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ſo grauſam getäuſcht fand! In einem Angenblick war Muth und Farbe weg. Er ſtand einige Zeit lang ſtumm und ſtarr. Endlich wiederholte er dreimal die Frage: Wie? NRicht einmal ein Wort von Emilien? Und da er an Pips Vorſicht zu zweifeln anfing, be⸗ fragte er ihn auf's Aengſtlichſte nach dem ganzen Hergang der Sache. Er erkundigte ſich bei ihm, ob er die junge Dame geſehen habe, ob ſie ſich wohl befinde, ob er eine Gelegenheit ausgeſpäht, ihr den Brief zukommen zu laſſen, und was ſie dazu für eine Miene gemacht habe? Pips antwortete: Er habe ſie nie geſunder und munterer geſehen, und habe es ſo einzurichten gewußt, daß er ihr nicht nur das Billet zugeſtellt, ſondern auch beim Weggehen ſie insgeheim befragt habe, ob ſie nichts zu beſtellen hätte. Darauf habe ſie verſetzt: Der Brief bedürfe keiner Antwort.
Dieſen letzten Umſtand ſah Peregrine als ein offenbares Zeichen der Verachtung an, und biß ſich deßhalb vor Unwillen in die Lippen. Bei fernerer Ueberlegung vermuthete er gleichwohl, ſie habe ihm nur nicht füglich durch den Boten ſchreiben können, und würde ihn unfehlbar durch die Poſt mit einer Antwort begünſtigen. Dieſe Vorſtellung tröſtete ihn für jetzt, und er erwartete mit Ungeduld die Früchte ſeiner Hoffnung. Allein, als acht Tage vergangen waren, ohne daß er die Freude eingeerntet, mit welcher er ſich ge⸗ ſchmeichelt hatte, wich ſeine Mäßigung. Er tobte gegen das ganze weibliche Geſchlecht, und gerieth in einen Anfall von Trübſinn.
Allein in Kurzem kam ihm ſein Stolz zu Hülfe, und rettete ihn von den Schreckniſſen des melancholiſchen Feindes. Er entſchloß ſich, ſeiner undankbaren Gebieterin ihre Geringſchätzung wett zu machen. Sein Geſicht nahm allmählig die vorige Heiterkeit wieder an, und, wiewohl er noch nicht völlig von ſeiner Geckhaftigkeit ge⸗ heilt war, ſo erſchien er doch wieder in den öffentlichen Luſtbarkeiten mit einem fröhlichen, ganz unbefangenen Weſen, damit Emilie durch einen Zufall erführe, wie wenig er ſich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, aus ihrer Verſchmähung mache.


