Sz. 6. Konig Lear.
Koͤnnt' ich es laͤnger tragen ohne Hader Mit Euerm unabwendbar ew'gen Rath, So moͤchte wohl mein muͤder Lebensdocht Von ſelbſt verglimmen. Wenn mein Edgar lebt— O ſegnet ihn!— Nun Freund, gehab dich wohl. Edg. Bin fort ſchon, lebt denn wohl. (Gloſter ſpringt und fällt zur Erde.) Und weiß ich, ob nicht Phantaſie den Schatz Des Lebens rauben kann, wenn Leben ſelbſt Dem Raub ſich preis giebt? War er wo er dachte, Jetzt daͤcht“ er nicht mehr.— Lebend oder todt?— He guter Freund!— Herr, hort Ihr?— Sprecht!— So koͤnnt' er wirklich ſterben:— Nein, er lebt. Wer ſeyd Ihr, Herr?— Gloſt. Hinweg und laß mich ſterben. Edg. Warſt du nicht Fadenſommer, Federn, Luft, So viele Klafter tief kopfuber ſtuͤrzend, Du waͤrſt zerſchellt, gleich einem Ey. Doch athmeſt du, Haſt Koͤrperſchwere, blut'ſt nicht, ſprichſt, biſt ganz: Zehn Maſtbaͤum' auf einander ſind ſo hoch nicht, Als ſteilrecht du hinabgefallen biſt. Dein Leben iſt ein Wunder: ſprich noch einmal. Gloſt. Doch fiel ich oder nicht?— Edg. Vom furchtbar'n Gipfel dieſer kreid'gen Klippe: Sieh nur hinauf, man kann die ſchrill'nde Lerche So hoch nicht ſehn noch hoͤren; ſteh' nur auf. cloſt. Ach Gott! Ich habe keine Augen. Ward auch die Wohlthat noch verſagt dem Elend, Durch Tod zu enden?— Troſt gewaͤhrt es doch, Als Noth den Grimm des Schickſals hoͤhnen konnte, Und ſeiner Willkuhr ſich entziehn. Edg. Gebt mir den Arm: Auf:— So! Wie geht's? 8 ½ Ihr die Beine?— Ihr eht?— Gloſt. Zu gut! zu gut! Edg. Das nenn' ich wunderſeltſam! Was war das fuͤr ein Ding, das Euch verließ Dort auf der Hoͤh'?
Gloſt. Ein armer Bettler war's. Edg. Hier unten ſchienen ſeine Augen mir Zwei Monden; Tauſend Naſen hatt' er, Hoͤrner


