Teil eines Werkes 
1. Theil (1849)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

Siegerin. In dieſer großartig leidenſchaftlichen Natur gab es keine Uebergänge, keine Vermittelungen, ich hatte ſie eben als ſchmerzbeladenes, kummerunterjochtes Weib geſehen, eine Sekunde ſpäter erhob ſie ſich wie⸗ der als ſteinerne Heilige, bleich, ernſt und kalt.

Sie haben mich geſehen, wie noch kein Menſch mich ſah, ſagte ſie aufathmend. Von dieſer Stunde an werde ich Sie entweder grenzenlos lieben, oder gren⸗ zenlos haſſen!

Lieben Sie mich, ſagte ich, ſie feſt umſchlingend, laſſen Sie Ihr Herz warm und menſchlich ſchlagen an dem meinen, laſſen Sie mich mit Ihnen klagen, mit Ihnen weinen! Laſſen Sie mich die heiligen Pſalmen Ihrer Schmerzen vernehmen, laſſen Sie mich Theil haben an dem Cultus Ihrer Leiden!

Sie antwortete nicht, aber ſie drückte mich ſo feſt, ſo glühend in ihre Arme, daß ich zu erſticken meinte. Dann ließ ſie mich los, und nahm meinen Kopf in ihre Hände und blickte mich an, lange, ſchmerzvoll und innig. Plötzlich drückte ſie einen Kuß auf meine Stirn und ſagte: Jetzt biſt Du Mein! Ich werde Dich grenzenlos lieben!