blinde Greis in ſingendem Tone wunderbare Sagen voll Glut und jugendlicher Kraft erzählt. Eilt, den Worten des Alten zu lauſchen; denn vielleicht morgen ſchon iſt er mit den Liedesworten auf der Lippe verſchieden, und Niemand mehr wird dieſe Klänge nach ihm wiederholen.— So ging Vieles ſchon unwiederbringlich verloren und verliert ſich mit jedem Tage. Unſtre Vorzeit verſchwindet und führt alles Volksthümliche mit ſich hinweg. Und welcher Erſatz wird uns dafür?— Nicht friſche Nahrung, lockende Früchte, nein, widriger Unrath, modernder Abfall. Sagt, wär's nicht beſſer, den ganzen Kehricht der Li⸗ teratur wegzuwerfen und mit Ausdauer alles Volks⸗ thümliche zu ſammeln und es Wort für Wort, wo es ſich findet, aufzuzeichnen, ohne daß wir wie unfre Modedamen vor der ſchlichten Einfalt des Bauern Ekel empſinden, ſondern als Ruſſen das, was uns noch Nationales bleibt, in Ehren halten. Durch die Kenntniß unſter Vorzeit gelangen wir zur Kenntniß unſter Sprache, unſers Volksgeiſtes, unſter wahren Bedürfniſſe. Dann erſt wird es möglich, daß wir


