Jahrgang 
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Ja, mein liebes Kind, das glaube ich, erwiederte Jönsſon, und auch Sie, alle Menſchen müſſen es glauben, wenn ſie auch in ihrer Schwäche nicht erkennen können, was der Herr thut zu ihrem Beſten. Unterwerfen müſſen wir uns dem göttlichen Willen; ach! was hülfe uns auch unſer Trotz und unſer Murren. Demüthig und ſtark ſollen wir tragen was uns auferlegt wird und dem Herrn vertrauen, der über den ärmſten Wurm wacht.

Nein, mein Vater, antwortete Otho erregt, ich kann Ihren from⸗ men Glauben nicht theilen, ich kann nicht demüthig ſein. Wenn ein Gott ſich um jeden Wurm kümmerte, wenn er das Gerechte beſchützte, das Gute gegen das Schlechte ſchirmte, ſo müßte ich nicht hier liegen. Und, fuhr er fort, wenn ich es allein wäre; aber ſeht auf die Schickſale aller Menſchen, ſeht, was die Geſchichte Euch erzählt; lest, wenn Ihr leſen könnt, wie die Gerechten von je an gelitten haben, wie viel Elend, wie viel Unglück jeden Erdentag ausfüllen; wie viele unerhörte Gräuel aller Art noch jetzt geſchehen, ohne daß ein Gott ſich der Zertretenen erbarmt.

Und er, der am Kreuze ſtarb, erwiederte der Prieſter leiſe ſtrafend,

er ſagte: Dein Wille geſchehe, mein Vater! Seinen Geiſt, den kein irdiſches Leid antaſten konnte, gab er in die Hände Gottes.

Otho warf ſich heftig auf ſeinem Lager. Ich bin kein Heiliger und kein Märtyrer, rief er aus. Ich widerſetze mich dem Leid, das mir geſchieht, ſo lange ich es vermag, halte nicht meine linke Wange hin, wenn meine rechte einen Streich erhalten hat.

Und was, mein liebes Kind, ſuhr Jönsſon in ſeiner Milde fort, was hat dies trotzige Selbſtvertrauen Ihnen geholfen? Ich weiß es wohl wie menſchliche Kraft und Stärke aufſchreit gegen die Hand des Herrn, wie unbändiger Sinn ſich nicht beugen will vor dem Gewal⸗

tigen, den kein Flehen und kein Wüthen rührt, wenn er ſeinen Willen

vollzieht.

Kann nichts ihn rühren, wie Sie ſagen, antwortete Otho, dann wahrlich müſſen wir um ſo mehr ſuchen uns ſelbſt zu helfen.

Und wo wäre denn Hilfe anders als bei ihm? verſetzte der Greis demüthig; wo wäre Troſt im Unglück, als in ſeinem Glauben.

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ver.