„Aber wenn ich ſcheiden müßte? Wenn der Tod mich von Dir riſſe?“
Die Stimme der Mutter bebte.
„Du mir ſterben?“ Emy ſah ihre Mutter mit angſtvollem und verzweifeltem Blick an.„Nein, nein, das kann nicht ſein!“
Sie ſchlang ihre Arme mit Ungeſtüm um den Leib der Mutter und ſezte hinzu:
„Ich würde ſterben, ſterben mit Dir, mit Deinem Herzen bräche auch das meinige.“
„Siehſt Du, meinKind, ich habe durch meine Zärtlich⸗ keit Dich ſo feſt an mich gefeſſelt, daß Du die Möglichkeit unſerer Trennung gar nicht faſſen kannſt. Beſäßeſt Du eine Freundin von gleichem Alter, ſo wäre Dein Gefühl getheilt und der Verluſt von mir würde Dir nicht ſo unbegreiflich erſcheinen; aber indem ich von Dei⸗ ner früheſten Kindheit an Deinen Sinn an die Hei⸗ math zu feſſeln ſuchte, glaubte ich gleichfalls meine Pflicht gegen Dich zu erfüllen, ſofern ich Deine Nei⸗ gung ausſchließlich dem Glück zuwenden wollte, wel⸗ ches Häuslichkeit und Liebe gewähren⸗ Ich wollte
Dich zum Weibe bilden, in des Wortes heiligſter
6 Bedeutung, und darum Deine Seele nur für die reinen Freuden des häuslichen Lebens empfänglich
machen. Aber ich habe mich vielleicht bei dieſen Be⸗
mühungen von Einſeitigkeit nicht fern gehalten und allzu ausſchließlich der Meinung hingegeben, daß die häuslichen Tugenden und ein tiefes religiöſes Ge⸗ fühl das wahre Glück, der wahre Friede des Wei⸗ bes auf Erden ſind. Ich hätte vielleicht Dein Herz
mehr zu der äußern Welt in Beziehung ſezen und
ihm Intereſſe auch für ſie einflößen ſollen. Nu


